Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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fsraelite Universelle statt, welche von 122 Mitgliedern besucht war. Nach Referaten der Herren Rechtsanwalt Dr. Bärwald- Frankfurt a. M. und Justizrat Dr. Held-Nürnberg wurde folgende Resolution angenommen: Die Mitgliederversammlung erachtet die Herstellung des Friedens innerhalb der Alliance Israelitc Universelle für dringend geboten; sie hält ihn aber nur dadurch möglich, daß die in Frankfurt a. M. am 11. Februar beschlossene Errichtung von Bezirkskomitees durchgesührt wird. Sie beauftragt daher ihre Leitung, den Anschluß an den Frankfurter Beschluß zu erklären. n. Offenbach a. M., 25. Februar. In der hier am 22. d. M. stattgehabten Versammlung von Mitgliedern der A. I. U. wurde folgende Resolution angenommen: „Die M i t g.l i e d e r v e r s a in m - lnng der Ortsgruppe Offen bach der A11 i a n c e Israelite Universelle vom 2 2. Februar 1912 erklärt sich mit dem Anschluß an das süd- und westdeutscheBezirkskomitee der Allianee Israelite Universelle einverstanden. Die Versammlung erwartet, daß durch die Gründung von Bezirkskomitees im Sinne der Frankfurter Vorschläge die Einigkeit innerhalb der Alliance in Deutschland und der Friede mit dem Zentralkomitee wieder hergestellt wird. Die Versammlung spricht ihre Entrüstung darüber aus, daß den Komitee- und deutschen Alliancemitgliedern, die sich dem Berliner Vorgehen nicht angeschlossen haben, wiederholt die vaterländische Gesinnung abgesprochen worden ist, mißbilligt, daß die Leitung der deutschen Konserenzgemeinschast in Berlin gegen dieses verhetzende Treiben ihrer Anhänger nicht energisch Front gemacht hat. Die Versammlung ist einmütig der Ansicht, daß diejenigen Alliancemitglieder, welche um des Friedens willen sich dem Landeskomitee in Berlin nicht anschließen, m i n d e st e n s von demselben deutsch-vaterländischen Gefühl beseelt sind, als diejenigen Herren, die in einer rein jüdischen Wohlfahrtsaugelegenheit ohne besondere Veranlassung' mit ihrem deutschen Patriotismus prunken. — Karlsruhe, 23. Februar. Die Vereinigung badischer Israeliten (Landesverband des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) hielt vor kurzem im Saale des Hotels „Nassauer Hof" eine Versammlung ab, die einen sehr zahlreichen Besuch auswies. Nachdem der 1. Vorsitzende Herr Stadtrabbiner Dr. M. Appel die Anwesenden begrüßt hatte, nahm Herr Dr. med. L e w h - Günterstal das Wort zu etwa folgender Ansprache: In einigere Wochen rüstet man sich, die Hundertjahrfeier der Emanzipation der Juden zu begehen. Unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung ist aber in vielen Füllen noch immer nur ein Recht auf dem Papier. Durch die Verschließung vieler Laufbahnen und durch die gegen ihn ausgespielte Gehässigkeit ist der Jude auch heute noch ein Fremdkörper im Staate, der bei allen günstigen Gelegenheiten zum Prügelknaben ausersehen wird. Lange Zeit hindurch haben die Juden diese Behandlungsweise mit. stiller Resignation ertragen. Es darf Baden als ein besonderer Ruhm zuerkannt werden, daß hier etwa zur gleichen'Zeit wie in Berlin eine Organisation zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben gerufen wurde. Die Frage des Antisemitismus ist nicht die Frage einer Provinz oder eines Landes, sondern eine Kulturfrage im weitesten Sinne. Wie es der von Ihrer vorurteilslosen Vaterstadt soeben als Vertreter deutscher Volksinteressen in den Reichstag entsandte treffliche Mann, Dr. Ludwig Haas, öfters betont hat, dürfen wir den Anspruch auf Gleichberechtigung nicht nur der historischen Vergangenheit wegen erheben, sondern in erster Linie wegen unserer gegenwärtigen kulturellen und sozialen Tätigkeit im Dienste des Vaterlandes. Auch in Baden ist die Frage des Antisemitismus von aktueller Bedeutung. Wir wollen aber hoffen, daß die gemeinsame Tätigkeit mit dem Landesverband Erfolge zeitigt und nach Verdienst gewürdigt wird. Sodann nahm Herr Rechtsanwalt Dr. Herzseld - Essen das Wort zu einem Vortrag, in dem er die „Ausgaben und Ziele des Zentralvereins" klarlegte. Der Redner gab einen historischen Umriß über den Antisemitismus in Deutschland und seine Bekänrpfung, die mehr und mehr zu einem Zusammenschluß zwecks gemeinschaftlicher Interessenvertretung führte. Wir wollen nicht Wünsche erfüllt haben, sondern Rechte verteidigen. Das ist unsere sittliche Pflicht. Wer einer Gemeinschaft angehvkt, für den gibt es in diesem Falle nur zwei Möglichkeiten: entweder' billigt er die seiner Gemeinschaft zugefügten Vorwürfe und Beschimpfungen und erkennt sie als gerechtfertigt an, was bei klarer lleberlegung.Wnen Austritt zur Folge haben würde; oder er sieht ein, daß diese Angriffe ungerechtfertigt, vorurteilsvoll und haßgeböreü sind, Und danü muß er mit auf der Schanze stehen, um die Belagerer. zu bekämpfen. Wir schützen nicht etwa den Juden ohne weiteres, sondern wir sind doppelt streng, wo immer ein Makel zu sinden ist. Redner ging dann des weiteren auf die Armeesrage, den Antisemitisnms in den Schulen und die Berussfrage für die Juden ein und schloß, nachdem er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer ganz besonders auf die Taktik und Kampfesweise des Deutsch-nationalen Handlungsgehilsenverbandes (der sich bekanntlich die Bekämpfung des jüdischen Einflusses zur Aufgabe gemacht hat) gelenkt hatte, mit einem lebhaften Appell zur Unterstützung einer Aufgabe, die nicht nur eine jüdische Angelegenheit ist, sondern zum Fortschritt des ganzen deutschen Vaterlandes beitragen wird. An der sich anschließenden Aussprache beteiligten sich die Herren Dr. Paul H o m- Bürger und Dr. med. Lew y - Günterstal. Zum Zwecke der Propaganda in Karlsruhe wurde eine Ortsgruppe des Landesverbandes gegründet und der vorgeschlagene Vorstand von Herrn Kommerzienrat Homburger verlesen. Mit Worten des Dankes an die Redner des Abends schloß Herr Stadtrabbiner Dr. Appel, um 11% Uhr die Versammlung. Gesterretch-Nngsrn. K. Prag, 23. Februar. Ilm 17. d. M. ist, wie bereits gemeldet, der Oberrabbiner unserer Gemeinde, Dr. Nathan Ehren selb, an den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung gestorben. Mit ihm scheidet einer der markantesten jüdischen Prediger, eine Säule des orthodoxen Judentums in Böhmen und überhaupt in Oesterreich, aus dem Leben. Als Mensch war Dr. Ehrenfeld ein-ungemein bescheidener, anspruchsloser Mann, der sich vermöge seines edlen Charakters und seines konzilianten, friedliebenden Wesens allgemeiner Achtung und Beliebtheit erfreute. Allen Ehren und Auszeichnungen abhold, suchte er sein einziges Lebensideal in der gewissenhaftesten und rigorosesten Ausübung seines Amtes und in seinen Studien. Dr. N. E h r e n f e l d wurde 1843 in Csusz (Ungarn) geboren, studierte an den hervorragenden Rabbinerschulen Ungarns und war einer der ersten Schüler Dr. Hildesheimers, die mit ihm von Eisenstadt nach Berlin kamen. Seine Universitätsstudien absolvierte er in Wien und erwarb das Doktorat in Kiel aus Grund der Dissertation „Joses Albos' Lehre von den Prinzipien und Kriterien der Religion". Er kam zuerst nach Brandenburg a. H. als Rabbiner, dann nach Prenzlan und Gnesen. Von dort erhielt er im Juni 1890'den Ruf als Oberrabbiner nach Prag, als unmittelbarer Nachfolger des Oberrabbiners Marcus Kirsch. Seine Installation fand am 4. Juni 1890 in feierlicher Weise statt. Seine Antrittsrede hielt er am 7. Juni in der Klaussynagoge. Er erörterte damals in ebenso geistreicher und' formvollendeter Auseinandersetzung die Aufgaben, die der jüdische Priester als Lehrer der Religion zu erfüllen habe: Förderung des Friedens in der Gemeinde, Erziehung der Jugend in religiösem Geistey Wahrung und Erhaltung der religiösen Tradition in der Familie und Gemeinde. Ehrenfelds rednerische Begabung war ganz hervorragend, so daß er von den größten und angesehensten Gemeinden Deutschlands wiederholt schmeichelhafte Berufungen erhielt, die er immer ablehnte. Entgegenkommend und. friedliebend, leitete er die gesamte ungeteilte Prager Gemeinde, jedem starren „Non possumus" aus dem Wege gehend. Ein besonderes Gewicht legte er auf den Religionsunterricht, dessen Inspektion ihm zustaud. Ohne die Lehrer in ihrer freien Bewegung zu beengen, hielt'er doch mit sachgemäßem Urteil seiner! Einfluß aus ihre Tätigkeit fest. Seine taktvolle Wohltätigkeilt machte ihn zu dem geeigneten und willigen, Werkzeug stiller Akte der Humanität. Selbst der verstorbene Chef des Hauses Rothschild in Frankfurt a. M. machte ihn seit Dezennien zu seinem Almosenier für Spenden, die nach Oesterreich geschickt wurden. — Unter überaus seltenen Ehren wurde am 20. dieses Monats Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfenld zu Grabe getragen. Die Trauerfeier begann um 2 Uhr nachmittags in der Klaussynagoge, wo der nunmehr verewigte Oberrabbiner mehr als zwanzig Jahre seine segensreiche Tätigkeit entfaltete. In dem schwarz drapierten Gotteshause hielten der Schwiegersohn des Dahingeschiedenen, Direktor Dr. H. Brody, und der Präsident der Kultus- . gemeinde, Dr. Arnold R o s e n b a ch e r, tiefempfundene Nachrufe. In der nach vielen Tausenden zählenden Schar von Trauergästen, worunter nwin Vertreter der Statthalterei, des Polizeipräsidiums, der Stadtgemeinde, der Universität, der Handels- und Advokatenkammer und aller Prager humanitären Vereine erblickte, gab sich das hohe Ansehen kund, dessen sich Oberrabbiner Ehrenfeld in den