Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 ■ Der' „Papyrus-Assuan" (400 ante), der Dokumente einer, im 7. bedeutenden Faktor des modernen Denkens geworden. Die „Babel- Bibel"-Frage, die vor einigen Jahren Fr. Delitzsch in mächtige Bewegung setzte, war. nur ein leiser Ausdruck wer neu entstandenen Keilinschriftsorschung. ' >' Auch die Geschichte und Entwickelung der jüdischen 'Ehescheidung, wie sie uns' in Bibel und Talmud ausbewahrt sind, haben durch den KodexHamm urabi und den Papyrus von Assuan interessante Bereicherung^ gesunden. „Die mosaische Gesetzgebung hat das Institut der Ehescheidung nicht eingeführt, sondern vorgefunden." „Denn die Thora spricht von dem, was gewöhnlich vorkommt." A) .Prof. Blau stützt sich hier auf D. H. Müller „Die Gesetze Hammurabis". <Zs muß aber doch befremden, wenn man sieht, daß sogar namhafte jüdische Theologen hinter biblischen Satzungen „Hammurabisches" suchen und finden! Denn mit der talmudischen Formel: „die Thora spricht von dem, was gewöhuliä, Voisommt," *) könnte man vielfach die ganzen jpnfi l613 pflichten) für „Vvrgksiinden" erklären. \ Bon einer Entwicklung der jüdischen Ehescheidung im eigentlichen! Sinne kann kaum gesprochen werden. Denn wie alle biblischen Kardinalsatzungen hat auch die jüdische Ehescheidung den biblischen Charakter und die biblische Form bis aus heute beibehalten. - Nur Form und Inhalt des Scheidedrieses, 123der in der Bibel nrro nSD heißt haben mehrsa.te rabbinische Auslegung gefunden. . , Vom biblischen Standpunkte," konstatiert Prof. Blau,, „hat der ' Mann das Recht, die Frau, aus jedem beliebigen Grunde zu verstoßen, aber nicht die Pflicht, selbst dann nicht, wenn sie ihm die Treue gebrochen." — „Der Scheidebrief dient zur Legitimation der Frau." Diese Interpretation des biblischen Satzes: „-im mir na nxv ^a rwa ,Tnr „Wenn sie (die Frau) keine Gunst in seinen (des Mannes) Augen findetj weil er an ihr irgendeine Blöße entdeckt" (V. B. M. 24, 1), entspricht meines Erachtens nicht dem Sinne desselben; denn JnYHP felil den sittlichen Defekt der Frau als Scheidungsgrund fest. Jbu Esra, der ein subtiles hebräisches Sprachgefühl hatte, hat sogar die Leseart ftott „13".b. t). „Wenn ein Manu eine Frau ehelicht, und dann kein Gefallen an ihr findet, und findet an ihr ein: ,,-0*T fmi?“ einen sittlichen Defekt." Der Scheiduugs» grund wird hier kategorisch gefordert. Jiileressant sind die Ausführungen zum Verbum „hassen", doch hastet an ihnen viel Agadisches. Der Talmud milderte den rechtlichen Zustand der Frau und fordert einen zureichenden Grund zur Scheidung. Allerdings variieren auch hier verschiedene Meinungen .und^ Aeußerungen, die daher eine einheitliche Lösung dieser Frage kaum^ ermöglichen. Denn während die Sch am matten lehrten „der Alaun darf seine Frau nur wegen Ehebruchs verstoßen"2), gestatteten die Hillelit e n dem Manne die Scheidung auch, „wenn die Frau die Speise anbrennen ließ"2) und R. Akiba bemerkt: „Auch wenn der Mann eine schönere Frau gefunden hat."*) „Die ganze Ehescheidungssrage wird in allen auf uns gekommenen l Halacha- und Midraschsammlungen gemäß der hillelitischen Lehre behandelt." Den Scheidungsgrund vom „Anbrennen der Speise" - hält Pros. Blau für einen oppositionellen Kraftausdruck, gegen die schammaitische Lehre, ist aber nicht'wörtlich zu nehmen. v Im Prinzipe aber, wäre noch sestzustellen, ist der Tal m u d \ gegen die Scheidung, ganz im Sinne des Propheten Male aL i. „Wer seine erste Frau verstößt, sagt R. Eliasar, dem weinet selbst der Altar Tränen des Mitleids nach." 2) ’) «dis ’ö min man-" 2) ds xbx ins»» ns dis srir xb anaix 'XM n’2-" na 'a (Mischna Gin in Ende, Ed. Wilna.) 3) i^tran n« nn^npn a-nbiii^hn rv>ai ibid. 4) niö^n nw nnnx nairxa'py 'n wid. 5) 'bid. iHznmia nata mtr« enjön bamjm *) Aus der talmudischen Fonml: „die. Thora spricht die Sprache der Menschen", erhellt nicht, daß „die Thora spricht von dem, was gewöhnlich vorkommt. Die Redaktion. I. H: ante, aus Palästina nach Aegypten eingewanderten jüdischen Militärkolonie, enthält, beschäftigt sich gleichfalls mit der jüdischen Ehescheidung; und wie Prof. Blau anführt, besitzen wir im „Assuan- Papyrus" die. älteste Auslegung des biblischen Gesetzes von der Ehescheidung und dem Scheidungsgrunde. *) Auch nach dem. Kodex Hamymrabi besitzt der Mann das unbeschränkte Recht der. Scheidung. Unterschiede bestehen lediglich bezüglich der Entschädigung der entlassenen Ehefrau. Die Bibel hat bezüglich der Entschädigung der entlassenen Ehefrau verschiedene Anordnungen getroffen.. Auch die Ehescheidungslehre bei Philo und Josephus, bei Paulus und im Neuen Testament werden von Pros. Blau kritisch untersucht. Es ist eine interessante wie lehrreiche Abhandlung, die der gelehrte Verfasser uns hier vorlegt. Sie zeugt von einer großen Vertrautheit und Beherrschung dieses schwierigen Materials, , das hierin dieser übersichtlichen Form zum ersten Male zusammengestellt ist. Wir wollen hoffen, daß der Verfasser auch den versprochenen zweiten Teil bald folgen lassen wird. Der Pfarrer von Hohenstein, ein Pastorenleben von N a t h a n a e l I ü n g e r. 1. bis 5. Tausend, Wismar in Mecklenburg. Hinstorfssche Verlagsbuchhandlung, 1910. Wenn man den Titel liest, besonders die gleichfalls auf diesen: stehenden Worte „und hätte, der Liebe nicht", so könnte man leicht meinen, daß dieses Pastorenleben in einer jüdischen Zeitung nicht, an-, geführt zu werden brauchte, daß es ein ausschließlich erbauliches, nur christliche Kreise interessierendes Werk wäre. Dem ist aber nicht so.. Das Buch enthält allerdings die Geschichte eines Pastors, und zwar des Pastors Wolter, der in dem Dorfe Hohenheim eine höchst ersprießliche,, segensreiche Wirkung ausübt, als Redner, Lehrer, Seelsorger im schönsten Begriffe des Wortes. Er erzwingt sich, durch das Treffliche seiner Wirksamkeit, die Anerkennung, ja die Verehrung seines unmittelbaren Vorgesetzten und des Generalsuperintendenten, der ihn, nachdem er ihn predigen gehört hat, zu einer hervorragenden Pastorenstellung'in der Stadt zu befördern sucht. Aber selbst dieser hohe Gönner muß vor dem kühnen und mutigen Manne zurückweichen, nachdem dieser gegen das Verbot der Kirchenbehörde es gewagt hat, einen Selbstmörder, und zwar den Sohn seines unmittelbaren Vorgesetzten, eines Konsistorialrats Schulz, mit allen kirchlichen Ehren zu bestatten. Durch diesen Schlag erkrankt der Pfarrei: und stirbt in jugendlichen Jahren. Diese Tragödie ist gut, wenn auch sehr breit erzählt, mit vielfachen interessanten, kultirr- \ historischen Notizen, zum Beispiel dem Wirken einer sogenannten Hexe, \ mit manchen niedlichen, humoristischen Zutaten geschmückt. Für uns indes das Wichtigste ist nicht dies, sondern die Schilderung eines alten jüdischen Ehepaars Flörsheim und des Sohnes dieses Paares, des Bankiers Elias Flörsheim in Frankfurt a. M. Die beiden Alten sind geradezu Mustermenschen: der Alte ehrlich und redlich im Handel, ein Wohltätergrößten Stils, auch der christlichen Gemeinde des Ortes gegenüber, in dem er Jahrzehnte gelebt hat, obgleich manche Bewohner des Ortes sich in gehässiger und schmählicher Weise wider ihn benehmen, ein wirklich frommer und gelehrter Mann, zugleich weise und duldsam in seinen Anschauungen. Mit diesem Juden befreundet sich der Pfarrer, erkennt, sein Wesen an und hat den durchdringenden Wunsch, daß sein alter Freund das Christentum annehmen möge, ohne freilich in irgendeiner Weise als Missionar lästig zu fallen. Bei den: Sohne des würdigen Paares hat der Pfarrer Erfolg, freilich nimmt Elias Flörsheim mit Bewilligung seiner Eltern (ein Zug, der altjüdischem Wesen ganz gewiß nicht entspricht) das Christentum an, weil er nur unter dieser Bedingung Ruth Berkwitz, die Tochter des Kantors in dem Dorfe Hohenheim, die er seit vielen Jahren liebt, zur Frau erlangen kann. Ob solche Vorgänge wirklich möglich sind, ob namentlich die Rede des alten Flörsheim S. 396 dem Wesen eines alten Juden, und sei er noch so duldsam, entspricht, lasse ich dahingestellt, aber die hurnane, milde Schilderung einerjüdischen Familie, die in ihrer Lebensführung und ihrem Charakter geradezu als mustergültig gegenüber manchen schlechten, ja geradezu verworfenen Charakteren der christlichen Gemeinden dargestellt werden, verdient die höchste Anerkennung. Der Verfasser des Buches besitzt entschiedenes Erzählertalent, und als Juden dürfen wir ihm dankbar sein, I Ueber den Assuan-Papyrus vergleiche, auch Prof.. Sachaus jüngste Veröffentlichungen.