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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Ueber die türkischen Verhältnisse, namentlich den Rücktritt des GroßrabbinerZ der Türkei, werden wir einen ausführlichen Artikel bringen, sobald , sich die Verhältnisse einigermaßen geklärthaben. Bis dahin wollen wir alle.Kommentare, in. denen sich auch die allgemeinen politischen Zeitungen gefallen, aus sich beruhen lassen. In. manchen dieser Artikel wird der-ganze Streit als eine Wirkung des Gegensatzes zwischen S e f a r d i m und Aschken a s i m dargestellt und die Meinung zum Ausdruck gebracht, auch hier Hätte die Allianz israelite ihre Hände im Spiel und strebe Danach, den französischen Einfluß zu vermehren. Wir wollenste gesagt, unser Urteil vertagen, bis ein wirklich mit den Verhältnissen Vertranter uns Genaueres mitteilt. - r Lerthold Auerbach. ^H^m 28. Februar 1812 wurde -vt Berthold Auerbach in Nordstetten im Schwarzwald geboren. Ein Judenknabe wie viele andere. Freilich nicht der Enge des Ghettos entstammend und nicht zum Trödeln und Handeln verdammt. Ein kräftiger Knabe, rotwangig und stämmig, der von den bleichen Genossen der Städte sich zeitlebens schon in seinem Aeußeren unterschied. Unö nicht weniger, in seinem Innern.. Zwar dem Judentum blieb er treu. Nicht seinen Gebräuchen, auch nicht jeder einzelnen seiner Lehren, aber seinem ethischen Gehalt und seiner historischen Vergangenheit. Er „lernte", und wenn er auch nicht den Traum seiner Jugend verwirklichte, als Rabbi zu wirken, so unterwies er andere durch seine Bücher, seine Reden und seine Schriften. Was Auerbach dem Judentum durch seine Schriften Positiv geleistet hat,, bedeutet nicht viel. Sein „Spinoza", der freilich ein gutes Bild des Amsterdamer. Judenviertels darstellte, führte nicht den Weltweisen in seinem unsterblichen Wirken vor, sondern den Knaben und Jüngling in seiner Entwicklung und in seinen Liebesträumen. Sein „Dichter und Kaufmann", der den schwachen Dichter Moses Ephraim Kuh in den Mittelpunkt eines großen Kulturgemäldes stellte, bewies nur, daß der Dichter zur Schaffung eines gewaltigen Zeitbildes, unfähig war. Erst in reiferen Jahren fand der Poet sein eigentliches Gebiet, und er trennte sich später zu seinem eigenen Schaden davon. Denn seine großen Romane „Landhaus am Rhein" und „Waldsried", so reich sie auch an großen patriotischen Ideen und weisen Lehren über Landwirtschaft, Pädagogik und manches, andere sind, können nicht als gute Romane bezeichnet werden; nur der Roman „Auf der Höhe", wenigstens in den Partien, die. seinem eigentlichen Gebiete entnommen waren, und seine unsterblichen „Dorfgeschichten" bedeuten seine wirklichen Triumphe. Er war ein Volkserzähler von urwüchsiger Kraft und glänzender Begabung. Es ist nicht wahr, daß er ein Salontiroler wie im Leben so in der Dichtung war. Es ist nicht wahr, daß er Dörfler schilderte, wie. sie nur in seiner Einbildung existierten und daß er seine Bildung,'sein Wissen, seine Auffassung in die Seelen der schlichten Bauern übertrug. Vielmehr hat er . unverwelkliche Typen der wirklichen Baüernwelt geschaffen: ihren Haß, ihren Zorn, ihre Niedrigkeit, ihre Verbrechen, aber zugleich die urwüchsige Kraft 'ihrer Liebe, ihres Klebens am' Boden, ihrer, äußeren und inneren Stärke. Diese „Dorfgeschichten", das Labsal unserer Großväter und unserer Väter, sollten auchuns nicht nur als Juden, die wir Genossen des Dichters waren und sind, sondern der gesam-- ten deutschen Jugend heilkräftige und erfrischende Lektüre sein und bleiben. Nicht nur .seine .Dichtungen, sondern durch sein Beispiel und durch seine Taten hat Auerbach für die Juden unendlich viel getan. Nicht nur durch sein Leben. Er schritt straff und aufrecht dahin, nicht geneigt-,; seinen väterlichen Glauben zu verleugnen, sondern stets bereit, ihn froh und mutig auch vor den Mächtigsten zu bekennen. Er. hat. seine Stimme erhoben, wo es galt, sich der Seinen anzunehmen. .Er hat, wenn auch:. sein Freundschaftsdurst ihn vielleicht mehr, als.billig zu den Mächtigen Und den Reichen an-Geist und in der Kunst zog, seine Treue und seine Liebe, auch den schlichten Freunden seiner Kindheit und denjenigen Juden gewahrt, mit. denen ihn der Zufall zusammenführte.oder sein merkwürdiges Talent, Treffliche sich zu verbinden, vereinte. Er trat kühn für die Verfolgten ' ein. War. es nötig, eine Reform zu erzielen, -so stand er unter den Vordersten; schien es angemessen, Arme zu unterstützen, für wohltätige Anstalten, für gemeinnützige Zwecke Geld zu beschaffen, er versagte nie. Ward den Juden Unrecht angetan durch Gesetze, Reden und Schriften, sein Wort ertönte hell; ward Gewalt gegen sie geübt, so schlug sein Herz lauter für die Bedrängten, und er begnügte sich nicht, mit ohnmächtigen Klagen, sondern focht mutig. und erfolgreich mit: dem Schwerte, das ihm gegeben war: mit dem flammenden Wort.' Es war ihm nicht vergönnt, den Triumph der Sache zu-erleben, die er führte. Er verzagte an der Zukunft; der tiefe Schmerz, den er nicht los wurde, ward eine der Ursachen seines Todes.' ■ Mehr als 30 Jahre sind seit feinem Hingange verflossen. An manchen Orten ist es schlimmer geworden, der, Antisemitismus, unter dem er seufzte, ist nicht geschwunden. Aber sein Wirken war nicht vergebens. Weder das des Dichters-, noch das des Juden. Wir leben der Hoffnung, wenn auch die Gegenwart dieses Hoffen nicht bestätigt, daß der Dichter, der Jahrzehnte zu seinem Volke, als ein Priester-sprach, wieder gehört

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