Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Genialität, sind hierfür Zeugen. War nicht Friedrich der Große der schwächste und kleinste Hohenzoller, dennoch der stärkste und größte? Haben Hieronymus Lorm und Helen Keller, die Blinden und Tauben, nicht durch die Verfeinerung ihres Zentralnervensystems die Mängel ihres Körpers ausgeglichen, anderer Beispiele zu geschweigen? Liegen nicht ferner in den Solidaritätsgesühlen, in den altruistischen . Instinkten Mächte und Mittel, die dem Schwachen Ersatz bieten für die bei ihm verminderte leibliche Anpaßbarkeit? Die gegenseitige Rücksicht und Förderung, die man dem Schwachen angedeihen läßt,-ersetzt, was ihm an körperlichen Kräften abgeht, und ermöglicht ihm, gestützt aus die Hilfe der Mitmenschen, erfolgreich den Daseinskampf auszunehmen. Mit Recht weist Förster darauf hin, wie der Dienst am Schwachen, die Pflege der Kranken und Krüppel ein Krästquell für den Starken ist. Die Arbeit für die Unglücklichen, die Hingabe an die Elenden führt die Starken zur Selbstüberwindung und befreit so das Beste in ihnen: den Willen zum Recht, der besser ist als der Wille zur Macht. Sie gewinnen durch Uebung in der Selbstverleugnung die Gewalt über sich selbst, und „wer andere wohl zu leiten strebt, muß fähig sein, viel zu entbehren", während die Menschen ohne Selbstbeherrschung den problematischen Naturen in Björnsons Roman Absaloms Haar gleichen, die widerstandslos sich den gefährlichen Lockungen des Augenblicks chingeben. „Geheimnisvolle Hilfe kommt den Starken oft vom Schwachen. „Jede Hingabe an das Wohl anderer führt zur Selbstbesreiung und macht frei zur Kulturarbeit." Nicht minder einleuchtend tut Förster dar, wie haltlos Nietzsches kulturphilosophische Betrachtung des Gebotes der Nächstenliebe ist. Er operiert da mit einem rein formalistischen Begriff: Wille zur Macht. Die reinen Machtanbeter gingen aber nicht als Schöpfer, sondern als Zerstörer über die Bühne der Welt und endeten im Cäsarenwahn. Dieser bedingungslose Kultus der Macht zeigt uns den ganzen weltfremden Einsiedler, der wähnte, den Menschen in seinem Zarathustra das tiefste Buch gegeben zu haben, während es doch das Gedankenwerk eines überarbeiteten Stubengelehrten, die künstliche Gedankenkonstruktion eines geistreichen Psychopathen ist. Wie anders Goethe, der in seinem „Faust" tatsächlich aus der gewaltigen Kraft feiner Lebensweisheit heraus gedichtet hat. Faust, der Geistesaristokrat, kann nicht über fremdes Leben hinwegtreten, ohne in qualvoller Selbstverneinung zu wünschen: „O, wär' ich nie geboren" und dem niederen Menschen, dem Mephisto, dessen Götze die Macht ist, zuzurufen: „Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin." Ebenso verkennt Nietzsche den Wert der Gesellschaft, wenn er den Menschen nur als Einzelwesen bewertet. Gelangt doch der Mensch nur als Gemeinschaftswesen zur höchsten persönlichen Kultur. Wohl können wir Nietzsches Idealismus begreifen und ihm gerecht werden. Er will den Einzelnen von der Zwingherrschaft der Vielen über den Einen befreien. In diesem Sine macht Gemeinschaft gemein. Er schießt aber weit über das Ziel hinaus. Er übersieht,' daß das Gemeinschaftsleben bestimmt ist, den Charakter zu bilden und zur Herausbildung des von der Selbstsucht befreiten höheren Ich zum wahren Uebermenschen zu führen. Nietzsche meint, der vornehme Mensch sei ein harter Egoist, der durch das Pathos der Distanz die Masse in Schranken weist. Gerade die Renaissance, für Nietzsche die Periode reinster Menschlichkeit, zeigt aber — Förster stellt das gleichfalls scharf heraus — wie Größe und Mitleid sich vereinen, denn die eigentlichen Kulturträger dieser Epoche sind nicht die Borgias, die sich mit der Herde dadurch vermengen. . daß sie auf das Niveau brutaler Rücksichtslosigkeit 'zurücksinken, sondern Männer wie Linardo da Vinci, der in seiner Herzensgute die gefangenen Vögel aus dem Markte aufkaust, oder Michel Angelo, in dessen Briefen so oft die selbstlose'Liebe zu seinen armen Verwandten uns rührt. Nietzsche selbst wünscht sich einmal die Dornenhecke der Selbstverleugnung, damit das Vieh, das Tierische nicht durchbreche. Von dieser Arbeit der Selbstläuterung sagt Goethe in den Geheimnissen ein Wort, erfüllt von tiefer Frömmigkeit, in dem diese Betrachtung ausklingen möge: Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite Zu leben und zu wirken hier und dort. Dagegen engt und hemmt von jeder Seite Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort. In diesem innerv Sturm und äußern Streite Vernimmt der Geist ein schwerverstand'nes Wort: Von der Gewalt, die alle Menschen bindet. Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. Dir Woche. Berlin, 12. März 1912. Ueber die jüdischen Reichstagsmitglieder bringt eine sehr trübe Quelle, die „Deutsche Tageszeitung", folgenden Bericht, den wir hier abdrucken: .In den „Deutschsozialen Blättern" beschäftigt sich H. Nord auch mit der Zugehörigkeit der einzelnen Neichstagsabgeovdneten zur jüdischen Rasse. Nach ihm sollen folgende 17 Abgeordnete jüdischer Abstammung sein: Bernstein, Ed., Sozdem., konfessionslos (Vater Lokomotivführer), lernte im Bankfach: Cohn, Dr. jur., Sozdem., jüdisch (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt in Berlin; D a v i d s o h n, G., Sozdem., israel. (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt und" Schriftsteller, Akademiker; Frank, L., Dr. jur., Sozdem., jüdisch (Vater Kaufmann) Rechtsanwalt in Mannheim; G o t h e i n, G., Fortschrittspartei, evang. (Vater Arzt), Bergfach, Akademiker: , Gradnauer, G., Dr. Phil., Sozdem., konfessionslos (Beruf des Vaters?); Redakteur; Haas, L., Dr. jur., Sozdem., israel. (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt in Karlsruhe; Hanfe, Hugo, Sozdem., jüdisch (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt in Königsberg; H e ck s ch e r , Siegst., Dr. jur., Fortschrittspartei, evang. (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt in Hamburg; Herz seid, Joseph, Dr. jur., Sozdem., konfessionslos, (Vater Fabrikbesitzer), Rechtsanwalt in Berlin"; Hoch, Gustav (Gunrpel), Sozdem., konfessionslos (Vater Kaufmann), Schriftsteller, Akademiker; L a n ds b erg, Otto, Sozdem., konfessionslos (Vater Arzt), Rechtsanwalt in Magdeburg; S ch w a b a ch, Felix, Nationallib., evang. (Vater Kaustnann), Geh. Negierungsrat, Jurist; Stadthagen, Artur, Sozdem., religionslos (Vater Oberlehrer), Dr. Phil, (früher Rechtsanwalt in Berlin); W a l d st e i n, David, Fortschrittspartei, israelit. (Vater Kaufmann), Rechtsanwalt in Altona; W e r l l, G., Dr., Sozdem., konfessionslos (Vater Kaufmann), Jurist, Schriftsteller in Straßburg; Wurm, Emanuel, Sozdem., mosaisch (Vater Kaufmann), stud. Chemie, Schriftsteller in Berlin.. > ' . Wir übernehmen diese Liste, ohne für die Richtigkeit irgendwelche Gewähr zu übernehmen. Dasselbe gilt von folgenden Bemerkungen, die die Staatsbürger-Zeitung" an die von H. Nord veröffentlichte Liste knüpft: . Es ist ein durch den verdächtigen Klang der Namen herbeigeführter. Irrtum, wenn ab und zu einige Abgeordnete arischer Abstammung