Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Polizei ausgehoben und im dunklen Gefährt in die Zitadelle geschleppt zu werden, wo die Willkür, der Mock und die Knute der subalternen Schergen schrankenlos herrschten, jeder Hilferuf und jeder Appell verhallten. Anderseits kam' es auch häufig vor, daß mißliebige Polizei- und Gericht'sbeamte^ Prökuratoren, Offiziere der Goubernialkanzlei, Spitzel, Verräterin abgelegenen Gassen oder auch frequenten Straßen ermordet aufgefunden wurden, neben ihnen das Urteil der geheimen Nationalregievung, das immer auf Tod lautete, da sie ein anderes "Strafmittel nicht besaß. Man stand sich gegenseitig/ im Hinterhalt und lauerte sich auf wie auf das Wild im Wald. Eine Menschenjagd mitten in Europa! Es wurde immer schwüler, der Horizont, verdüsterte sich, das Gewitter zog herauf. ' Aus Paris kamen neue Instruktionen wegen Beschaffung von Waffen, Ausrüftüngsgegenständen, Pferden, Munition, Ernennung der Chefs unter Bestimmung der Sammelplätze. Weisungen, denen man gewissenhaft und ohne Zögern nachkam. Kaum waren die Befehle bekannt, als auch schon die lebhafteste Tätigkeit durch alle Schichten ging. Allenthalben würden die Waffen aus ihren Verstecken/geholt und instand gesetzt, Pferde gedrillt, Scharpie gerupft, Kleider und Wäsche genäht, Zwieback gebacken, Mixturen gebraut und Heiligenbilder vervielfältigt. Viele Flüchtlinge, die lange im Auslande lebten und dort alt geworden, kehrten ' kampfmutig in die Heimat zurück, um den Kampf mit dem Tyrannen aufzunehmen. Man brauchte nur die Lunte anzustecken, um die wohlvorbereitete Revolution explodieren zu lassen. V In Paris saßen die Männer, welche das oberste Kommando führten, während das Exekutivkomitee in Warschau, unweit vom Palais der höchsten Regierungsgewalt, seinen Sitz hatte. In einer großen, elegant eingerichteten Wohnung in einem palastartigen Hause, das drei Fronten' und ebensoviele Tore hatte, so daß man die Ein- und Ausgehenden kaum kontrol-. lieren konnte, saß eine junge Dame und blickte zuweilen in sichtbarer Ungeduld ins Gewühl des Straßenlebens, das draußen flutete. Es war eine wunderbar schöne, verführerische Frau von vornehmem und energischem Wesen. Das Gesicht fein geschnitten wie das einer römischen Statue und ebenso kalt wie dies, wenn sie es nicht durch ihr zauberhaftes Lächeln verklärte. Es war die Gräfin Pittborn, eine junge reiche Witwe, die früher in Paris gelebt hatte und nach dem frühen Tode ihres Gatten sich der Politik widmete und im Dienste ihres Vaterlandes nach Warschau übersiedelte, wo sie teils von ihrem beträchtlichen Einkommen, teils mit Hilfe der französischen Emigration Hof hielt und die besten Beziehungen unterhielt. Es war kein Geheimnis, daß die schöne Gräfin in dem Polenkomitee in Paris Freunde und Verwandte besaß, män konnte aber niemals einem Briefwechsel auf die Spur kommen und die Loyalität der Gräfin anzweifeln, so daß sie selbst mit der Familie des Generalgouverneurs verkehrte, General Graf Berg selbst gegen die geistreiche schöne Polin sehr liebenswürdig war und feine- Adjutanten aus der Petersburger Schule ihr galanterweise lebhaft den Hof machten. Selbstverständlich blieb die Dame von allen Molestierungen der Polizei und der Spionage verschont und war der Schutzengel ihrer Partei, die sich hinter ihr ausdehnen könnte. Eine ganze Schar von Verschwörern stand auch hinter ihr, ihren Weisungen gehorsam, deren Provenienz man kannte. Nominell war es Graf Kronowski, der an der Spitze des Exekutivkomitees stand,, ein Veteran aus dein Jahre 1830; er trug Narben und Schrammen, war lange Sträfling in Sibirien gewesen, von wo er nur heimkehren durfte, weil eine Cousine von ihm Hofdam^ einer russischen Großfürstin war, im übrigen sehr unleidlich und unbeliebt; durch seine Schroffheit und Beschränktheit dem Unternehmen eher schädlich als nützlich; aber doch war es Gräfin Pittborn, die da durch ihre Anmut, ihren Verstand, ihre Liebenswürdigkeit und ihr konziliantes Wesen regierte, und-mit geschickter Hand den Kommandostab führte. Sie war vorsichtig und verschlagen genug, die Polizei zu täuschen, sie von der Spur abzulenken und von. jedem Verdacht fernzuhalten. Sie vermied, so weit, dies anging, in ihrem Hause!jede größere Bewegung und Versammlung, sie empfing keine Personen, die das Kainszeichen der Staatspolizei trugen und als'Revolutionsraben kenntlich waren; sie empfing nie durch die Post Aufrufe und sonstige Publikationen der ausländischen Propaganda und verkehrte viel in vornehmen russischen Kreisen und in der vornehmen Beamtenwelt. Ihre Verbündeten waren ihre Verehrer, man brachte Blumen und andere Huldigungen,, kam selten und blieb kurz. lind doch, war hier das Hauptquartier der Revolution, liefen hier die Fäden zusammen, welche im ganzen Lande gesponnen wurden. Von hier gingen die Weisungen aus, die durch eigene Kuriere aus der französischen Hauptstadt kamen. Hier wurden 'biß Ordres de bataille verfaßt und an die Souschefs expediert, geheim, unauffällig, geleitet und überwacht von der Gräfin Pittborn, die Zugleich Schatzmeisterin war, und die' freiwillig oder gepreßt einfließende Beiträge, Spenden Vermächtnisse/ Unterstützungen ausländischer Komitees, Schmuckgegenstände, deren sich patriotische Damen zugunsten des Aufstandes entäußerten, in Empfang nahm. Durch ihre Hand gingen auch die reichlichen Beftechungsgelder an russische Beamte, die sich ihre Taubheit und Blindheit bezahlen, an die Zollbeamten, die. Waffen als Maschinenteile eintragen ließen. - . Die-junge Dame, schien an das Warten nicht, gewöhnt, ungeduldig. und verdrießlich warf, sie sich auf eine Chaiselongue, zerknitterte mißmutig eine Zeitung und blickte oft zur Tür, die nicht aufgehen wollte. Die Gräfin war offenbar bei schlechter Stimmung und bedachtenicht, daß niemand eine so schöne Frau gern warten läßt, wenn er am pünktlichen Erscheinen nicht absolut verhindert worden wäre. Endlich aber geht die Tür doch auf, ohne daß geklopft wurde, und rasch wie ein Verfolgter, trat ein junger Mann ein. „Die Röhre!" sagte er. Die Frau des Hauses eilte wortlos ins Nebenzimmer, drückte dort auf einen kaum bemerkbaren Knopf, an dem ein Bild hing, und dies bewirkte, daß in dem Gemache, in welchem der Ankömmling wartete, ein Deckel am Kamin zurückwich und eine Blechröhre bloßlegte, in die der Fremde rasch tzin in seiner Brust versteckt gehaltenes Paket schob und dann die Klappe wieder schloß. Es war das Werk einer Sekunde; dann erschien die Gräfin, ruhig, langsam und freundlich, setzte sich aufs Sofa und lud ihren Besuch ein, sich zu ihr zu setzen. Es herrschte eine minutenlange Pause. Die Dame ließ ihrem Besucher Zeit, einigermaßen zu Atem zu kommen, dann sagte sie, ihre Hand auf seinen Arm legend: „Erzähle. Es ist niemand hier als wir." Forlsetzuag folgt. Lileranlchr Mitteilungen. Die jüdische Ehescheidung und dex, jüdische Scheidebrief. Eine bistorische Untersuchung. Erster Teil. Von Pros. D r. Ludwig -Blau. 34. Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budap e st. Für das Schuljahr 1910—1911. Die archäologische Wissenschaft, deren Hauptziel es ist, das graue Altertum der Neuzeit zu erschließen, hat in den letzten zwei Dezennien viel Material zutage gefördert, das sowohl der soziologischen wie der alttestamentlichen Wissenschaft in hohem Maße zugute kommt. Aus allen historischen Orten des Orients werden Inschriften Und Töntäfeln, die Jahrtausende dem Verwesungsprozeß Widerstand leisteten, aus dem geheimnisvollen Schoße der Muttererde geholt und entziffert-. Die assyrisch-babylonische Wissenschaft ist zu einem