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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-15 · Heft 11 (15.3.1912) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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Da s Wahlverfah ren 'hat zu Uebel ständen .geführt, wird in den Petitionen weiter ausgeführt. In der jüdischen Gemeinde gibt es z w e i R i ch t u n g e n: eine, die am alte n hängt, eine kon se rvativc und eine, die modernen Anschauungen zugänglich ist, eine liberale. Bei den letzten Wahlen wurden für die liberale Liste 5200 Stimmen,' für die konservative 3900 Stimmen abgegeben. Die konservative Richtung bedeutet eine starke Minderheit und ist nicht in ausreichender Weise vertreten. Es sollen W a h lt x eise gebildet werden, in denen gewählt wird. Soviel Wahl - t r e i s e w i e zu .wählen de- Mitglieder. Weitere Anträge wollen die jüdische Synagogengemeinde Groß-- Berlin z e r s ch l a g en in vollständig selbständige Synagogenbezirke, die sich zu einer Gesamtgemeinde vereinigen. Ich gebe zu, daß die Petitionen der Prüfung wert sind. Dazu ist hier ab er ni cht d i e p a ss e nd e B e r an l as su n g. Es handelt sich hier nicht um eine organische Amgestaltung der Synagogengemeinde-Groß-Berlin, sondern lediglich darum, den augenblicklichen Notstand zu beseitigen. Statt einer beschränkten Anzahl von Vorstandsmitgliedern sollen einige weitere Zugelassen, und es soll gestattet werden, eine Reihe von Vorstandsmitgliedern zu besolden. Es kommt darauf an, daß das.a u g e n b l i ck l i ch e praktische Bedürfnis befriedigt w i r d. Es liegt jetzt kein Anlaß vor zu einer organischen U m g e st a l t u n g der Berliner Synagogengemeinde. Will man die Frage im Sinne der Petenten erledigen, dann ist das k e i n e k l e t n e A rbei t. Die Aenderung in Wahlbezirke, Synagogenbezirke schasst einfach neue Verhält- . "iss e. Ich stelle anheim, ob es nicht richtig sein würde, die Petitio- . neu der königlichen Staatsregierung als Material zu überweisen, damit die Materie aufs neue geprüft wird. Es ist möglich , daß b e ach t en sw er t e Bo rschlach e ' zu. . einem n e it en Gesetzentwurf vorlieg e n. . -; Ich weiß, daß von anderer Seite der Antrag auf Ueberweisung au eine Kommission gestellt wird. Ich glaube, daß die Materie kurzer Hand nicht wird erledigt werden können. Ich bitte daher um unveränderte Annahme mit dem Z u s a tz a n t r a g .B e n d e r und um UeberWeisung der Petitionen an die StaatsregierungalsMaterial. Abgeordneter v. Sydow (Kons.): Die Petitionen sind erst im letzten Moment eingetrvsfen. Ihr Inhalt ist zum Teil sehr schwerwiegend. Esscheint so, als ob die s ch w.e r e n Miß st a n d e in der Berliner Synagogengemeinde durch den Entwurf nicht behoben, sondern vergrößert werden. Es handelt sich doch hier um eine große Minorität. Wir halten eine Kommissionsberatung für nottvendig. Um so mehr, als wir wissen, daß die Arbeit s e h r g roß i st. Ich beantrage Ueberweisung an die Kommission. Abgeordneter Graf v. Oppersdorf (Neue Fraktion): Ich kann mich den Aussüyrungen des Vorredners nur anschließen. Zu dem Gesetzentwurf, der das hohe Haus beschäftigt, will ich kurz bemerken, daß die Minorität der konservativen Israeliten in der Gemeinde so groß ist, daß sie sich unter den jetzigen Verhältnissen in einer Gewissensnot befinden, wie aus Schriftstücken, aus der Presse hervorgeht. Wenn diese Gelvissensnot beseitigt werden soll, muh man zugeben-'daß die Gewissensnot nicht beseitigt werden kann dadurch, daß man den g r o ß e n g r ü n e n Tisch um ein paar Platten verlängert. Ich beantrage Ueberweisung an die I u st i z k o m Mission, die sich doch auch — nach meiner Erinnerung — 1876 Mit diesem Gesetz beschäftigt hat. Präsident v. Wedel: Das Haus ist bei einer einmaligen Beschlußsassutig jederzeit in der Lage, den Entwurf an die K o m - Mission zu verweisen. Graf Oppersdorf ist mit der Ueberweisung an die...Kommun n l k o m m i s s i o n einverstanden. Es kommt zur Abstimmung. Gegen 5 Stim"m en, darunter Oberbürgermeister Kirschner, geht der Entwurf an die Kommun alkommission. Die Tribünen leeren s i ch, während das Haus an die Beratung des'Punktes 4 der Tagesordnung geht. ° . . - Die ungarilchr LandesKonkermtz. Von Prof. Schwarz. chon während des Drucks des -Berichts in voriger Nummer ist ein Ereignis eingetreten, das die Hoffnungen auf das Gedeihen der Ulnisikationsbestrebungen stark vermindert. Es hat nämlich inzwischen die Landesrepräsentanz der Orthodoxie getagt und leider die Streitaxt wieder ausgegraben. Die offizielle Vertretung der ungarischen Orthodoxie hat in das Kriegshvru geblasen, und das Kriegsgeschrei hüllt bis Mainz wider. Dem Prinzipe gemäß „audiatur et altera pars" will ich über den Verlauf dieser Versammlung kurz berichten, und zwar nach dem Referate orthodoxer Zeitungen. Der Präsident Adolf Frankl sagte bei der Eröffnung: Die von den Neologen neuestens entfaltete Fahne des Friedens bedeutet in Wirklichkeit den Kämpf gegen das orthodoxe Judentum. Man hat zur Irreführung den Schulchän- Aruch als Basis der Verständigung proklamiert, trotzdem die Neologen nicht auf dieser Basis, stehen. Es ist ein Schwindel, daß man berichtet hat, orthodoxe Gemeinden haben an der Landeskonferenz teilgenommen. Diejenigen Herren, die sich für Orthodoxe ausgaben, sind weder selber orthodox, noch vertreten sie solche Gemeinwesen. Es verlautet, daß die Neologen auchvor Verleumdung der Orthodoxie bei der Regierung nicht zurückschrecken und Wanderapostel in die orthodoxen Gemeinden senden werden. Dagegen muß die Orthodoxie kämpfen init Ausdauer für den Sieg und Triumph ihrer Sache 7 Das ist der sachliche Inhalt der Rede, welche einen so gewaltigen Eindruck bewirkt hat, daß beschlossen wurde, sie vollinhaltlich in Druck zu legen und in allen orthodoxen Ge- - meinden zu verbreiten. Man forscht in dieser Rede vergebens -. nach sächlichen Argumenten, die gegen die Unifikation sprechen, -nach dem versöhnlichen Ton, der in der Landeskonferenz erklang, und findet statt dessen die Proklamierung des Kampfes um des Kampfes willen, Herabwürdigung einzelner Personen, die trotz orthodoxen Bekenntnisses, für ein einheitliches Judentum Verständnis haben, und Unterschiebung böser Absichten und schlechter Handlungen der Gegenpartei, als ob die keinen anderen Zweck verfolge, als den Orthodoxen ihre Glaubenslehren und Institutionen zu vernichten. Trotzdem die Landeskonferenz innerhalb der zu schaffenden Autonomie die Erhaltung und Pflege der Institutionen und .Traditionen einer jeden -religiösen Schattierung zu sichern wünscht, wird ihr der Vorwurf gemacht, die Orthodoxie besiegen zu wollen. Trotzdem es sich eigentlich erst um die Vorarbeiten handelt und noch kein Entwurf der einheitlichem Organisation vorliegt, wird schon jede Teilnahme an diesen Vorarbeiten mit dem Bann belegt. In - diesem Sinne beantragte ein Rabbiner, jedes Vorstandsmitglied einer orthodoxen Gemeinde, das für die Unifikation eintritt, auszuschließen.- Ein anderer ging noch weiter mit seinem Anträge, -jedes Gemeindemitglied, daß dieses Verbrechen begeht, aus der orthodoxen Gemeinschaft auszuschließen (was Notabene nach dem Staatsgesetz ganz-unmöglich ist in Orten, in denen keine andere als die- orthodoxe Gemeinde besteht) auf Grund eines RabbineriMrs (Verbots). Die Versammlunghatte soviel Einsehen, diesen Antrag abzuweisen. Der Fanatismus gegen die. Unifikation scheint doch, teilweise der Befürchtung zu entspringen, daß die Bewegung auch in der Orthodoxie auf gesunden Nährboden fallen könnte. Tatsächlich waren an der Landeskonferenz 26 orthodoxe Gemeinden vertreten, was wohl eine verschwindend geringe Zahl.ist,.aber als.Erscheinung an und. für sich ein bemerkenswertes Novum. Es entspricht nicht der Statistik, daß es in -Ungarn 1480 s orthodoxe Groß- und Kleingemeinden gibt, wie das Sprachrohr der deutschen Orthodoxie meldet. Es gibt nämlich viel-

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