Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229025--68234-3280483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
werden wird. Wir wollen den Glauben nicht verlieren, daß Männer seiner-Art immer wieder erstehen. Am Säkulartage seiner Geburt aber wollen wir ihm danken für seine Treue, seine Tapferkeit, sein pietätvolles Gedenken der Vergangenheit, sein -harmonisches Leben, seinen vorbildlichen Optimismus. Wir wollen uns seiner freuen in aller Zukunft! L. G. -.a«* tjflfiüb Drielkn. | m 6. Januär ist in K a r l s r u h e i. B. der Direktor des „Israelitischen Landesstifts", Jakob D r i e s e n , 6i Jahre alt, gestorben. Sein Tod bedeutet einen sehr schmerzlichen Verlust nicht nur den Seinen und den persönlichen Freunden, die wie ich eine beträchtliche Strecke Weges gemeinsam mit ihm zurückzulegen das Glück hatten, sondern auch, der badischen Landessynagoge und dem Stande der Regilionslehrer, denen er große Dienste geleistet hat. Driesen war seit 1899 Direktor des „Israelitischen Landesstifts", in dem die israelitischen Zöglinge der Seminare in Karlsruhe interniert sind, und Sekretär des großherzoglichen Oberrats der Israeliten, nachdem er vorher in Bodenfelde in Hannover, in Segnitz und in Tauberbischofsheim mit außerordentlichem Erfolge gewirkt hatte. Seinen vielseitigen Pflichten ist er durch mehr als vier Jahrzehnte in 'hervorragender Weise gerecht geworden. Als Lehrer wirkte er vorbildlich; reiches Wissen, das er nach Absolvierung des Seminars in Hannover durch mehrjährige Studien an der theologischen Hochschule in Berlin vermehrte, ungewöhnliche pädagogische Begabung, seiner Takt, gründliche Menschenkenntnis und ein offener Blick für die Bedürfnisse der-Gegenwart gaben seinem Urteil eine gewinnende Sicherheit und Selbständigkeit, die seinen Unterricht bei Gymnasiasten und Seminaristen besonders fruchtbar gestalteten und ihm die Herzen gewannen. Ueber seine direkte Lehrtätigkeit hinaus ist er ein Lehrer' der Lehrerschaft auch dadurch geworden, daß er die Reformbedürftigkeit des hebräischen Unterrichts in 'der Öffentlichkeit vertrat und an der Schaffung eines immer noch seiner Lösung harrenden zeitgemäßen Lehrplans für den gesamten jüdischen Religionsunterricht in Baden tatkräftig mitwirkte. Und wenn in Baden die Jellinsche Methode rasch Beachtung und Eingang gefunden hat, so ist das vor allem der energischen Propaganda Driesens zu verdanken. — Als Mitglied des Vorstandes des „Verbandes jüdischer Lehrer im Deutschen Reiche" förderte er die Jugendschriftenfrage und veranlaßte als Vorsitzender der vom Verband eingesetzten Jugendschristenkommission die Herausgabe des ersten Jügendschriftenverzeichnifses. -Seinen Kollegen in Baden wies er den Weg zur Besserung ihrer Lage; er schuf 1897 in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten den „Landesverein israelitischer Religionslehrer in Baden", den er eine Reihe von Jahren mit fester. Hand führte und der ihn, als ihn die wachsenden Berussgeschüfte zur Niederlegung dieses Amtes nötigten, dankbar zu seinem Ehrenvorsitzenden ernannte. Und wer einmal die Geschichte dieses Vereins schreibt, wird nicht vergessen dürfen, was Driesen im stillen für seine Kollegen tat: wie er bemüht war. die Nebel, die über dem Religionslehrerstande lagen und lei-, der noch liegen, zu verscheuchen und weiteren Kreisen die Erkenntnis zu bringen, daß hie Erfüllung der ideellen und realen Forderungen der Lehrer eine unabweisbare Pflicht der jüdischen Gesamtheit ist und in deren eigenstem Interesse liegt. Auch als Sekretär des Großherzoglich Badischen Oberrats' hat Driesen sich Anspruch auf die Dankbarkeit der badischen Landessynagoge erworben. Unter ihm trat der schon manchmal beklagte Mangel eines pädagogischen Beirats im Kollegium; des Oberrats weniger in die Erscheinung. Man schätzte sein Urteil in Schul- und Unterrichtsfragen und ließ sich gern von ihm beraten, auch wenn ihm eine beratende Stimme nicht von Gesetzes wegen zukam. Das bezeugte auch der Vertreter des Oberrats, Herr Geheimer Oberregierungsrat Dr. Mayer, mit bewegten Worten an der Bahre. „Der Verkehr und die Beratung mit Driesen war eine Lust und ein Gewinn." Und die Anwesenheit des früheren und jetzigen Ministerialkommissärs des Oberrats bei der Trauerfeier, des Ministers ^Dr. Böhm und des Ministerialrats Dr. Schwören, beweisen wohl auch, daß „Driesen keine N subalterne Natur war", daß er auch auf diesem Felde seiner Tätigkeit reichen Segen stiftete. Als äußere Anerkennung dessen waren ihm - vom Großherzog Friedrich I. das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen und das Ritterkreuz II. Klasse verliehen worden. Die erreichten Erfolge empfand Driesen aber mit der ihm eigenen. Bescheidenheit; persönlich blieb er auch auf der Höhe anspruchslos und seinen Kollegen menschlich nahe; vielen hat er Rat und Hilfe gespendet, mit sich immer gleichbleibender Liebenswürdigkeit und Selbstverständlichkeit. Dazu war ihm als Vorsitzenden des Naphtali-Epstein-Vereins, der Sorge und Not in den Familien der israelitischen Lehrer Badens zu lindern bemüht ist, besondere und' reichliche Gelegenheit geboten, und er hat dieser Tätigkeit nicht entsagt, als schon die Schatten des Todes heraufzpgen. Driesens äußerer Lebensgang war stets von Sonnenglanz beleuchtet. Ihm war eine gleichgestimmte Gattin beschieden, deren kluges Lebensverständnis und teilnehmendes Herz sein Haus zu einem schönen Heim der Familie, aber auch, wie der Vorsitzende des „Landesvereins" in seinem ergreifenden Nachruf hervorhob, zu einem "itfl ri^, zu einem Sammelpunkt für viele Lehrer zu gestalten wußte, und die den lange Zeit schwer leidenden Gatten mit liebevollem Heroismus bis an die Tore des Todes geleitete. Die Gunst des Schicksals hat ihm auch drei Söhne gegeben, deren Erfolge ihn mit berechtigtem Vaterstolz erfüllten. Jakob Driesen.