Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-106 im Reichstag ein jüdischer Name zu einem Witz herhalten muß — welche Freude im antisemitischen Lager! Jetzt mußte Herr Mumm am eigenen Leibe spüren, wie so etwas wohl tut. Einige Sozialdemokraten riesen nämlich, als -Herr Mumm sprach, häufig „M u m P i tz" dazwischen. Dagegen wandte sich Herr Mumm in sittlicher Entrüstung. Seine Entrüstung soll wörtlich festgelegt werden. Wir werden diese Waffe sehr oft mit großem Wohlbehagen gegen den Antisemitismus führen können, wenn er von „ballinisieren", „Mossoleum" usw. geistreich spricht. Herr Mumm ist auf seinen Namen stolz unp Polemisierte also: „Ich gehe weiter und bemerke, daß der Abgeordnete Ledebouc -mehrfach das Wort „Mumpitz" gebraucht hat, (Zurufe links.) also-meinen Namen — das ist rein persönlich — zum Gegenstand seines' Witzes gemacht hat. . (Große Heiterkeit links.) Meine Herren, ich führe meinen Namen wie jeder im Reichstag in Ehren, halte Namenwitze für üble Unwitze und überlasse das Urteil über die Höhenlage einer solchen Kampsesweise dem Hause." (Bravo rechts und im Zentrum.) Ganz unsere Ansicht. Soll Herrn Mumms sittliche Entrüstung nicht als Heuchelei aufgefaßt werden, dann muß er seine Worte i n d i e T a t umsetzen und Witze auf Kosten jüdischer Namen ein für alle mal im Namen des Antisemitismus als unmoralisch verdammen. Dann hat das mißglückte Debüt des Antisemitismus im neuen Reichstag wenigstens etwas Gutes gehabt. Ueber den dreitausend und mehrjährigen Stammbaum der Juden kann er höhnen. Auf diesen H o h n si n d w ir stolz. - ^aiLLecnfv' Purim. Erinnerung nnd jnisbli». Von Ludwig Geiger, estesrauscheu, Gläserkliuaeu Und der Gäste buntes Wogen, In der Tänze holdem Schlingen Kommt der Maskenschwarm gezogen. Purim ist's, und unsre Zinuner Bei der Freunde stark Gedränge Und dem Hellen Lichterschimmer Zeigen sich zu klein und enge. Alle Glieder der Gemeine Künden dem verehrten Lehrer, Daß er fördernd sie Vereine, Sind ihm Schüler und Verehrer. Doch des Alltags grauer Morgen Folget schnell dem Festgewimmel, Von der Zeiten bleichen Sorgen Dunkelt, düstert sich der Himmel. Purim, Purim, Fest der Lose, Nicht das Glück allein du spendest, Aus der Zeiten dunklem Schoße Gram und herbes Leid du sendest. Innen Streit und Kampf nach außen Sind der Zeiten Signatur, Friedensstille ruht im Hause, Nicht im Sturme der Natur. Aber trotz der Stürme Toben Stehet fest in Graus und Wetter, Schaut im Frohgefühl nach oben. Traut der Freiheit, dem Erretter. Und beim frohen Fest der Lose Glaubt an schöner Zukunft Walten, In der Schlachten wild Getöse .Bleib' euch Herzenssried' erhalten. Literarilchk Mitteilungen. Werner S o m b art: Die Zukunft der Juden. Leipzig. Verlag von Duncker u. Humblot. 1912. Herr Sombart ist ein gewandter Mann: er gibt mit einer Hand, was er mit der anderen nimmt. Das Motto-zu seiner Schrift: „Ein Volk stehet aus. das andere verschwindet, aber Israel bleibt ewig" ans dem Midrasch zu Psalm.36 sichert den Juden ewigen Bestand zu, und doch klingt durch die ganze Schrift die Hoffnung und die Erwartung, daß die Juden aufhören und in die anderen Völker eingehrn sollen. Er möchte den Juden der östlichen! Länder die Möglichkeit einer Ansiedlung in anderen Staaten gewähren, und doch sieht er voraus, daß die Zuwanderungsländer - sich den einströmenden Juden verschließen könnten. Er ist für einen jüdischen Staat, und doch zweifelt er an der staatenbildenden Kraft der Juden. Er ist für die Auswanderung nach Palästina, und doch erkennt er, daß Palästina zu klein sein würde für die Masse der Anströmenden, und wiederum crkennit er es als richtig an, daß die Juden sowohl in den östlichen, als auch in den westlichen Ländern Europas bleiben, da ihre Einwirkung auf die übrigen Bewohner dieser Länder eine nützliche und heilbringende gewesen fei und weiter sein würde. Er ist zwar für eine Gleichberechigung, und doch meint er, es schade gar nichts, wenn die Juden von den llniversitätsämtern ausgeschlossen würden, ja.er versteigt sich zu dem Satze „es sei eine kluge Praxis, daß die Juden nicht zu Offizieren befördert würden", die „ebenfalls vor allem im Interesse der Juden gelegeil sei, denn," so meint er, „die Kriegerkaste sollte man am liebsten nur aus Kriegerfamilien ergänzen". Welcher Nonsens in diesen wenigen Worten liegt — denn eigentliche Kriegerfamilien gibt es bei der allgemeinen Wehrpflicht überhaupt nicht —, nach dieser Theorie müßte sich das Offizierskorps auf wenige Dutzend Leute beschränken. Als der Weisheit letzter Schluß steht bei ihm der Satz: „Die Staaten geben ihren jüdischen Mitbürgern die volle Gleichberechtigung, und die Juden werden die Klugheit und den Takt besitzen, diese Gleichberechtigung nicht überall im vollen Umfange auszunützen." Das ist entweder unsinnig oder frivol, und man hat bei der Lektüre der ganzen, übrigens gut geschriebenen Schrift die Empfindung, als wenn sich Herr Sombart absolut nicht klar wäre, über die Wichtigkeit und Schwierigkeit des Problems, das er behandelt. Was er zum Beispiel über Assimilation sagt, ist grundverkehrt. Sein Satz: „Das Wort kann zunächst nur soviel bedeuten roie Aufgeben einer Eigenart; Verzicht aus bestimmte Sitten und Gebräuche; Ableugnen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft. Versteht man das unter Assimilation, so steht es natürlich in jedermanns freier Entschließung, sich soviel zu assimilieren, als er will. Erklärt ein Jude, wie wir es so oft hören: er habe nichts mehr gemein mit dem Judentum und seinen Erinnerungen und Traditionen, er „fühle" sich nicht mehr als Jude, heiligt er den Sabbat nicht mehr und verwirft die Speisegefetze, und will er dann das alles zusammen'sassend „Assimilation" nennen, so kann ihn kein Mensch hindern, das zu tun. Er ist assimiliert (in seinem Sinne), dieser Satz hat mit dem, was wir Assimilation nennen, gar nichts zu tun. Wir verstehen darunter in keiner Weise ein Aufgeben des Judentums, denn mau kann ein sehr guter Jude sein, wenn man auch die Speisegesetze nicht hält und den Sabbat nicht mehr zu heiligen vermag, sondern wir verstehen darunter ein volles Ausgehen in die Kultur des Landes, dem mau durch Geburt und Erziehung angehört, unter Beibehaltung der jüdischen Morallehre und des jüdischen Glaubens. Wer so wenig wie Herr Sombart über die Grundsätze der Frage orientiert ist, mit derer sich beschäftigt, der sollte aufhören, das große Wort zu führen. Das könnte am leichtesten geschehen, wenn die Juden, die die wirklich gute jüdische Literatur vernachlässigen, endlich aufhören wollten, seine Vorträge zu besuchen und seine Bücher zu kaufen. . L. G. *