Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 9 -■ Berlin, 1. März 1912 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. korrrlponden?m und Kackrichtrn. Drutschlanli. Berlin, 27. Februar. Im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen ©erneiti.be zu Berlin sprach am 22. d. M. vor einem zahlreich erschienenen Publikum im Altstädter Hof Herr Direktor a. D. Dr. Holzman über das-Thema „Zur Geschichte unserer Bibel in Deutschland". Herr Dr. Holzman ging von der Bemerkung Gunkels aus: „Israel liegt zertreten ain Boden" und führte einleitend aus, daß sich Herr Professor Gunkel sehr geirrt habe. Israel liegt nicht zertreten, am. Boden,, sondern beweise immer mehr, wie voller Leben es sei. Der beste Beweis hierfür seien die vielen Vereinigungen im Judentum., Vor allem sei es die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland", die durch Leben und Lehre den Ausspruch Gunkels Lügen strafe. Der Redner ging alsdann zur Bibel über, welche Israel der Menschheit gegeben habe und welche ein Weltbuch geworden sei. Nach seiner Schilderung der Entstehung der Septuaginta veranschaulichte der Redner die Entwicklungsgeschichte der Vulgata, und wies , an zahlreichen trefflichen Beispielen nach, welche Verdienste die Uebersetzer der Bibel sich erworben, aber auch wie vielen bedauerlichen und für die Folgezeit unheilvollen Jrrtümern, Mißverständnissen und Unwahrheiten-der Text der Bibel unterworfen gewesen ist: Manchmal unabsichtlich, in den meisten Fällen aber mit voller Absicht, haben die großen Uebersetzer und Interpreten wie Hieronymus, Luther u. a. den Text, einseitig falsch übersetzt und interpretiert. Hervorzuheben sei das Verdienst eines Mannes wie Reuchlin, der viel zur richtigen Wiedergabe des Textsinnes beigetragen habe. Unsere Pflicht sei es, durch fortgesetzte wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel, durch unermüdliche Arbeit jene Jrrtümer wegzuräumen, Mißverständnisse zu beseitigen und die Unwahrheiten nachzuweisen, .den wahren Sinn des Bibeltextes zu perbreiten und zum Gemeingut der. Menschheit zu machen. Wir müssen uns die Bibel wieder e r w e r b e n, wenn wir sie' recht besitzen wollen. — Die. lehrreichen und sehr interessanten Ausführungen des Redners, denen die Zuhörer mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten, fanden überaus lebhaften Beifall. Es wäre zu wünschen, daß der ganze Vortrag, der sehr viel wissenschaftliches Material zur Geschichte unserer Bibel in Deutschland brachte, im Druck erscheinen würde. 8. Berlin, 27.. Februar. Am Montag vergangener Woche hielt in der Aula der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Herr Geheimer Medizinalrat Professor Dr. v. Wasser m a n n, der besonders durch seine Krebsforschungen in letzter Zeit viel genannte Berliner Bakteriologe, einen Vortrag über „das Wesen der in Palästina endemischen Infektionskrankheiten und die Möglichkeit ihrer Bekänrpsung". Im ersten Teil seines Vortrages gab der Redner eine allgemeine Einleitung über das Wesen der Infektionskrankheiten, um im zweiten Teile ans die speziellen Verhältnisse in Palästina zu sprechen zu kommen. Es kommen in Betracht die Malaria oder das Wechselsieber, das durch die Moskitos übertragen wird und durch Chinin, das zu einer wirksamen Bekämpfung der Krankheit an alle unentgeltlich verabreicht werden mühte. Dann tritt noch in Palästina das Mittelländische- oder Maltasieber aus, das jahrelang anhält und eine sehr unangenehme Krankheit ist. Ferner das Rückfallsieber, das durch ein bis zwei Salvarsaninjektionen behoben werden kann. Als letzte Krankheit erwähnte der Redner die Meningitis, die epidemische Genickstarre, die sehr schwere Nachkrankheiten, besonders bei Kindern, im Gefolge hat. Dagegen gibt es ein Serum, das Herr v. Wassermann herstellt, und das sehr viel in Palästina verwendet wirb/ Dadurch.ist es. gelungen, die Sterblichem von 70 Prozent aus 6 Prozent zu reduzieren. Eine Anzahl Lichtbilder zeigten die Erreger und die' Wirkungen, die sie im Bluteerregen. Die Zuhörerschaft dankte dem Redner für seine lehrreichen Ausführungen durch lebhaften Beifall. 8. Berlin, 27. Februar. Der Verein „ I ü d i sch e L e s e h alle n.nd B i b li o th e k ", Oranienburger .Straße 58, hielt am 24. d. M. unter zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder die diesjährige Generälversammlung ab. Der Vorsitzende Herr Dr. M a-x Ginsberg erössnete die Versammlung mit einer, längeren, wirkungsvollen Ansprache, in der er etwa folgendes aussührte: „Das verflossene Jahr hat auch an seinem Teile gezeigt, daß unsere Leitmotive die rechten waren, ' und daß wir sie aus guten Wegen in das jüdische Leben hineingetragen. Haben — durch Belehrung über unsere Vergangenheit, Einführung in die Kenntnis unserer Literatur, Erziehung zur persönlichen Anteilnahme an den Schicksalen unserer Gemeinschaft, an dem rastlosen Streben, das Judentum. auch in der Zukunft kraftvoll zu erhalten.' Für die Erfüllung dieser sittlichen Forderungen wirkt Unser Institut mit wachsendem Erfolge. Die Bücherbestünde unserer Bibliothek haben im Berichtsjahre, insbesondere dank den hochherzigen Zuwendungen des Deutsch-Israelitischen G e m e i n d e b u n d e 8 und des Herrn Geheimrat Professor Geiger, eine Bereicherung um 700 Bünde erhalten und umfassen jetzt im ganzen etwa 8000 Bände, von denen im Berichtsjahre ungefähr 50 Prozent ausgeliehen wurden. In den Leseräumen liegen ständig-86 jüdische Zeitungen und Zeitschriften in den verschiedensten Sprachen aus, die andauernd in reichem Maße benutzt werden. So konnte im verflossenen Jahre eine Besucherzisfer von 31336 Personen sestgestellt werden. Durch unsere Einrich- tungen suchen wir die Liebe zum Judentum zu erhalten und zu kräftigen und jüdisches Wissen in weiten Kreisen zn verbreiten, denn die Kenntnis des Judentums ist die Voraussetzung fürseine innere Weiterentwickelung und seine sittliche Stärke!" An diese mit lebhaftem - Beifall ausgenonunenen Ausführungen knüpfte sich eine lebhafte Diskussion an, in der manche fruchtbare Anregung für die weitere Ausgestaltung der Vereinstätigkeit gegeben wurde. Darauf erstattete der Schatzmeister Herr Benas Levy den Kassenbericht, der in Einnahmen und Ausgaben mit etwa 8000 Markabschließt, und hob besonders hervor, daß die Verwaltung des Instituts mit größter Sparsamkeit zu Werke gehen mußte und selbst für die wichtigsten Ausgaben, wie Neuanschaffungen von Büchern und Zeitungen, nur sehr bescheidene Mittel zur Verfügung hatte.' Um so mehr gebühre der Dank des Vereins den hochherzigen Spendern, die ihn durch Zuwendungen und- Subventionen unterstützen. Insbesondere dankte der Schatzmeister im Namen des Vorstandes mit warmen'Wartender Gönnerin des Vereins, Frau F r a nz i s k a G i n s b e r g, die für die Lesehalle, wie alljährlich, auch im vorigen Jahre einen namhaften Betrag gestiftet hat. Nach der durch Zuruf erfolgten Wiederwahl der bisherigen- Borstandsmitglieder ergriff Herr . D r. Z l o e i st i -das Wort, um im Namen der Versammlung den Herren Dr. Ginsberg und Benas Levy für ihre hingebungsvolle und vorbildliche Wirksamkeit zu danken, deren Verdienst -es vorallem ist, daß die „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" das geworden ist, was sie heute darstellt: eine der segensreichsten jüdischenInstitutionen in der Metropole und im Reiche. L2 Berlin, 27. Februar.. Wir erhalten folgende Mitteilung mit der -Bitte um Veröffentlichung: Der bekannte Verfasser von wirt- - schastlichen Handbüchern über Marokko, Tunis, Tripolis, Persien, Herr Da v i s T r i e t s ch, spricht in einem vier Vorlesungen (Doppelstunden) umfassenden, Vorlesungszyklus - über „Jüdische Emigration und Kolonisation". Der Zyklus findet statt an den vier Dienstagen des März (5., 12., 19., 26.) in der Aula der Charlottenburger Gemeindeschule, Bleibtreustraße -43, abends 8 Uhr. Herr Trietsch wird folgende Themen behandeln: 1. -Tatsächliches über die Emigration seit 1881 nach Umsang und Richtungen. 2. Der Orient als Feld jüdischer Einwanderung. - Die wirtschaftlichen- und Verkehrsverhältnisse der Einzelgebiete. Die bisherige Kolonisation der Juden im Orient. 3. Weitere.Möglichkeiten des Orients für die jüdische Einwanderung. Ausdehnung der landwirtschaftlichen, städtischen, industriellen Kolonisation. 4. Die Organisation der jüdischen Emigration. Ein jüdisches Emigrationsamt. .Karten für-Pier Vorlesungen zu zwei Mark bei A. Wertheim. ' L2 Berlin, 27. Februar. Der Verein für Arbeitsy ach w e. is (begründet von den Berliner Logen) hielt am' 21. d. M. rin seinen Bureauräumen, Monbijouplatz 10, unter erfreulicher Be- 1 teiligung einer großen Anzahl von Mitgliedern die 17. ordentliche