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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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>.• bei Ministeriums des Innern besondere Regeln ausgearbeitet, die den - geltenden Artikel 230 des Paßgesetzes erläutern sollten und am l 4., März 1891 die Allerhöchste Bestätigung erhielten. Die praktische Anwendung des Gesetzes selbst (Artikel 230 des' . Paßgesetzes) sowie der Regeln vom 14. März 1891 bietet trotz der erfolgten Erläuterungen endlose Schwierigkeiten. Unsere Konsuln sind absolut nicht in der Lage, die vorgelegten Registrationsscheine, Vollmachten usw. aus ihre Richtigkeit-zu prüfen, und da sie Kine große Anzahl jüdischer Pässe aus dem Postwege zur Visierung erhalten, so.haben sie keine Daten zur Verfügung, um sich wenigstens von dem tatsächlichen Bestehen der betreffenden Firma m einer anderen Stadt überzeugen zu können. - Laut den Informationen, die in den Händen der Ministerien des Innern und des Auswärtigen-sind, .suchen viele Juden ohne Angabe der Konfession . um Paßvisierung nach, und die Konsuln müssen dann ihre jüdische Abstammung nach ihrem äußeren Aussehen bestimmen, was, abgesehen von unangenehmen Auseinandersetzungen,- noch zahlreiche Beschwerden und eine ausgedehnte Korrespondenz zur Folge hat: Aber -noch größere Schwierigkeiten entstehen in bezug auf ausländische Juden, die sich nicht mit Handel befassen; in bezug auf Aerzte, Gelehrte, Minister, Abgeordnete, Künstler und dergleichen mehr, deren ■■ Zulassung nach Rußland sowohl nach dem Gesetze wie auch nach den Vorschriften vom 14. März 1891 von einer Erlaubnis des Ministers des Innern abhängt. In unserer Zeit immerwährender internationaler Kongresse, Konferenzen und Ausstellungen sind laut einer Mitteilung des Ministeriums des Auswärtigen unsere Vertreter im Auslande stets gezwungen, Beschwerden und Vorwürfe wegen der Hindernisse anzuhören, die das Gesetz der Zulassung der genannten Personen nach Rußland entgegenstellt. Genehmigungen zu solchen Gesuchen werden stets erteilt. Aber die damit verbundenen telegraphischen und brieflichen Anfragen nehmen so viel Zeit in Anspruch, daß der Arzt bisweilen das Visum zum Betreten Rußlands bereits nach der Beerdigung des Kranken erhält, zu dem man ihn gerufen hat. Wissenschaftliche Zusammenkünfte und Kongresse, die in Rußland abgehalten werden, rufen ausnahmslos Treibereien über die aus. dem Auslande berufenen Juden hervor, »und der Ankunft von Künstlern, Musikern und Sängerinnen usw. gehen in der Regel zahlreiche Gesuche voran, die eine dienstliche Korrespondenz des Polizeidepartements mit dem zweiten Departement des Ministeriums des Aeußern zur Folge haben. Dieselben Erfahrungen hat man mit dem Gesuch ausländischer Juden gemacht, die sich nicht mit Handel beschäftigen und nach Rußland nur zum Besuch von Verwandten, zu Hochzeiten Beerdigungen usw. kommen wollen. Die Erlaubnisse, gelangen 'mit einer derartigen Verspätung an die Antragsteller, daß gewöhnlich auch der Anlaß zur Reise nach Rußland bereits nicht mehr vorhanden ist. Die nnt der-Abfassung des Paß-: gesetzentwurfes beschäftigte Kommission hat die Frage der Reisen ausländischer Juden, wie sie gegenwärtig ist, grundlichst untersucht. -Der Minister des Innern hält es für das Zweckmäßigste, von den Versuchen zur Festsetzung neuer klarerer Bestimmungen über die Zulassung ausländischer Juden nach Rußland Abstand zu nehmen. Da aber die nach dieser Richtung geltenden Bestimmungen sich im Leben als völlig unzulänglich erwiesen haben, so bleibt nichts übrig, als sie abzuschassen und die ausländischen Juden den allgemeinen sür den Ausländer geltenden Gesetzen zu unterstellen. So weit die Motive. Es. wird dann in dem offiziellen Aktenstück weiter berichtet, daß die Entwürfe des neuen Paßgesetzes und die Erwägungen für den Fall seiner Durchführung dem Kriegsminister, dem Minister des Aeußern, dem.Finanzminister, dem Verweser des Justizministeriums, dem Hauptverwalter der Handelsschifsahrt und der Häsen, Großfürsten Alexander. Michaelowitsch, und dem Oberprokureur des regierenden, heiligen Synods zur Begutachtung vorgelegt worden sind. Die Generaladjutanten Sachärow und Avelan und. Senator Manuchin gäben immer nach offizieller Darstellung .darauf ihre Erklärung ab, daß sie gegen das Wesen der vom Ministerium des Innern geplanten Maßnahmen nichts einzuwenden hätten, ebenso die Hauptverwaltung der Handelsschifsahrt und der Häfen. Die Veröffentlichung dieser offiziellen' Ansichten über die Behandlung ausländischer Juden in Rußland kornnit zu gelegener Zeit. Sie zeigt, wie wenig selbst die konservativsten und höchsten Kreise in - Rußland Innerlich an die.Gründeglauben, die sie jetzt gegen die Zulassung ausländischer Juden vorschützen. Selbst ein Durnowo, ein; Pobjedonoszew war 1905 unter Zustimmung;des Zaren für.Die volle Aufhebung der Beschränkungen. * . ' Bei den Verhandlungen Amerikas mit Rußland wurde von den -; russischen Behörden immer wiederholt, die Amerikaner möchten sich doch gedulden. Eine besondere Kommission unter Dürnowo sei mit der Ausarbeitung neuer Bestimmungen beschäftigt und noch nicht fertig. Von Jahr zu Jahr wurden so d'ie Verhandlungen hinaüsgeschoben, bis die Amerikaner des Hinziehens müde wurden. Jetzt erfährt man, daß die Kommission bereits im Jahre. 1905 ihre Arbeiten beendet hat und.daß der Zar schon damals den Entwurf genehmigt hätte. Was 1905 in dieser Frage nach übereinstimmender Anschauung sogar der konservativen Kreise richtig und nützlich war, kann unmöglich im Jahre.1912 dem russischen Reiche so gefährlich sein, wie es nationalistische Heißsporne und diejenigen,, die in ihrem Banne stehen, in Rußland heute darzustellen belieben. . * In dem D e u t s ch e n F r auenkongreß, der in Berlin vorn 27. Februar bis zum 2. März getagt hat, währenddessen viele kluge und mutige Reden gehakten wurden-und ein staunenswertes Aufgebot der deutschen Frauenwelt zu sehen war, wurde auch an einem Abend die religiöse Frage behandelt. Nachdem die Vertreterinnen der evangelischen und katholischen Frauenbünde zu Wort gekommen waren, erschien auch die Vertreterin des /jüdischen Frauenbundes, über deren Auftreten Theodor Kappstein folgende Schilderung entwirft: Eine durchgeistigte, ehrwürdige Dame weißen Haares- und schlichter Entschiedenheit tritt in Fräulein Bertha 'Pappenheim vor uns, das Judentum vertretend- Sieschildert die Eingottidee, und die Nächstenliebe als jüdische llrideen und sieht die.Bedeutung der Frau in der jüdischen Gemeinschaft im Hause und in der..Familie, Dies gilt vornehmlich von der verheirateten Frau und Mutter, die aus dem Gesetz den weitgehendsten, „praktischen Mutterschutz, auf dem Boden alter Ethik" genießt. Durch die Ausübung der Ritualvorschriften (Speisegesetze) erfüllt sie das Amt einer Sanitätsbeamtin im Hause. Sie ist seit jeher die Hüterin des Ruhetages und dessen Vorabend,, womit das jüdische Gesetz der heutigen Forderung für - die Arbeiterin bereits Rechnung trägt. Durch die Verflachung des religiösen Lebens in der modernen-Zeit-hat die Stellung der Frau im Hause an Bedeutung verloren, ohne jedoch in Angelegenheiten der äußeren und kommunalen Fragen einen Einfluß-zu gewinnen. In dem- Fundamentalgebot der Nächstenliebe haben sich Männer, und Frauen in gleicher: Weise betätigt. Die jüdische Frau ist durch Tradition und - Schulung geeignet, die Wohlfahrtspflege auszuüben und ihre Fähigkeiten der eigenen Gemeinschaft und der allgemeinen Frauenbewegung zu wrdmen.; Vom Gewohnheitsunrecht spricht die Rednerin, in deren weitgesteckten Betrachtungen ein Ton leidender Wehmut zittert, als sammle sich wie in letzter Bitterkeit das jüdische Leid der Jahrhunderte, das mählich überwunden wird . . . Mit einem verständnisvollen Händedruck dankt noch einmal Gertrud Bäumer. O ' V- In Portugal tritt ein offizielles Journal „O Seeulo" für eine Art Z u r ü ck b e tu f un gb e r I u d e n ein. Nachdem die Zeitung von der Kolonie Angola, gesprochen, fährt sie fort: „Die erste europäische Kolonisation von St.-Thomas wurde von Juden begründet/ die aus Portugal Vertrieben worden waren, und wenig, später war sie in großem Flor. Es ist durchaus bewiesen, daß der ökonomische und geistige Verfall Portugals von der Vertreibung der Juden datiert. Was gäbe es daher Besseres für uns, als uns an die russischen Juden zu wenden, denen in ihrem Lande jede Freiheit verwehrt ist und deren fruchtbringende Tätigkeit wir in den Gegenden, in denen sie sich angesiedelt haben/ kennen, zum Beispiel in Palästina, Nordamerika und Brasilien? Der Jude ist tätig, ihm widersteht derjenige Gewinn, der moralisch verderbt. Sein energischer und stolzer- Charakter veranlaßt ihn, Almosenalsunwürdig dessen zurückzuweisen, der sein Leben durch seine eigene- Tätigkeit zu gewinnen vermag." _

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