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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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außerhalb der Mauern der Jüdenschast. Me Wege zu einer Entwirrung zu suchen und zu finden, muß die wichtigste Aufgabe unserer Zusämmenkünft bilden. Redner schilderte svdann die traurigen Verhältnifte der /in der Provinz lebenden Juden, die von Organisationen, -die behördlich genehmigte Statute - besitzen, erdrückt, gewürgt, ausgesogen werden. Und mangels Unterstützung von seiten der Behörden muß die Judenichast mit Resignation-"ohnmächtig, diesem Zustände dulden. Die einzelnen Minister haben die jüdische Konfession , zu jeder Zeit mit einer wahren. Flut von Verordnungen erdrückt; sie haben in . wichtigen Fragen der Religion. .Versügnrrgen getroffen, ohne die Gesamtheit der Konfession befragt zu haben. Diese Verordnungen sind, sei es. durch Zufall, sei es aus Absicht, stets so beschaffen, daß sie die im Schoße der'Konfession tobende Zwietracht verschärfen. Oft, gar oft haben sich die Besten der Jüdenschast an die kompetenten Ministerien mit der Bitte gelvertdet,di-e'seri"Miß ständen ein Ende zu bereiten, doch erhielten sie stets nur klangvolle Versprechungen. . Das einzige Mittel zu einer Sanierung ist - eine Organisätion, doch alle Versuche, eine Organisation zu . schassen, fanden schroffen- Widerstand. Nun-sind wir hier vereinigt, .um eine klare Lage und Frieden in unserer Konfession, zu schassen, und mit dem Bau des großen Gebäudes einer Autonomie zu beginnen. ' ' Der Redner beschäftigte sich, sodann mit der Separation der Orthodoxen, schilderte die Entstehung der Orthodoxen-Zentralk-anzlei, -die die Orthodoxen zu einer besonderen Konfession machte. Der Begründer dieser'neuen Konfession'war der frühere Unterrichtsminister Georg Lukacs. Die Orthodoxen sind uns eine schiefe Bahn geraten, als sie-von dem Minister eine neue Konfession verlangt haben. ..Dann beschäftigte sich.der Redner.mit den Statusquo-Gemeiuden und erörterte die. Frage der Autonomie. Diese Frage kann auch dem Staat nicht gleichgültig sein.. Me ungarischen Juden haben öfter bewiesen, daß .sie,, wenn nötig, auch ihre heiligsten 'Traditionen den Interessen der ungarischen Staatsidee unterordnen. Die Judenschaft war -stets auf sich'selbst angewiesen. Wir können unsere in der Provinz lebenden Brüder nur durch Schaffung einer festen Vereinigung -beschützen. Wir müssen mit unermüdlichem Eifer versuchen, die orthodoxen Glaubensgenossen zu überzeugen, daß eine Vereinigung mit •; uns: ihre .religiöse .Ueberzeugung nicht berührt. Der Redner fchiwß mit . einem . Appell an ditz? Führer,-der. ungarischen Jüdenschast, an die Kultusgemeinden.der Hauptstadt, an die Leiter der orthodoxen Kanzleien und alle einflußreichen Juden: sie mögen an dem Werke des Friedensmit"oller Ärpft, allein ©ifer miit-atbeiten. Redner hofft, daß auch die Presse die 'Bewegung unterstützen werde. Wir alle müssen uns zur großen Arbeit des Friedens, der Brüderlichkeit und zur Schäftung der einheitlichen jüdischen Autonomie zusammenschli'eßen. ' . - ' - Nach seiner wirkungsvollen Rede, die oft von stürmischem Applaus unterbrochen wurde, unterbreitete Redner die folgende Resolution: Die. Landeskonferenz hegt einstimmig die Ueberzeugun-g, daß die israelitische Konfession, trotz der bestehenden verschiedenen Parteien und Schattierungen, vermöge ihrer -gemeinsamen Geschichte, ihres alten Glaubens und laut den vaterländischen Gesetzen und den aus dem konfessionellen Leben des gesamten Judentums geschöpften Beweisen eine einheitliche.und unteilbare ist, die von niemandem und unter keinem -Titel in zwei oder mehr Konfessionen. geteilt werden kann. Infolgedessen beschließt die- Konferenz, auf dieser Basis noch im Lause dieses Jahres..in Budapest unter Teilnahme der Delegierten der vaterländischen Kultirsgemeinden einen Landeskongreß zu veranstalten, dessen Aufgabe es bilden soll, -alles zu tun, um in unserer Konfession,'die durch ungefähr vier Dezennien unter Zwietracht und Spaltung leidet, das Einvernehmen und den Frieden wiederherzustellen, damit hierdurch die der rezipierten israelitischen Konfession im Sinnender Gesetze gebührende Autonomie auf .einheitlicher Basis gesichert werden könne. Zur 'Durchführung dieser Beschlüsse entsendet die Landeskonferenz - ein Landeskomitee, das die Ausgabe haben wird, den Kongreß vorzubereiten und einzuberusen, dessen Tagesordnung sestzustellen und bei den Vorbereitungsarbeiten.-aus die inzwischen, ein-getretenen Verhältnisse zu -achhen. sowie auf die Erhaltung und Beschützung unserer avitischen Institutionen und auf die Zerstreuung der in dieser Hinsicht airstauchenden Be-denkenhinzu'jvirken, so zwar, daß innerhalb des Rahmens der m^zubimenden 'Au-toüv-Mie rechtskräftige Verfügungen eine treue Erhaltung und Pflege der von welcher Konfession immer erhaltenen Institutionen und Traditionensichern sollen. Das Komitee soll ferner dem Kongreß geeignete Vorschläge wegen Sicherung des Rechtszustandes der Rabbiner und Beamten der Kultusgemeinden, sowie im Interesse der Schaffung eines für sie bestimmten Pettsionsinstituts unterbreiten. Die Konferenz erwartet, daß jeder wahrem und unbefangene Glaubensgenosse, -alle Gehäfsigk-eit beiseite lassend, nach bester Einsicht, mit bestem Können im Interesse der Schaffung einer für die einheitliche ungarische Jüdenschast zu erkämpfenden einheitlichen Autonomie Mitwirken wird. Die' Resolution wurde mit lebhaftem Applaus und Eljenrnfen . begrüßt. R'eichstagsabgeordneter Samuel Bakonhi stellt anderweitigen Meldungen gegenüber fest, daß die Teilnehmer an der gestrigen Konferenz heute auch hier erschienen sind, und daß die Delegierten der Statusquo-Gemeinden einstimmig den Anschluß an die Bewegung zur Schaffung der einheitlichen Organisation der ungarischen Jüdenschast ausgesprochen haben. Redner habe sich, seit er Mitglied der Legislative geworden, jederzeit bestrebt, die Interessen des Judentums zu verteidigen. (Anhaltender Beifall.) Man habe ihm dann oft entgegengehalten, daß das reale Leben die Theorien von der jüdischen Einheit desavouiere, daß das ungarische Judentum durch seine separatistischen Bestrebungen eine, nationale Gefahr bedeute. Mit um so größerer Freude begrüße'er darum diese imposante Kundgebung der jüdischen Solidarität. Redner wirst einen historischen Rückblick auf die Entwicklung des Judentums in Ungarn seit der konstitutionellen Aera und beklagt die infolge der gänzlichen Verwahrlosung der konfessionellen Verhältnisse eingetretene förmliche Anarchie auf diesem Gebiete. In der angestrebten einheitlichen Organisation müsse Raum sein für jede Liturgie, jede Ueberzeugung. Die heutige Versammlung sei der erste Schritt zur Schaffung der Organisation aus legislativem Wege, für die nun kein Hindernis mehr bestehe, da dieser Schritt von der Konfession selbst getan wurde. Redner zitiert und erläutert alle einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen. Die Durchführuugsklau-seln feien nur aus dem. Papier vorhanden, tatsächlich aber -wurde bis heute nichts durchgeführt. Dr. Klein gegenüber bemerkt Redner,, daß die seinerzeit von dem Kultusminister Georg Lukäcs erlassene Verordnung, die aussprach, daß es nicht zweierlei jüdische Konfessionen in Ungarn gebe, in keiner Weise die künftige Organisation und die legislatorischen Verfügungen tangierte, wie dies auch der Minister selbst interpretierte. Unter anderen Beweisen für seine Behauptung führt Redner auch -die Verhältnisse in Rozsnho an. Dort halten die -orthodoxe und die Kon-greßgemeinde in demselben Tempel gemeinsamen Gottesdienst, und der orthodoxe Rabbiner sitzt gar nicht weit von dem Kollegen der anderen Schattierung. In zündenden Worten fordert Redner die Glaubensgenossen auf, endlich Licht in das Dunkel zu bringen,. sich an die eigene Glaubensüberzeugrmg und den ungarischen Gesetzen gemäß an die einzige zum Ziele führende Wahrheit der Rechtskontinuität zu halten, daß es in Ungarn nur eine Jüdenschast gab, gibt und geben wird. Man müsse von den Gegnern lernen, die den Juden ihre Solidarität in der ganzen Welt sozusagen als Anklage vorwerfen. Die ungarische Jüdenschast müsse gerade hierin ihre weltgeschichtliche Mission erkennen. Redner -verweist daraus, daß die Juden in Ungarn nicht nur die Segnungen der ungarischen Freiheitgenossen, sondern auch die Pflichten erfüllten, die ihnen diese Freiheit auferlegte. Die Tausende jüdischer Honveds, die im Freiheitskanrpfe fielen, starben nicht nur für die ungarische Freiheit, sondern auch für die Freiheit der ungarischen Juden. (Stürmischer, nicht endenwollender Beifall.) Der Präsident meldet, daß zahllose Begrüßungen eingegangen sind, so vom Reichstagsabgeordneten. Dr. Julius Rosenberg, der zurzeit au der Riviera weilt, von vielen Kultusgemeinden, Lehrerkorporationen usw. aus dem ganzen Lande. Dr. Samuel Gencsi, gewesener Präsident der orthodoxen Gemeinde in Miskolcz, bemerkt, daß die von den Vorrednern geschilderten Mißstände im Bewußtsein aller Juden leben. Wir alle wissen, daß separatistische Bestrebungen mit dem Geiste der jüdischen Religion unvereinbar sind. Wir müssen die kompetenten Behörden darüber ausklären, daß die Separationskomvdie eine gemeine Machtfrage ist. Eine Stimme: Im UnterrMsministerium gibt es keinen jüdischen Sachverständigen! '

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