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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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Referent über den Statutenentwurf auf dem Gemeindetage hat uns daran erinnert, daß der Bund ursprünglich eine Vereinigung der größeren Gemeinden — etwa hundert an der Zahl — .war. Erst als die materielle Leistungsfähigkeit wuchs, fanden sich auch die kleinen Gemeinden ein, um für sich und ihre Beamten einen Anteil an dem Vorteil der Organisation zu erlangen. Nun frage ich meine Kollegen aus den mittleren und kleinen.Gemeinden, insbesonderediejenigen, die in der Frage des Religionsunterrichts mit dem D. I. G. B. verkehren. Ich frage ferner-- die Beamten,' dre.-mitdertt/Bunde zu tun haben; ich frage alle, die über Praktische Erfahrungen verfügen — was die Herren vom Komitee Vorbringen, ist leeres Gerede — welche Handlungen oder Versuche des Ausschusses sind ihnen begegnet, die auf die Absicht einer Vergewaltigung oder Entrechtung schließen lassen? . Mir scheint, man wird nichts Vorbringen können, denn bei der Verhetzung, die seit Jahren, betrieben wird, wäre das längst zur Sprache gekommen, und die Herren vom Komitee blieben nicht auf Hypothesen angewiesen. Wenn also keine Rechte bedroht sind, so bedarf es auch keiner Abwehr. Im Gegenteil, es ist nötig, daß wir Juden uns untereinander vertragen und unseren geistigen Führern freiwillige Folge leisten. Was wir vier Jahrzehnte lang getan haben, das laßt uns weiter tun! Der Gemeindebund ist unser großes Gemeindehaus, das uns der.Ausschuß in vier Jahrzehnten, aufgebaut hat. . Dafür wollen wir ihm danken und ihm unser Vertrauen nach so viel Verunglimpfungen dadurch ausdrücken, daß wir ihm durch unsere Stimmen dazu, helfen, unser Vereinshaus zu erhalten und in seinem Sinne weiter auszubauen. v ' Lin mißglücktes Debüt. (Aus dem Reichstag) von Arl nr Schwerin e r. ie kleinste Partei im deutschen Reichstage, die antisemitische „Wirtschaftliche Vereinigung", konnte als erste dem neugewählten Parlament einen neuen Mann, errmn Jungfernredner, vorstellen. Der Schwiegersohn Stöckers, Herr Lizentiat Mumm, sprach im Namen des zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Antisemitismus. Das gab ein Fest! Wer einen Blick in das soeben herauskommende amtliche Stenogramm wirft, hat den Eindruck, der durch den Zuhörer im Reichstag vollauf bestätigt werden muß, daß es sich um eine politische K a r n e v a l s r e d e Handelb Besonders die Linke, hat ihre Freude an'dem Debüt des streitbaren Geistlichen, der durch Pathos zu ersetzen sucht, was seiner Rede an beachtenswertem Inhalt fehlt. Ginge es nach dem Wunsche des Herrn Mumm, dann könnte man heute auf Bahnhöfen nur noch solche Blätter kaufen, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinen: die „Staatsbürgerzeitung" und ähnliche gesinnungstüchtige Blätter. Das „Berliner Tageblatt", das auch für die Gleichberechtigung der.deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens eintcitt, -will er aus dem Bahnhofsbuchhandel verbannt wissen. Die Mosse und Ullstein, zwei Verleger jüdischen Glaubens, sind ihm ein Dorn im Auge, und so klagt er denn die Jerusalemer- und die Kochstraße in Berlin an. Da die antisemitische Kampfesweise am besten durch diese zornigen Anklagen — das treffende Wort ist Denunziationen— illustriert wird, sei dieser Passus der Mummschen Rede nach dem Stenogramm w ö r t l i ch wiedergegeben. „Meine Herren, alle Bitternis wird im Volksleben unausgesetzt durch unsere Massenpresse geschürt, Massenfeelen lesen die Massenpresse. Gewiß ist es letzthin die Schuld des Volkes selbst, daß wir erleben müssen, wie unser deutsches Volk, unser Nationalstaat, eine vielfach' undeutsche. Massenpresse besitzt. - V Man könnte wohl erwägen, ob nicht — wie auf Truppenübungsplätzen ein gewisses. Organ der Jerusalemer Straße verboten ist, auch in gleicher Weise durch Vermittlung des Neichseisenbahnamtes auf den Bahnhöfenvorgegängen werden möchte, auf denen gerade dieses Organ in aufdringlicher Weise angeboten wird.'. V Zum mindesten könnte man demjenigen Organ, das durch herabsetzende Sprache wirkt, jenen offiziösen Nimbus nehmen, wie er durch Informationen von amtlicher oder halbamtlicher Stelle ihm gegeben wird. Es wurde gestern von seiten des sozialdemokratischen Herrn. Etatsredner ein Orden, pom* le rnerite vergeben. Ich glaube, meine Herren, der sozialdemokratische Etatsredner brauchte nur in der Jerusälemer- und Kochstraße zu bleiben, er fände dort in gewissen Redaktionsräumen Männer genug, Männer mit dreitausend und mehrjährigem Stammbaum, an die er allen seinen Ordensreichtum für Verdienste um Ausbreitung der Sozialdemokratie loswerden könnte." Mit Hohn und Spott charakterisierte der Sozialdemokrat Ledebour unter Freudenausbrüchen nicht nur seiner Fraktion dieses eigenartige. Erstauftreten des antisemitischen Kulturkämpfers. Auch die Antwort sei nach dem amtlichen Stenogramm wiedergegeben:' „Herr Mumm machte auf mich'den erfreulichen Eindruck wie ein Posaunenengel, der am Tage des jüngsten Gerichts mit seinem Instrument wie armen Sünder in die ewige Verdammnis hineinbläst. (Heiterkeit.) Ich freue mich, daß ich endlich einmal den Genuß gehabt habe, eine derartige Produktion zu erleben. Sowohl ich wie meine Parteifreunde würden nun über die Büßpredigt des Herrn Abgeordneten Mumm vielleicht zerknirscht fein, wenn nicht leider der Inhalt seiner.. Rede zum Teil in einen recht peinlichen Gegensatz zu der moralischen Salbung geraten wäre, von denen das Gedröhn seiner Worte triefte. . Ich will mich nur mit diesen Entgleisungen beschäftigen, da ich im übrigen den Herrn Abgeordneten Mumm und seine Leistungen ruhig der Heiterkeit des Hauses überlassen kann. Herr Abgeordneter Mumm hat es erstens für angebracht gehalten, eine liberale Zeitung, die vermutlich ihm in seiner Tätigkeit unbequem' geworden war,' bei den Behörden zu denunzieren. Er fordert die Behörden auf, dieses Blatt, das er im T o n e d e r a n t i s e m i t i s ch e n Agitatoren das „Jerusalemer Blatt" nannte, von den Bahnhöfen zu verbannen. Er arbeitet also daraufhin, einen politischen Gegner durch Aufhetzung der Behörden materiell zu schädigen. Ich will nicht sagen, daß er damit Erfolg haben wird. Ich vermute im Gegenteil, daß das „Jerusalemer Blatt" davon nur Vorteil haben wird. Aber das lag nicht in seiner Absicht; in-seiner Absicht lag. es, die Behörden aufzuhetzen, diesem Blatte künftig die Bahnhöfe zu versperren. Das ist eine Denunziation, und zwar eine Denunziation, die bisher unter allen anständigen Politikern als etwas sehr Schäbiges angesehen wurde. Im Volksmunde hat man• dafür einen außerordentlich derben Vers geprägt, den ich in parlamentarischer Form in die Worte umdichten möchte: Ueberall im ganzen LarH Gilt als minder achtbare Persönlichkeit der Denunziant. (Heiterkeit.) , Das wäre das eine, worüber ich mit dem Moralprediger, Herrn Abgeordneten Mumm, abzurechnen hatte." Mit dieser Abfertigung der schönsten Blüte am derzeitigen Baume des Antisemitismus im Reichstage könnte auch dieser Bericht schließen, wenn für uns Juden nicht eine persönliche Bemerkung dieses ausgezeichneten Führers der „Wirtschaftlichen' Vereinigung" besonders bedeutungsvoll wäre.. Der Antisemitismus schlägt sich mit seinen eigenen Waffen. Wenn

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