Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229025--68242-3280491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Generalversammlnng ab. In der erstatteten Jahresübersicht gedachte der Vorsitzende, Herr Dr. Max Ginsberg, zunächst des schweren Verlustes, den der Verein durch das Hinscheiden seines früheren langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden, des Herrn Jlia Ber, erlitten hat, dessen Andenken die Anwesenden durch Erheben von den Sitzen ehrten. Von dem abgelaufenen Berichtsjahre, führte der Referent aus, darf mit Recht behauptet werden, daß der geleisteten Arbeit ein reicher Erfolg beschieden war. Es wurde insgesamt 2467 Bewerbern, 1397 männlichen und 1070 weiblichen, eine dauernde Stellung nachgewiesen; §25 Bewerber wurden außerdem einer vorübergehenden Tätigkeit zugeführt. Unter den placierten Bewerbern befanden sich 31 Personen im Alter von 50—60 und 2 im Alter von 60—70 Jahren. Der Nationalität nach sind 83 Russen, 280 Oesterreicher und 52 Bewerber aus anderen außerdeutschen Ländern untergebracht worden, während der Rest von 52 Bewerbern sich auf Berlin und das übrige Deutschland verteilt. Durch die Schreibstube und die Jnkassoabteilung konnten 9672 Mark an Stellenlose gezahlt werden. Der Zweck eines lediglich humane Ziele verfolgenden Arbeitsnachweises kann nicht der rein ziffernmäßige Erfolg und das Glänzen mit nach außen hin imponierenden Zahlen sein; der Verein kann seinen hohen Aufgaben nur gerecht werden, wenn dem in Not geratenen Bittsteller eine wirkliche Gelegenheit zum Aufbau einer neuen Existenz gegeben wird, wenn verfahrene wirtschaftliche Verhältnisse in geordnete Bahnen übergeleitet und durch Schaffung dauernder Erwerbsmöglichkeiten neue, der Allgemeinheit nützende Werte' erzeugt werden. Wenn der Verein sich weiter entwickeln will, bedarf es nicht nur pekuniärer Unterstützung, sondern vor allem eines erweiterten Kreises von Freundem und Gönnern unter den Arbeitgebern, die durch Anmeldungen von Vakanzen jeder Art die Unterbringung von Stellungslosen ermöglichen. — Herr Emil Cohn, der den Kassenbericht erstattete, bezeichnet die Finanzlage des Vereins als wenig günstig. Der Verein besitzt noch immer viel zu wenig Mitglieder und Gönner und wird im Geschäftsjahre wohl mit einem Defizit abschließen, wenn die Beiträge nicht erheblich anwachsen. Die Großloge für Deutschland, die Berliner Logen, die Alliance Jsraelite Universelle, der Hilfsverein der Deutschen Juden und vor allem die Jüdische Gemeinde in Berlin haben durch Bewilligung beträchtlicher Subventionen dem Verein die Erfüllung seiner Werke ermöglicht. Ein Aequivalent für die Munifizenz der Jüdischen Gemeinde wurde durch die Unterbringung der uns von der Armen- und Fürsorgekommission überwiesenen Bewerber gegeben, wodurch eine wesentliche Entlastung des Armenetats erreicht werden dürfte. Auch Frau Franziska Ginsberg gebührt aufrichtiger Dank für die wiederholte hochherzige Vergrößerung unserer Adols-Ginsberg-Stiftung. Die Bücher des Vereins sind von den Kasseurevisoren geprüft und für richtig befunden worden. Die beantragte Decharge wird debattelos genehmigt. Die Wahl des Vorstandes wurde durch Zuruf vollzogen und ergab die Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder bzw. die Neuwahl des Herrn Rentier Louis Jonas. W. Aus Ver Provinz Posen, im Februar. Posen. Die Freie Bereinigung für die Interessen, des orthodoxe n Indent u m s hielt hier einen Ostdeutschen Bezirkstag ab, der von hiesigen und auswärtigen Mitgliedern stark besucht war. Nach den Begrüßungsansprachen erfolgte das Hoch aus unseren Landesvater und die Absendung eines Huldigungstelegramms an den deutschen Kaiser. Den Ehrenvorsitz führte Herr Landesrabbiner Dr. W. Feil ch e n f e l d, Posen. Vorträge hielten die Herren Rabbiner Dr.' Munk-Berlin: „Die Fortdauer des überlieferten Judentums im Wechsel des Zeitgeistes" und Verlagsbuchhändler Moritz A. L o e b - Berlin: «Die religiösen Bedürfnisse des deutschen Ostens". Beide Redner ernteten großen Beifall. Den Bericht über die Tätigkeit der Freien Vereinigung erstattete der Generalsekretär, Herr Dr. d e H a a s. Ein Festbankett fand anschließend an die Versammlung statt, wobei ernste und heitere Reden in bunter Reihe miteinander abwechselten. — Der Israelitische Armenhilssverein hat auch im abgelaufenen Geschäftsjahr segensreich gewirkt. Die allgemeine wirtschaftliche Lage hat es mit sich gebracht, daß auch an den Verein größere Anforderungen gestellt nwrden sind. Dem durch die Teuerung hervvrgerusenen Notstand hat er dadurch abzuhelfen gesucht, daß ari die minderbemittelten Glaubensgenossen Kartoffeln und Brot zu ermäßigten Preisen verabfolgt .wurden. Bis zum 1. Januar 1912 sind an Zuschuß für Brot und Kartoffeln 569.70 Mark verausgabt worden. Auch sonst sind die Ausgaben im Berichtsjahre erheblich gestiegen. Die laufenden monatlichen Unterstützungen haben den Betrag von 6855.55 Mark gegen 6109 Mark im Jahre 1910 erreicht. Außerordentliche Unterstützungen zur Linderung der Not sind in Höhe von 5285.76 Mark gegen 4307.31 Mark im Vorjahre gezahlt worden. An Mitgliederbeiträgen sind 5905.50 Mark eingegangen. Wie alljährlich hat auch in-diesem Jahre der Vorstand der Synagogengemeinde dem Verein einen Zuschuß von 600 Mark gewährt. — Ostrowo. Die königliche Regierung hat den Antrag des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, die hiesige zweiklassige jüdische Volksschule in eine einklassige umzuwandeln und den Lehrer Nadel zu versetzen, abgelehnt, weil durch dessen Versetzung nach einen. Orte, der keine Ortszulage hat, sein Diensteinkommen sich um 300 Mark vermindert hatte. Nach den in den letzten Sitzungen der Schulvorstände der drei Sozietätsschulen gefaßten Beschlüssen werden im Rechnungsjahre 1912 an Schulboiträgen für die katholische Schule 100.Prozent, für die evangelische 60 und für die jüdische Schule nur 30 Prozent nach dem Steuermodus zur Erhebung gelangen. Bei der jüdischen Schulgemeinde hat sich der Schulbeitrag gegen das Vorjahr um 20 Prozent vermindert. — Plesche n. Der Brauereibesitzer Beigeordneter Strelitz ist von den Städten der Kreise Schrimm, Schroda und Pleschen aus sechs Jahre als Provinziallandtagsabgeordneter gewählt worden. G. J. Stolp i. P., 23. Februar. Am 6. Februar berief der hiesige Frauenvereiu seine Mitglieder zu einer Versammlung, in der Frau Justizrat Meyer aus Stargard über den jüdischen Frauenbund und über die Einrichtung eines Stellennachweises fürjüdische Frauen und Mädchen in eindrucksvoller Weise referierte. Auf ihre Anregung wurde eine Ortsgruppe des Frauenbundes, wie schon vorher in Köslin, so jetzt in Stolp gegründet, die den Stellennachweis in die Hand nehmen soll. In den Vorstand wurden Frau Rabbiner Dr. Joseph, Frau Stadtrat C a s s e l und Frau Klara Blau gewählt. Eine Kommission für den Stellennachweis wird demnächst eingesetzt werden. Der jüdische Frauenverein in Lauen-- bürg hatte Delegierte entsandt. Auch dort wird vermutlich ein Stellennachweis eingerichtet werden. 2X2 Kiel, 23. Februar. Am 18. d. M. fand in Kiel der erste V e r b a n d s t a g der jüdischen Gemeinden Schleswig- Holstein s statt, welcher von dem Vorsitzenden der Gemeinde Kiel, Herrn Dr. med. Jacob, geleitet wurde. Im Austrage der vorbereitenden Kommission erstattete Rechtsanwalt Dr. Victor- Wandsbek den Bericht über die Vorarbeiten und legte den von der Kommission, die aus den Herren Dr. Frank- Altona, Dr. Jacob- Kiel, Dr. Victor-Wandsbek bestand, ausgearbeiteten Statuten entwurf für den Verband vor. Nach eingehender Beratung wurde der Entwurf mit einigen Aenderungen angenommen. In den Verbandsausschuß wurden die Herren Dr. Jacob-Kiel, Meyer- Elmshorn, L e v i - Segeberg, B e i t h - Wandsbek und Dr. B i c t o r - Wandsbek gewählt. Nach der Mittagspause erstattete Herr Rechtsanwalt T a n n e n w a l d - Kiel ein Referat über das neue Versicherungsgesetz und feine Bedeutunng für jüdische Gemeinden. Der Referent entwickelte die Grundzüge des neuen'Gesetzes und legte dar, welche Möglichkeiten den Gemeinden sich bieten, um außerhalb des Gesetzes ihre Beamten zu versichern. Den Hauptteil seiner Ausführungen bildete die Frage, ob es für die jüdischen Gemeinden zweckmäßig sei, Ersatzkassen zu bilden. Referent kam zu einer Ablehnung der Ersatzkassen, An das Referat schloß sich ein Korreferat, das von Rechtsamvalt Dr. Tannenwald- Hamburg erstattet -wurde. Der Korreferent berichtete besonders über die seitens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes unternommenen Schritte zur Bildung einer Ersatzkasse und über die Arbeiten der von dem Gemeindetage in Berlin eingesetzten Kommission. Im Gegensätze zu dem Referenten riet er den Gemeinden, sich der Ersatzkasse anzuschließen, da die allgemeine staatliche Versicherung auf die Besonderheiten der jüdischen Gemeinden und der jüdischen Beamten nicht genügende Rücksicht nehmen könne. An die Referate, die mit allseitigem Beifall ausgenommen wurden, schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich besonders die Herren Meyer-Elmshorn, L e v i - Segeberg, K ü m m e r m a n - Wandsbek, Lehrer K a tz - Kiel beteiligten. Letzterer behandelte besonders die Verhältnisse der jüdischen Lehrer und Kantoren. Mit Dankesworten an die Teilnehmer und Referenten schloß der Vorsitzende den ersten Verbandstag der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins. t ££•> Nürnberg, 25. Februar. Gestern fand dahier eilte Mitgliederversammlung des Bezirkskomitees Nürnberg der Alliance