Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| 76. Jahrgang Nr. 11 Berlin, 15. März 1912 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor 9r. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 21 bon ne ment s»P reis: durch den Luch- Handel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere veririebsstellen) bezogen oiei telsähriich 3 IN. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46'49, zu rich'en. Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin/ Der soziale Grundgedanke des Judentums. Von Kreis- IjlUJuU.» x-abbincv Dr. Boermann, Insterburg. — Die Woche. — Ausführlicher Bericht über die Beratung des Gesetzentwurfs betreffend Ver-, tr etung der Berliner Shnagogengemeinde. — Die ungarische Landeskonferenz. Von Prof. Schwarz. Georg Caro. — Der jüdische Nationalismus. Von Elise Orzeszko.— Feuilleton: Heimatlos. Von Leo Herzberg- Frankel. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenmns"). Berlin, Beuthen O.-S., Stendal, Hamburg, München, Prag Aussig, Budapest, Stockholm, Petersburg. — Von Nah und Fern. Der losmle GrundgkdsnKr des Judentums. (Mit Berücksichtigung der Einwände Försters gegen Nietzsche.) Von Kreisrabbiner Dr. V e e r ,n a n n - Insterburg. Unsere Zeit weiß, daß ihre Aufgabe vor allem auf sozialem Gebiete liegt. Allerorten ertönt der Ruf: Heilet die sozialen Mißstände! Bahnet eine bessere soziale Ordnung an! Kunst und Wissenschaft stellen sich in den Dienst sozialen Sehnens. Aus der Literatur hallt der Empörungsschrei der Hungrigen und ihrer Helfer. Man begnügt sich nicht mehr, durch Almosen die Armut zu erleichtern; man will die Ursachen beseitigen, die das Elend verschulden: Bettelgroschen, sagt ein englischer Philanthrop, taugen nicht mehr als ein auf ein hölzernes Bein gelegtes Pflaster. Die soziale Frage erregt nicht nur unser wirtschaftliches Interesse. - Sie ist die sittliche Frage schlechthin. Sie lautet: Wie schassen wir den Menschen ein Dasein, das die Forderungen der Sittlichkeit verwirklicht? Mit Henry George sehen nur als Wurzel der sozialen Schäden das Unrecht an. Das Gefühl sozialer Verpflichtung tritt in den Vordergrund unseres sittlichen Bewußtseins. Im sozialen Wirken finden die Besten heute Frieden und Freude. - Die soziale Frage ist zumal' für uns Juden eine eminent religiöse. Das. Judentum bekundet von alters ein gesteigertes soziales Interesse. Des sind Zeugen die sozialen Weistümer der Thora, die Reden und Daten der Propheten, jener Seher, die Nicht von einem jenseitigen Himmelreich schwärmten, sondern durch die Predigt der Gerechtigkeit und Liebe das Gottesreich ans Erden begründen wollten, das bekundet hie Armengesetzgebung des . Talmuds. Wurzelechte jüdische Frömmigkeit verfeinert das Empfinden sozialer Verantwortlichkeit für den Bruder und gipfelt im Dienste am Nächsten' Ihre Leitsterne sind Zedeck umischpat, Liebe und Rechts Schutz dem' Schwachen, Trutz dem Schlechten! - . Das Judentum hat die altruistische Ethik begründet und. zur Grundlage der Frömmigkeit gemacht. Ist aber diese altruistische Moral nicht'veraltet? Ist der Himmelsstürmer. Nietzsche nicht Sieger geblieben über die biblische Forderung der Nächstenliebe? - In einem seiner tiefsten Gedichte in „Kraft und Sehnsucht" stellt Carolath wie in einem Symbole die liebeerfüllte Gedankenwelt der Bibel der brutalen Herrenmoral Nietzsches gegenüber. Der Waffenschmied am Ambos, der Mann des starken Eigenwillens verlacht Wehmut und Mitleid: Zum Kehricht mit dem Schwachen! Was nicht im Leben kernhast steht. Ist wert, daß es zu Grunde geht. Mit aller glänzenden Dialektik seines reichen- Geistes befehdet Nietzsche das biblische Gebot, den Nächsten zu lieben und den Schwachen zu schützen/ Es kann nicht Pflicht sein, das Schwache zu schonen und zu erhalten. Denn — so argumentiert er zunächst biologisch — die künstliche Erhaltung des Schwachen führt zur Entartung der Nasse, was zum Aussterben bestimmt ist, darf nicht gegen den Willen der Natur durch allerlei Kniffe vor dem Untergang bewahrt werden, man darf nicht den großen natürlichen Auslese- und Reinigungsprozeß verhindern, der sich im Hinsterben des Siechen auswirkt, wenn -man nicht dem ganzen Leben durch die Fülle des Mißratenen und Krankhaften ein fragwürdiges Aussehen geben und die ganze Erde in ein großes Spital und Siechenhaus verwandeln will. Aber auch vom kulturphilosophischen Gesichtspunkt rennt Nietzsche Sturm gegen die biblische Position. Kultur wird nach ihm von den Großen, den Starken, den machtvollen einzelnen gemacht! Die Helden sind die Kulturschöpser. Die. Masse der Schwachen habe einst in einem Sklavenaufstand den Starken suggeriert, es sei gut .und edel, Schonung zu üben. Von dieser Rücksicht auf die Schwachen sollten sich die Starken in ihrem Willen zur Macht wie. von : einer krankhaften Suggestion befreien und. ihre Herrschastsgelüste um jeden Preis durchsetzen. Die Schwachen müßten sich freiwilligopfern und sich begnügen,^ Kulturdünger zu sein. Mit gutem Gewissen sollten die Starken den Raubvögeln gleich die Schwachen verzehren um das. ersehnte zukünftige Kinderland zu erreichen, wo das Schwache auf Erden gänzlich getilgt. Mit blendender Rhetorik, in sein geschliffenen Aphorismen kündet Nietzsche die Haltlosigkeit und den Widersinn der biblischen Moral. Prüfen wir zunächst, ob wirklich der Schutz des Schwachen zur Degeneration der.Rasse führt. Nietzsche hätte:recht,..'wenn der Mensch sich durch nichtsvom Tiere unterschiede.Was dem Körper an Kraft und Fähigkeit sich anzupassen abgeht, wird aber ersetzt durch die reichere Anpaßbarkeit des Geistes. Wie oft wären die Leiblich-Schwachen die' größten ■ Förderer. des Menschengeschlechts. Der Zwerg Menzel als Maler, der körperlich winzige Ranke als Historiker,^ Ezechiel. Paulus, und (Mohammed, die Epileptiker voll religiW^