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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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daß er nicht bloß so schöne Charakterbilder von Juden.geschaffen, sondern-unter anderem einen Pastov über ein jüdisches Ehepaar einmal sagen läßt: „Die beiden, sind die lebendige, verkörperte Verurteilung des abscheulichen Antisemitismus, dieser Schmach unseres Jahrhunderts und dieser Schuld unseres Christentums. . . . Kein.Gebildeter, kein Gerechter in. unseren Tagen sollte einem Rassensanatismus huldigen, der mit Religion und Religiosität gar nichts zu tun hat." Schon solcher Aeutzerungen wegen, aber auch wegen gar mancher anderer Stellen verdient dieser Roman in unseren Kreisen freundliche Beachtung. L. G. — D i e .Sprachen der Jude n. Von Heinrich L ö w e. Jüdischer Verlag, Köln -1911. 160 Seiten. Preis broschiert 2-Mark. - Das entschieden interessante Buch zerfällt innerlich in zwei streng geschiedene Teile, einen wissenschaftlichen und einen politischen, und wenn die Ankündigung des Buches sagt, daß es nichts behaupte, was es nicht exakt zu beweisen versuche, so bezieht sich , das nur auf den ersteren Teil. Hier verfolgt der Verfasser-in wissenschaftlich genauer und doch fesselnder Form die Beziehungen des Judentums zu den Sprachen der Völker, unter die sie das Schicksal zerstreut hat, und die Menge des gut durchgearbeiten Materials sowie die allgemeinen Gesichtspunkte und Gesetze, die heransgearbeitet werden, bieten auch dem Fachmann eine Fülle von Anregung und Belehrung. lieber den Politischen Teil, den Zweck des Buches, wäre viel zu sagen. Der Verfasser plädiert in seiner Hauptthese für die möglichste Verbreitung des Hebräischen als Volkssprache der Juden, und er wendetsich in der Nebenthese gegen alle Bestrebungen, die die gegenwärtigen spezifischen Judensprachen der großen Mehrheit, vornehmlich also das „Judendeutsch" und das „Judenspanisch" zugunsten der betreffenden Landessprachen unterdrücken wollen. . Zu einer zweiten Nebenthese muß dem Verfasser, der aus zionistischem Standpunkte steht, das Verhältnis zwischen dem Hebräischem und dem Nativnaljudentum herhalten, und da er von beiden gegenseitige Förderung erhofft, stempelt er den Antipoden des Zionismus, den Liberalismus, zum Feinde der hebräischen Sprache. Nun ist aber der Liberalismus nicht so freundlich, sich widerstandslos in des Verfassers System einzufügen; denn zunächst ist der Liberalismus als Partei entschieden für die Ausrechterhaltung des Hebräischen als Gebetssprache, und der Streit mit anderen religiösen Parteien dreht sich nur um das Maß. Dann aber stehen die eifrigsten Liberalen durchaus dem Wunsche günstig gegenüber, das Hebräische dort, wo es sich dazu eignet, als Umgangssprache zu lehren und zu verbreiten, und dem Hilssverein der Deutschen Juden,, dessen /dahinzielende Bestrebungen ja auch Löwe dankbar anerkennt, gehören immerhin in der großen Hauptsache Liberale an. Was freilich das Hebräische als 'Umgangssprache der deutschen Juden anbetrifst, so gehen in der Theorie die Anschauungen von Liberalen und Zionisten völlig auseinander, in der Praxis aber wird heute wie für eine recht lange Zu- ' kunft auch nicht der geringste Unterschied sein. Denn ob der hebräische Sprachbetrieb in Deutschland, soweit er die profane Sprache betrifft, je etwas anderes als ein gewiß anerkennenswerter und edler Sport, aber doch Sport, werden wird, ist nicht nur uns, sondern vielen Zionisten mehr als zweifelhaft. Von den vielen angreifbaren politischen Einzelheiten sei nur noch eine hervorgehoben. Löwe weicht leider nicht von den bekannten zionistischen Vorbildern ab, die alles Uebel dieser Erde und der benachbarten Planeten nach Möglichkeit dem Liberalismus in die Schuhe schieben wollen, und so hat er eine Feststellung gemacht, die ernstes Kopfschütteln erregen muß. Er schreibt bei der Besprechung des Hellenismus, daß der in Aegypten : entstehende Antisemitismus „wie immer (!) die selbstverständliche, nur den Juden nicht verständliche Reaktion auf ihre krankhaften Bemühungen sei, nur die Religion beizubehalten, sonst aber in der Umgebung national zu verschwinden." Wie immer! Nun ist es also heraus, daß der Liberalismus — und nur er — sogar den Antisemitismus geschaffen hat. Nicht nur dem Juden, sondern, jedem mnderen wird das unverständlich fein. Denn um die Tiefgründigkeit des Satzes zu begreifen, werfe man einen Blick auf den Judenhaß im deutschen Mittelalter! Soll man die deutschen Juden jener Zeit * als arge Assimilanten. als Vorläufer der bösen Liberalen ansehen, was doch sicher der sonstigen zionistischen Anschauung widerspricht, oder soll man den Judenhaß des Mittelalters einfach wegdi'sputieren? Sollte wirklich, wenn man sogar den angeführten Grund auch' für stichhaltig ansieht, wogegen freilich sich starker Protest erhebt, nichts anderes am Entstehen des Antisemitismus.schuld tragen? Wirtschaftlicher Antisemitismus, Rassen-, und Religionshaß sind alle aus das Konto des- Liberalismus .zu setzen? Das ist keine Geschichte und keine Wissenschaft, und der Verfasser hätte sicherlich besser daran getan, ,, wenn er nicht durch solche Behauptungen den sonst so schönen- Ein- . druck, den seine Arbeit dem Leser bietet, getrübt hätte. > : . G v l d m a n n - Oppeln. ' . m? . .. Sprechsaal. B o n n , den 1. März 1912. Sehr geehrter Herr Redakteur! ierdnrch teile ich Jhuen ergebenst mit, daß in der gestrigen Sitzung (29. Februar) des Orientalistenvereins zu Bonn einstimmig beschlossen wurde, sofort eine Petition an den /Minister der geistlichen usw. Angelegenheiten behufs Vervollständigung der orientalischen Abteilung der philosophischen Fakultät der Universität Bonn durch einen Lehrstuhl für Talmud zu richten. Das Bedürfnis eines sol- ' chen Lehrstuhles wurde als dringend und zeitgemäß bezeichnet. Es wurde > aus Leipzig und Budapest hingewiesen, aber betont/ daß die Bewegung hier ganz selbständig und ohne Kenntnis der dortigen Vorgänge entstanden sei. Es wurde ferner als eine Forderung'der Gerechtigkeit angesprochen, daß der Judaismus, die eigentliche Geistes- . errungenschaft unserer jüdischen Mitbürger, auch an der Universitär vertreten sei und daß der Orientalistenverein zu Bonn als Führer dieser Bewegung des Dankes und der' Unterstützung auch von israelitischer Seite sicher sein könne. Auch Rabbiner Dr. Kalischer, der Leiter des hebrüisch-talmudischen Vereinskränzchens, wohnte als Vereinsmitglied der beschließenden Versammlung bei. Hochachtungsvoll Professor Dr. Hummel. * . ' , - ° ‘ ' Oels, den 1. März 1912. m „Sprechsaal" Nr. 9 der „Allg. Zeitung d. Judentums" beschäftigt sich Herr Kantor Kalischer-Berlin mit meinen Ausführungen in Nr. 5 dieses Blattes und macht mir den Vorwurf, daß ich in meinen Ausführungen den Kantorenstand „stark angegriffen" habe. Ich muß diesen Vorwurf aus das entschiedenste zurückweisen. Wenn Herr Kalischer ferner sagt, daß ich einer „Verchristlichung des Gottesdienstes" das Wort rede, so muß ich auch dies bestreiten. Im Gegenteil. Ich bin der Ansicht, daß das Hebräische im Gottesdienste zum größeren Teile beibehalten werden soll, weil es nicht die^ Sprache des Alltags ist und in dieser alten Sprache eine gewisse Mystik liegt, wie sie meiner Ansicht nach jeder Religion unentbehrlich ist. Herr Kantor Kalischer weiß ja auch, daß es gerade in orthodoxen Gemeinden Brauch ist, daß dem Rabbiner am höchsten Feiertage des - Jahres, am Versöhnungstage, das Vorbeterämt im Neilahgebete übertragen wird, und ich glaube, er wird wohl hierin keine „Verchristlichung des Kultus" sehen. Daß Rabbiner, die eine kantorale Befähigung haben, einmal in späterer Zukunft den Gottesdienst leiten können, ist meiner Ansicht nach durchaus nichts Ketzerisches, ist doch auch an den theologischen Bildungsanstalten zumeist die Einrichtung getroffen, daß stimmbegabte Theologen Unterricht im Kantorate erhalten. Was meine Ansichten über Lewandowski betrifft, so habe ich diese selbst dem Gespräche mit Berufsgenosfen des Herrn Kantor Kalischer entnommen. Die Herren sagten mir, daß Lewandowski zumeist nux für Chöre komponiert habe, was bei ihm nicht verwunderlich fei, da er selbst nicht Kantor, sondern Chordirigent der jüdischen Gemeinde gewesen sei. ' Wenn mich indes Herr Kalifcher eines anderen belehxt, so bin ich .ihm hierfür dankbar. Daß ich im übrigen mit meinen rein theoretischen Ausführungen dem Kantorenstande der G e g e n w'a r t den „Garaus" machen wollte, wird Herr Kalischer Wohl selbst nicht glauben. - Dr. Tiktin - Oels. :

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