Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Judentum zugeschoben lverden. So ist zum Beispiel der Abgeordnete De. David, Sozdem., evangelisch, Philologe, Vater Kreisrentmeister, durchaus kein Semit, ebensowenig der Abgeordnete Joh. Karl P i n k a u, Sozdem., deutsch-katholisch, Photograph, Vater Stellmacher, auch i n Herm. Silberschmidt, Sozdem., konsessionslos, Maurer von Berus, Vater Maurer, hat man es wohl nicht mit einem Juden zu tun. Der Fortschrittsparteiler Dr. B r a b-a n d, Rechtsanwalt in Haurburg, evang.-luth., Vater Oberstaatsanwalt, hat bekanntlich bestritten, daß in seinen Adern semitisches Blut flösse. Auch der Abgeordnete F e u e r st e i n, Sozdem., evang., Schriftsetzer, Vater Kgl. Württ. Oberkutscher, ist ohne Zweifel ein Deutscher dem Blute nach, und auch der Abgeordnete Peirot.es, Sozdem., kath., Vater Schreiner, scheint kein Jude zu sein. Dasselbe ist wohl anzunehmen von den Abgeordneten Fuchs, Kerschbaum, Dr. Kerschenstein er, Simon und Taubadel. Ist der Bericht, den wir.nicht kontrollieren können, zuverlässig, so gehören unter den Reichstagsabgeordneten nur sieben dem Judentum an. Es ist zu wünschen, daß diese, wenn es nottut, die Sache der Juden vertreten. Bei der Zusammensetzung des Reichstags, namentlich auch bei seinem nun endgültig gewählten. Präsidium: Kaempf, Paasche, Dove, also zwei Mitgliedern der B.olks-, einem der nationalliberalen Partei, sind irgendwelche judenseindlichen Bestimmungen kaum zu-befürchten. O liebet die Stellung des Zentr um s z u d e n I u d e n ist an dieser Stelle mehrfach gehandelt worden. Zur Fortsetzung solcher Betrachtungen sei hier ein Artikel der „Kölnischen Bolkszeitung" wiedergegeben, den man mindestens als offiziösen Ausdruck der Parteistimmung betrachten kann. Ich brauche nicht besonders zu betonen, daß ich im wesentlichen auf dem Standpunkt stehe, den die Zeitschrift „Im Deutschen Reich" vertritt; ich bringe diesen Artikel nur, weil er mir hochbedeutsam scheint für eine uns ungünstige Veränderung, die sich möglicherweise im Zentrum ausbreitet. Er lautet: Das Februarheft der Zeitschrift des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, betitelt „Im Deutschen Reich", beschäftigt sich in seiner Umschau eingehend mit den Reichstagswahlen und mit der Stellung der rechtsstehenden Parteien zum Judentum. Was dabei über das Zentrum gesagt wird, kann aus prinzipiellen Gründen nicht unwidersprochen bleiben. Besonders die Behauptung, daß es „von den Juden stets dankbar anerkannt worden sei, daß das Zentrum, wenn es den Schutz religiöser Einrichtungen galt, nie versagt hat. Um so unangenehmer berührt es aber, daß, wenn die Frage der vollständigen Gleichberechtigung neuerdings ans der-Tagesordnimg stand, die Verwirklichung der „Lex Wiggers", an der Windthorst hervorragenden Anteil hatte, nicht mehr mit dem gleichen Eifer vertreten wurde, den einst Reichensperger, Mallinckrodt und Lieber für das Recht der Miiwritäten entwickelt haben." Für diese Behauptung dürfte kein stichhaltiger Grund beizubringen sein. Windthorst äußerte bei der Beratung der Lex Wiggers am 2. Juni 1869: „Ich bin der Ansicht, daß bei dem gegenwärtigen Stande der Verhältnisse in Deutschland es unzulässig ist,; daß das religiöse Bekenntnis irgendwelchen Einfluß auf. die öffentlichen bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnisse hat." . Am.3. Juli 1869 ward das dementsprechend gestaltete Gesetz publiziert. Den Standpunkt Windthorsts vertritt die.Zentrumspartei auch Heute noch; Uebrigens den Juden gegenüber doch wahrscheinlich nicht aus einer Berechnung heraus, die aus Stimmenfang gedeutet werden könnte! Die Juden zählen heute überhaupt nur 607 802 Köpfe in ganz Deutschland. Was hiervon auf die stimmberechtigten Männer kommt, fällt bei der Gesamtzahl der deutschen Wähler kaum ins Gewicht. Außerdem gehen die deutschen Juden in der Bevölkerungszisfer stark zurück. Zudem weiß das Zentrum ganz genau, daß es von dem ihm oben attestierten jüdischen. Dank für' den „Schutz religiöser Einrichtungen" sehr wenig.fühlbaren Nutzen hat. ' Es ist schon richtig, daß. es diesen Dank verdient hätte. Ich verweise nur ans die; selbstlose.Arbeit des Zentrumsabgeördneten Marx zum Beispiel beim Volksschul« nnterhaltüngsgesetz oder in der Sitzung vom 21. Februar 1908:. Aber das führt gerade auf den wunden Punkt bei der ganzen politischen Betätigung des deutschen und besonders des preußischen Judentums. Die politische Macht des Judentums, beruht nicht in seiner-Stimmenzahl, sondern in seinem Kapital- und dies betätigt sich'linkssveisinnig, oder aus das Weltanschauungsgebiet übertragen radikalsreidenkerisch. Und insofern schadet es allen anderen bürgerlichen Parteien weit mehr als dem Zentrum, am meisten aber den liberalen Parteien. Das haben die letzten Reichstagswahlen klar erwiesen. Ich erinnere nur an das „Berliner Tageblatt" und seine geistigen Ableger. Wenn sich gegen diese das Zentrum wehrt, so ist das nichts weniger als eine Absage an seine Windthorstsche Toleranzpvlitik. Die wird, dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Das Zentrum hat gar keinen verbitterteren politischen Gegner als die judo-freisinnige Presse, und daraus ergibt sich seine politische Stellungnahme diesem Gegner gegenüber von selbst. Was sich insbesondere der Katholizismus von dieser Seite gefallen lassen muß, namentlich in den respektiven „Witz"blättern, das ist gauz. unerträglich und muß jeden Katholiken, dem seine katholische Ueberzeugung teuer ist, bis aufs Blut reizen. Wenn deshalb die genannte jüdische Zeitschrift von dem „aussallendene Eifer" spricht, „mit dem bei ähnlichen Gelegenheiten von klerikaler Seite zwar die antisemitische Tonart beibehalten-, aber doch dazwischen immer behauptet wurde, daß man nicht das gläubige Judentum, sondern nur den zersetzenden Einfluß der dem Atheismus und Monismus zuneigenden Juden bekämpfe", fo ist hieran das „zwar" falsch und das „aber" richtig. Das Zentrum ist-nicht antisemitisch, wie zum Beispiel die Deutschkonservativen auf Grund des Tivoliprogramms, aber es weiß natürlich sehr genau, daß verschiedene Zeitungen mit riesiger Auslage, die der freidenkerischen und freisinnigen Propoganda dienen, mit jüdischem Kapital finanziert sind. * Hebet die Borbildung der israelitischen Religionslehrer wird der „Pfälzischen Volkszeitung" aus der Pfalz geschrieben: Schon längst wurde es in den beteiligten Kreisen als großer Mißstand empfunden, daß bei der Anstellung der israelitischen Religivnslehrer oft nach deren Vorbildung nicht gefragt wurde und ganz ungeeignete Elemente sich einnisten konnten. Nun hat die Pfälzische Regierung nachstehenden Erlaß veröffentlicht, der sich auf eine Minister! alverordnung vom 24. Januar 1912 stützt und von israelitischen Gemeinden und deren geprüften Lehrern mit großer Befriedigung - mlsgenommen werden wird: 'Nach der Ministerialentschließung vom 28. Januar 1828-Nr. 6239, beit Religionsunterricht der jüdischen Jugend betreffend, können als Neligionslehrer nur Inländer angeftellt werden, welche an einem Schullehrerseminar unterrichtet worden sind und eine Prüfung abgelegt haben. -Da die Aufstellung solcher Religionslehrer nicht in.alleix Fällen sich ermöglichen läßt, bestimmte dir Negierungsentschließung vonr 14. März 1859 Nr. 6982g, daß zu besagter Prüfung auch solche Kandidaten zugelassen loerden, die sich über einen regelmäßigen dreijährigen Vorbereitnngsunterricht bei einem hierzu förmlich ausge- - stellten israelitischen Volksschullehrer oder einem Rabbiner auszuweisen vermögen. Diese Bestimmungen sind bisher bei Ausstellungen israelitischer Religionslehrer nicht immer beachtet worden. Im Interesse der sittlich-religiösen Bildung der israelitischen Jugend wird jedoch - auf Grund-der Ministerialentschließung vom 24. Januar 1912 Nr. 30067 in Zukunft bei der Ausstellung israelitischer Religionslehrer nach folgenden Grundsätzen verfahren werden: Ueberall da, wo es möglich ist, sollen israelitische Volksschullehrer oder an Schullehrerseminaren unterrichtete israelitische Religionslehrer angestelltwerden, welche die im Anschluß an die'Seminarschlußprüfung an der Lehrerbildungsanstalt Kaiserslautern abzuhaltende Prüfung'oder eine gleichwertige Prüsimg bestanden Habens Weniger bemittelte Kultusgemeinden werden sich zu diesem Zwecke mit leistungsfähigeren Nachbargemeindien zusammenzuschließen haben, was in den meisten Fällen bei gutein Willen möglich ist. Wo sich die Anstellung seminaristisch gebildeter Religionslehrer doch nicht ermöglichen lassen sollte, werden als Religionslehrer nur solche Personen zur Prüfung zugelassen ünö nach deren Bestehen als israelitische Religioiislehrer bestätigt werden,' welche folgende Voraussetzungen erfüllt haben: