Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
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103 So hat sich uns sein Bild eingeprägt als das einer überragenden, zur harmonischen Einheit gereiften Persönlichkeit, als das eines Mannes, der stets für seine Ueberzeugung mit Festigkeit und Unerschrockenheit eintrat, als das eines an verantwortungsvoller Arbeit und Pflichttreue reichen, gottgesegneten Lebens. So soll sein Bild in uns lebendig bleiben und uns voranleuchten. Lriek sus London. Von Tr. I. C h o tz n e r. n meinem früheren Brief aus London, der in diesen \ Blättern erschieueir ist, erwähnte ich die kürzlich hier stattgefundene Feier eines siebzigjährigen Jubiläums in Verbindung mit der hiesigen weitbekannten Wochenschrift „Jewish Chronicle". In meinem jetzigen Briefe will ich ein zweites gletchjähriges Jubiläum in Erwähnung bringen, das von der hiesigen jüdischen reformierten Gemeinde vor kurzem gefeiert wurde. Folgende kurze Bemerkungen über die erste Entstehung und jetzige Existenz der fraglichen Gemeinde dürften wohl für manche Leser dieses Blattes von einigem Interesse sein. Während der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bestand hrer eine kleine Zahl von angesehenen Mitgliedern der hiesigen spanischen und deutsch-polnischen Gemeinden, die mit dem S t a t u s q u o des Kultus, wie er damals in ihren respektiven Synagogen existierte, recht sehr unzufrieden war. Die Unordnung, die damals in den letzteren während des Gottesdienstes herrschte, und die unschönen Ritualien, die mit diesem verbunden waren, mißfielen den fraglichen Mitgliedern in hohem Grade. Sie beschlossen daher, eine separate Synagoge zu etablieren, worin ein mehr erhebender und den Schönheitssinn nicht verletzender Gottesdienst abgehalten werden sollte. Sie wollten auch einen geschulten Prediger haben, der in englischer Sprache und in verständlicher Weise ihnen den ethischen Gehalt ihrer Religion an Sabbat- und Festtagen kundtun und erklären sollte. Dieser Beschluß wurde im Jahre 1841 auch in Ausführung gebracht, denn in diesem Jahre wurde eine kleine Synagoge im Westen von London eröffnet, die unter die religiöse Leitung eines tüchtigen englischen Predigers (Mr. D. W. Marks) gestellt wurde. Dieser war für ein geläutertes Judentum höchst eingenommen, und der von. ihm geleitete Gottesdienst nebst seinen religiösen Vorträgen war für seine Gemeinde erbauend und zugleich auch anziehend. Dies war also die Lichtseite der ersten reformierten jüdischen Gemeinde in London, aber nicht alles ist Gold, was glänzt. Denn kurz vor der Eröffnung der besagten Synagoge wurde ein Schriftstück in allen anderen Synagogen feierlich vorgelesen, das von dem damaligen Chief-Rabbi Herschel herrührte, und worin ein Bann („Cherem") gegen die Mitglieder dieser neuen reformierten Gemeinde ausgesprochen wurde. Demzufolge sollten diese für alle Zukunst von jeder religiösen und sozialen Gemeinschaft mit den Mitgliedern aller anderen existierenden Synagogen ausgeschlossen sein und als Ungläubige angesehen werden. Dieser Bannfluch hatte anfangs verschiedene Unannehmlichkeiten hervorgerusen, konnte aber den endlichen Erfolg der reformierten Gemeinde nicht hemmen. Diese gewann von Jahr zu Jahr einen Zuwachs von neuen Mitgliedern, und augenblicklich ist deren Zahl eine recht beträchtliche.. Ja, noch mehr. Der schöne und erhebende Gottesdienst, der seit siebzig Jahren in der hiesigen reformierten Synagoge existierte, wurde teilweise von den Verwaltern anderer hiesiger Synagogen mit gutem Erfolge adoptiert. Der fragliche Bann ist — niirabile dietu — von den zwei Nachfolgern Herschels im Amte eines Chief-Rabbi keineswegs offiziell annulliert worden, und derselbe fährt fort, keinen ernstlichen Schaden im hiesigen Gemeindeleben zu verursachen. Er wird zuweilen hier erwähnt, doch betrachtet man ihn als eine Biene, die ihren Stachel eingebüßt hat. Von Chief-Rabbis sprechend, will ich bemerken,, daß die wichtige und ernste Frage hinsichtlich der Wahl eines neuen Chief im hiesigen Rabbinate noch immer keine endgültige Lösung gefunden hat. 'Wie ich in meinem vorhergehenden Brief aus London auseinandersetzte, ist es für die Repräsentanten der Wahlkommisfion recht schwer, einen Kandidaten zu finden, der nur einigermaßen als ein würdiger Nachfolger des seligen Dr. Adler angesehen werden kann. Dazu kommt noch die Uneinigkeit, die augenblicklich hier zwischen den verschiedenen religiösen Parteien herrscht, wovon .jede einzelne ein gei stliches Oberhaupt haben möchte, das, wir sie hoffen, ihre eigenen, separaten Ideen in jüdisch-religiösen Sachen möglicherweise gutheißen und als die einzig richtigen erklären würde. Wahrlich, Koheleth hatte recht, wenn er schon im . grauen Altertum ausrief: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne." Bei verschiedenen früheren Gelegenheiten wies ich in diesen Blättern auf die großen, bemerkenswerten Talente hin, die manche der Söhne der hier eingewanderten russischen Glaubensgenossen auf dem Gebiete der Literatur, der Mathematik und der schönen Künste besitzen und die sie in ihren Arbeiten bekundeten. Ein neues Beispiel von dem Besitz eines solchen Talents in der Kunst der Malerei gab jüngst der kaum zwanzigjährige Sohn armer und hier eingewanderter jüdischer Eltern, namens Mark Gertler. Eines seiner letzten Bilder hat in hiesigen kunstverständigen Kreisen,recht viel Bewunderung hervorgerufen und hat schließlich eine permanente Stätte in einer der hiesigen bedeutendsten Bildergalerien gefunden. Dieser Jüngling hatte bis jetzt mit großer Armut zu kämpfen gehabt, kann aber mit vollem Vertrauen auf eine schöne, ruhmreiche Zukunst für sich Hinblicken. Der hundertjährige Geburtstag des weltberühmten englischen Novellisten Ch a r l e s D i ck e n s wurde jüngst hier' und in Amerika mit großem Eklat gefeiert. In einem seiner Werke, das „Oliver Twist" betitelt ist, hat er zwar einen Juden vorgeführt, der keineswegs eine liebenswürdige Persönlichkeit ist. Doch hat er in einem späteren Werke, „Our Mutual Friend" genannt, den Charakter eines anderen Juden gezeichnet, der recht schön und edel ist. Seine Werke, die meistens voll von köstlichem Humor sind, bilden die Lieblingslektüre von hiesigen Juden und Nichtjuden, obschon erstere es gewünscht hätten, daß deren Verfasser in dem besagten „Oliver Twist" den Juden F a g i n ganz ausgelassen hätte. Wohl gibt es hier und da unter den Juden verwerfliche und niedrige Charaktere, aber ein solcher, wie er bei Fagin vor uns tritt, wird wohl niemals unter ihnen gefunden. Stehen wir kleinen Milchen Gemeinden unter Kuratel? Von C. L a n d s h u t, Vorsteher der Shnanoaengememde Neumn^k in Westpr. eit wann sind wir Vorsteher von kleinen und mittleren Gemeinden entmündigt worden? so wird gleich mir mancher Kollege aus kleinen und mittleren Gemeinden gedacht haben, als er in diesen Tagen wieder eines jener Flugblätter in die Hand bekam, mit denen ein sogenanntes „Komitee zur Wahrung der Rechte in kleinen und mittleren Gemeinden" uns seit vorigem Jahre von Zeit zu Zeit beglückt. Unberufen" möchte man sagen, denn meines Wissens haben die Herren auf die von Professor Philippson auf dem V. Verbandstage ihnen vorgelegte Frage, von wem sie ernannt