Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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menen Untersuchungen ergeben, daß in sämtlichen aus zwölf namhaft gemachten Firmen entnommenen Wurstproben nichts weiter enthalten war, als Schweinefleisch. Bei vier Proben anderer Fleischwaren wurde das Vorhandensein von gefülltem Schinken Und Schweinefett nachgewiesen. Wer sich mit dem Worte „koscher" unter unseren Glaubensgenossen, so meinte Herr Dr. Cohn, abgefunden hat, komme hierbei natürlich nicht in Betracht. Aber ein jeder Jude müsse empört sein über diesen Mißbrauch des guten Glaubens jener, die auf koschere Waren Gewicht legen. Nicht nur verstoße das Gebaren der wilden Koscherfleischhändler, die diesen Mißbrauch üben, gegen das Gesetz über den, unlauteren Wettbewerb, sondern er glaube, daß auch der Betrugsparagraph dabei in Betracht kommen könne. Der Ausschuß empfehle daher Annahme der Vorlage, allerdings solle die Beihilfe von 500 Mark zu den Kosten des Prozesses nur gewährt werden unter der Bedingung, daß die Angelegenheit im zivilrechtlichen Verfahren verfolgt werde, auf Grund des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb. - Herr Justizrat L i l i e n t h a l vom Vorstandstisch wies darauf hin, daß etwas anderes auch der Vorstandsantrag gar nicht besage, strafrechtliche Anzeigen verursachen ja überhaupt keine Kosten. Im übrigen handele es sich nicht um eine Klage, die die.Gemeinde anftrenge, sondern um eine Klage der Koscherfleischhändler, denen man einen Kostenbeitrag zur Verfügung stelle, um diesem gröblichen Mißbrauch einen Niegel vorzuschieben. Die Herren Emil P i n c u s und L e - w i n s k i verlangen, daß die Namen der Firmen, denen der hier erwähnte Mißbrauch des Wortes „Koscher" nachgewiesen sei, hier in öffentlicher Sitzung genannt würden, und Herr Kommerzienrat Gersvn Simon erklärte es sogar für eine absolute Pflicht, die Gemeindemitglieder auf die Firmen durch Namensnennung hinzuweisen. Demgegenüber betonten die Herren Justizrat Dr. Cohn, Louis Sachs und Syndikus Lilienthal, daß man die Namen erst dann nennen dürfe, wenn ein gerichtliches Urteil vorliege, gerichtliche Feststellungen einwandfrei Vorlagen. Herr Oskar Tietz war der gleichen Ansicht und verwies auf die Möglichkeit von Regreßansprüchen, falls, was allerdings nicht anzunehmen ist, die Klage nicht den gewünschten Erfolg haben sollte. So unterblieb einstweilen die Namhaftmachung der Firmen. Der Antrag, zu den Kosten einer Zivilklage 500 Mark beizutragen, wurde dann einstimmig angenommen. — Der Tarif für 202 minderwertige Platze der Synagoge Fasanenstraße, abschließend mit 1984 Mark, wurde genehmigt. Die Mieter dieser Plätze sollen, um späteren Beschwerden vorzubeugen, darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Plätze nicht so gut liegen.. Bei der Gelegenheit überreicht Herr Louis Sachs die Beschwerde eines Gemeindemitgliedes, das trotz frühzeitigster Anmeldung nicht die gewünschten Plätze erhalten habe. Geheimrar P i eck sagte Prüfung der Beschwerde zu, während Herr Dr. Cohn die Beamten, falls darin ein Vorwurf gegen sie liegen sollte, in Schutz nahm. Sie Hütten zweifellos instruktionsgemäß gehandelt. Schließlich gelangten zwei aus der Versammlung gestellte Anträge, deren Dringlichkeit beschlossen wurde, zur einstimmigen Annahme. Der eine Antrag, von Herrn Gerson Simon und Genossen gestellt, richtet an den Vorstand das Ersuchen, die zweiten Freitagäbendgottesdienste in der Lindenstraße-Synagoge, die sich vorzüglich bewährt hätten, auch noch in den Monaten April und Mai stattfinden zu lassen. Der zweite Antrag, von Professor Kalischer und Genossen gestellt, richtete an den Vorstand das Ersuchen, im nächsten Jahre noch in einer möglichst im Geschästsstadtteile gelegenen Synagoge einen weiteren zweiten Freitagabendgottesdienst einzurichten. Von allen Seiten wurde betont, daß sich dieser zweite Freitagabendgottesdienst geradezu glänzend bewährt habe,, und alle vor überfülltem Gotteshause stattgesunden Hütten. Der öffentlichen Sitzung folgte dann noch eine längere geheime. &&& Berlin, 5. März. Wie wir erfahren, findet am 10. Mürz vormittags 11 Uhr im großen Saale der Jüdischen Gemeinde die Generalversammlung der Berliner Mitglieder der Alliance Israelite Universelle statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Statutenmäßige Neuwahl des Lokalkomitees, 2. Bericht des Vorstandes über die gegenwärtige Lage, 3. Verschiedenes. Von besonderem Interesse ist Punkt 2 der Tagesordnung, weil man vor den Berliner Mitgliedern zum ersten Male über die Streitigkeiten in der Alliance berichten wird und man gespannt sein darf, welche Stellung die Berliner Mitglieder zu den strittigen Fragen nehmen werden. Wir würden wünschen, daß der Streit, der in die deutschen Alliancekreise eine gewisse Erregung getragen hat, bald einer friedlichen Klärung Angeführt wird. Hierzu wäre es angebracht, daß auch Paris seine Absichten in bestimmterer Form als bisher zu erkennen gibt, namentlich was die Beschlüsse vom 3. Januar betrifft. Nach dem bereits vorliegenden Statut des Landeskomitees wäre es interessant zu erfahren, wie Paris über die Landesorganisation denkt. Z. Berlin, 5; März. Der Verein fürjüd ische Geschich t e- und Liter a tu r veranstaltete am 27. vorigen Monats den zweiten populär-wissenschaftlichen Unterhaltungsabend dieser Saison, der sich eines außerordentlich regen Zuspruches zu erfreuen hatte. Das biblische Drama „Mose" von Ludwig K l a u s n e r - D a .v o c, das der Versasier selbst hate vorlesen wollen, konnte von ihm nur im ersten Akt vorgelesen werden. Die von ihm vorsichtshalber mitgebrachte, ihm befreundete Vortragskünstlerin Fräulein I a k o b a H e u ß l e r hat mit ihrem kräftigen, klcmgreichen Organ die übrigen vier Akte gelesen und einen tiefen Eindruck aus das. zahlreich erschienene Publikum erzielt. Namentlich brachte sie vortrefflich den -Zorn des Moses über die aufsässige Korahrotte, die große Leidenschaftlichkeit des um Israels Heil besorgten Hohenpriesters Pin eh a s und die ergreifende Schlußszene zum Ausdruck, in der Moses auf dem Nelo dank den zuckenden Blitzen sein Kanaan mit physischem und das Geschick Israels mit Seheraüge schaut. DäsPublikum zollte der Rezitatorin wohlverdientenBeifall und rief zum Schluß lebhaft nach dem Verfasser, der von verschiedenen Seiten beglückwünscht wurde. Der Opernsänger Walter Demb i tz e r sang eine von ihm selbst komponierte Hymne, wofür ihm das Publikum ebenso wie dem M enge w e i n s ch e n Oratorien-, verein, der unter Leitung seines vortrefflichen Dirigenten Fritz K r ü g e r den von Max M a r s ch a l k komponierten Chorgesang vortrug, reichen Beifall zollte. — Aus den auswärtigen Literaturturvereinen: In Köln sprach Schauspieler Alfred Auerbach- Frankfurt a. M. über die Juden in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts; in Breslau Dr. Leopold H i r s ch b e r g - Berlin über biblische Heldentaten in der Musik; in Königsberg i. Pr. cand. med. S. Rosenbaum über jüdische Kunst; in Frankfurt a. M. Dr. B. May: Geschiichte der Juden im 19. Jahrhundert (Vortragszyklus); in Rakel Rabbiner Dr. B e e r m a n n - Insterburg: Gedenkfeier der Emanzipation der Juden in, Preußen; in Hohensalza Rabbiner Dr. H a l p e r s o h n über Karl Emil. Franzos; in N e u - m a r k in Westpreußen Herr Rosen bäum - Berlin über die Juden der Gegenwart; in Ossenbach a. M. Schriftsteller Viktor Klerntur über den Anteil der Juden an der modernen deutschen Literatur; in Wollstein i. Pr. Rabbiner Dr. S a l o m o n s k i in Frankfurt a. O. über „Die Entstehung des Christentums — eine historische Erscheinung"; Rabbiner Dr. G vld mann-Oppeln über „Die Wirkungen des Taufjudentums in der Geschichte"; in Oldenburg Dr. Leopold H i r s ch b e r g - Berlin über die Bibel in der Musik; in Dresden Frau Regina Reißer- Breslau über „Berthold Auerbach" zu seinem 100. Geburtstage. LL Berlin, 5. März. In der letzten Sitzung der Wissen? schastlichen Vereinigung der jüdischen Lehrer und L e h rerinnen i n Berlin hielt Herr Lehrer Geis m a r. einen interessanten Vortrag über die „Althebräische Schrift". Einleitend stellte der Vortragende die Behauptung aus, daß unsere heutigen Buchstaben als wesentliche Bestandteile die Formen der althebräischen Buchstaben noch tragen. Die alchebrüische Schrift ist die älteste Buchstabenschrift; ihre Vorläufer sind: Bilder-, Knoten-, Wortzeichen- und Silbenschrift. Der Erfindung der Buchstabenschrift kommt dieselbe Bedeutung zu wie der Erfindung der Buchdruckerkunst. Die Buchstabenschrift ist über Phönizien, Griechenland und Rom ins Abendland gekommen. Sie wurde zuerst nur bei den nordsemitischen Völkern geschrieben, allerdings neben der Keilschrift, die die amtliche Schrift war. Die Dokumente der althebräischen Schrift sind: 1. Der Mesastein (9. Jahrhundert v. Chr.). 2. Phönizische Inschriften (9. und 8. Jahrhundert v. Chr.) und 3. die Siloah-Jnschrift (8. Jahrhundert). Die Formen der Buchstaben sind zuerst überall gleich, verändern sich aber rasch bei allen semitischen Völkern durch Anlehnung an die nationalen Zeichen: bei den Israeliten behalten sie die Form bei, woraus zu schließen ist, daß die Israeliten die Erfinder der Buchstabenschrift 'sind. Als Buchstaben wurden die schon vorher geöränchlichi'n Lose; — ähnlich - Gebilde wie die nordischen Runen — benutzt. Diese Lose stammen ursprünglich von den Babyloniern und sind den Sternbildern nach geahmt: Äleph, Beth, Mem, Resch, Zadde bedeuten nach ihren Namen: Stier, Jungfrau, Wassermann,, Wage, Schütze. Der Form nach zu schließen bedeuten: Chet — Kleiner Bär, Taw — Kreuz, He —Großer Bär, Sajin — Zwillinge, Waw — Krebs, Ajin —Krone, Samech — Löwe. Der Vortragende veranschaulichte an der Tafel die weitere Entwicklung