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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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Mr Macht. - Berlin, 27. Februar 1912. ie Versammluitg des Bundes der Landwirte hat wieder manche- Ausfälle der Juden ' gezeitigt. Es ist überflüssig, alle diese ReDen, die oft Gesagtes in kaum neuen Nuancen wiederholen, hier abzudruckön, aber einzelne Stücke aus der. Anrede,des Herrn v. Wangenheim und des Herrn Dr. Diederich Hahn mögen mitgeteilt werden, Jener sprach von dem höhe r g e a r t e t e n Ant isemi tis m u s und führte ungefähr folgendes, aus: Wir haben uns von Anfang an der Liebe der Demokratie zu erfreuen gehabt. Mit Hohn und Spott, Püffen und Knüffen hat man uns von Anfang an verfolgt. Aber bei. dieser Wahl hat man uns nach altbiblischem Muster mit einer Sintflut übergossen, die aus den schmutzigsten Kloaken der Großstadt kam, und die auch durch den Goldstrvm des Hansabundes nicht sauberer wurde. Aber wie. wir Labiau-Wehlau, Oletzko-Lyck. und Usedom-Wollin wiedergeholt haben, so werden wir auch wiederholen, was wir jetzt verloren haben. Der Bund der Landwirte ist entstanden aus der Not der Zeit int. Karnpf um die materielle Existenz. Aber wir haben, von Anfang anerklärt, daß wir bereit sind, Gut und Blut i fürs Vaterland zu opfern.. Dazu brauchen wir-vor allem die feste Grundlage, des nationalen Wohles im eigenen Vaterlande, die starke deutsche Landwirtschaft und den kräftigen Mittelstand. In dieser Beziehung hat uns der Zolltarif reiche Erfolge gebracht, und wir danken es dem Fürsten Bülow, daß er. als Erster der deutschen Landwirtschaft wieder zur Anerkennung geholfen hat. Nach einem Loblied auf. den Zolltarif, der allen Ständen Nutzen gebracht, sucht Freiherr v. Wangenheim nachzuweisen, daß die Finänzreform keinen Stand geschädigt hat, die Arbeiter sind freilich auch-von den indirekten' Steuern betroffen worden, aber für. keinen Stand ist mehr geschehen als für sie. Der Liberalismus hat geglaubt, mit Hilfe der Steuerhetze (Pfui, Pfui!) ans Ruder kommen zu können. Mancher hat schon von Ministersesseln geträumt. Aber wenn auch der-verknöcherte unfruchtbare Liberalismus,.der keinen Rückhalt im 'Volke mehr hatsich der Sozialdemokratie an den Hals wirft, werden , sich seine Träume Nicht erfüllen.. . . Ich bin kein Anti- - senüt im . landläufigen Sinne, des Wortes. (Zurufe: Leider!) Aber in diesem Wahlkampf hat sich die jüdische.Presse, das. jüdische -Geld, - der zersetzende jüdische Geist leider so vorgodrängt, daß das Wiederaufleben .eines idealeren Antisemitismus im Sinne von. Theodor Fritsch eine Notwendigkeit ist. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo das witzige und doch so ernste Wort Friedrich Wilhelms IV. „Protestanten und Katholiken schneiden sich die Hälse ab, und der Jude macht, die Musik dazu", unwahr wird. (Stürmischer Beifall.) Dr. Hahn schleuderte Angriffe gegen das Großkapital, insbesondere das mobile Kapital, das in Deutschland mit der äußersten Kraft danach ringe, die Herrschaft an sich zu reißen, nicht das Judentum allein, sondern viele Christen mit den Juden. Aber die Juden seien der innerste und der am festesten organisierte konzentrische Kreis, um. den die anderen sich gruppieren. Als bei einem erneuten Angriff gegen das Großkapital der Ruf „die Juden" aus der Versammlung ertönte, bat der Redner, solche Zurufe zu unterlassen, „damit die Presse keinen Anlaß habe, die Versammlung als antisemitische Radauversammlung zu bezeichnen". , ..... -*• ' :;‘f! . Die „Freisinnige Zeitung" brachte einen sehr lesenswerten Artikel. „Konservative und Antisemiten finden sich", in dem darauf hingewiesen'wrrd, daß die Konservativen aufs neue die antisemitischen Tendenzen auf ihre Fahne schreiben. Besonders -sei. dies bei der „Kreuzzeitung" der Fall. Dann heißt es: Sie veröffentlichte eine Zuschrift, iw der gefordert wird, daß der Antisemitismus jetzt so nusleben müsse wie nie zuvor, und fast in "T jeder'Nummer befindet sich irgendein antisemitischer Ausfall. Ein andermal schrieb sie, daß das Judentum sich nun vorbereite, die Herrschaft Eber Deutschland anzutreten. Es gehe auf der ganzen Linie zum Angriff gegen Christentum und Deutschtum über: „Da die gesamte politische Linke bis An die Reihen der Freikonservativen hinein bereits kapituliert hat, da auch der Evangelische Bund und der katholische Modernismus sich die Protektion der Judenpresse gern gefallen lassen, hat. die Triumphstimmung der Juden vorläufig eine große Berechtigung."- Die „Deutsche Tageszeitung" brauchte sich nicht erst zu ändern;' denn der Bund der Landwirte hatte sich von Anfang an zur Schande des Antisemitismus bekannt. Neuerdings ist aber auch noch der „Reichsbote" hinzugekommen, der unter, dem neuen Chefredakteur, dem Sohn eines früheren „Kreuzzeitungs"-Leiters, anscheinend in . eine Art Personalunion mit dem konservativen Hauptblatt steht. Dem „Reichsboten" ist das Epitheton ornans „jüdisch" oder „semitisch" noch lange nicht deutlich genug; er spricht mit Vorliebe von Hebräern und wetteifert in antisemitischer Hetze mit. Leuten vom Schlage Ahlwardt und Pückler. Die Freikonservativen wollen, nach der Versicherung ihrer Führer, aus ihren Niederlagen lernen. Die Konservativen dagegen sind unter ihrer jetzigen Leitung aus die ebenso unmoralische wie törichte Idee verfallen, mit dem überlebten Antisemitismus zu pflügen, mit denjenigen verwerflichen, demagogischen und zersetzenden Mitteln, die bisher' nur Geschäftspolitiker . oder geisteskranke Personen angewendet Haben. * Es wird dann darauf hingewiesen, wie die drei übriggebliebenen Mitglieder der deutschen Reformpartei sich den Konservativen angeschlossen haben, und der Artikel schließt mit folgenden Worten: Gleich und gleich gesellt sich gern. Der „Reichsbote" fordert alle rechtsstehenden Splittergruppen, insbesondere die Christlichsozialen auf, die „Reihen zu schließen". Die Christlichsozialen sollen natürlich ihre Eigenart behalten, aber sich endlich'wieder zur konservativen Partei schlagen. Noch vor einem Jahr wurde gegen diesen Vorschlag von den Christlichsozialen energischer Widerspruch erhoben. Nun aber haben sich die Konservativen derartig in ihren Blättern zum Antisemitismus bekannt, daß sich alle antisemitischen Abgeordneten ihnen anvertrauen können. Der konservativen Partei kondolieren wir aufrichtig zu dieser Entwickelung. Uns selbst beglückwünschen wir hierzu. * Der zuletzt erwähnte „Reichsbote" erboßt sich sehr gegen das von dem Verband der deutschen Juden geplante jüdischapologetische Archiv. Die Zeitung bringt einiges über die Einteilung jenes Archivs und schließt die Mitteilung mit folgenden Bemerkungen: Was haben wir evangelischen Christen hierzu zu sagen? Hieraus ergibt sich uns der ausgesprochen antichristliche Charakter der Juden. Bedenken wir. mit welchen Mitteln verschiedenster Art sie ausgerüstet sind; wie weitgehend aus fast allen Gebieten ihr Einfluß ist; daß sie-bei ihrer vielgestaltigen Betätigung, Lei ihren überall hineinreichenden Beziehungen ihren antichristlichen Ideen direkt oder indirekt reichlich Ausdruck geben; daß sie, auf dem Umwege des Freisinns, zum internationalen Rot neigen, so braucht man noch durchaus kein „Antisemit" zu sein, um als bibelgläubiger evangelischer Christ zu wünschen, daß die von den Juden teils bewußt, teils unbewußt betriebene äntichristliche Mission möglichst eingedämmt werde. N * Aus diesen Notizen geht nur die unglaubliche Unwissenheit des Artikelschreibers hervor. Ist ihm denn die wissenschaftliche Arbeit der letzten Jahrzehnte vollkommen unbekannt? Bei dem vom Verbände geplanten Unternehmen handelt es sich in keiner Weise um antichristliche Bestrebungen, sondern um geschichtliche Untersuchungen. Es ist stets eine Ausgabe der Wissenschaft gewesen, den Zusammenhang der verschiedenen Religionen, ihre Abhängigkeit voneinander, ihre Beeinflussung aufeinander nachzuweisen. Das apologetische Archiv will nichts anderes tun als diese Arbeiten fördern und die Resultate zusammenstellen, die keineswegs bloß von jüdischer, sondern auch von christlicher Seite geliefert sind. Wird dadurch die historische Bedeutung des Judentums immer mehr anerkannt, so ist dies ein Resultat ernstlicher geschichtlicher Betrachtung, aber hierbei von antichristlicher Mission zu sprechen, beweist nur den völligen Unverstand des'Artikelschreibers. '• * -■ . ’ ' . ■■■ ■'.

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