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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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T r 99 -^ dürftiges Hausierergewerbe eingeengt, blieb dem Juden als einzige Quelle des Lebenserwerbs der Geldhandel, der von den noch meist in der unentwickelten Naturalwirtschaft steckenden Völkern nicht verstanden und deshalb verachtet wurde. Kann man ihnen also die größere Routine in Geldsachen, die sie sich in jahrhundertelanger Uebung erworben haben, zum Vorwurf machen? Hat man deshalb auf die Bankiers der beginnenden Neuzeit, die italienischen Lombarden, einen Stein geworfen? Solange die Juden sich ungehindert bewegen durften, haben sie Land erworben und es bebaut, großen Warenhandel vom fernen Orient her betrieben, den freien Wissenschaften sich gewidmet und sind die Vertrauensleute von Fürsten und Königen gewesen. Dadurch haben sie bewiesen, daß die Juden bei freier Entfaltung ihrer Kräfte hinter anderen „Rassen" nicht zurückstehen brauchen. Sie verlangen heute in Osteuropa nichts sehnlicher, als diesen Beweis aufs neue erbringen zu dürfen, aber beschränkter Fanatismus und falschverstandene Politik stehen ihnen dort noch im Wege. Trotz alledem aber liegt der Hauptwirkungskreis der Juden auf geistigem Gebiet. Denn als uraltes Kulturvolk, das selbst in den Zeiten des dunkelsten Mittelalters in hervorragender Weise geistig tätig war, waren sie nicht selten ihren zumeist ungebildeten, selbst des Lesens und Schreibens kaum kundigen Gastvölkern in Europa in der Schärfe des Verstandes und der schnellen Ausfassungsgabe überlegen. Die geistige Regsamkeit der Juden erklärt auch zum größten Teil den Hatz, mit dem sie stets verfolgt worden sind. Dichtet man auf der einen Seite der jüdischen „Rasse" unangenehme Eigenschaften an, so findet man bei der „arischen" Rasse alle edlen Qualitäten des Geistes wieder, wenn man die Ehamberlain, Woltnrann usw. hört. Ritterlichkeit, Ehrlichkeit, Treue, hohe geistige Begabung, ideale Ziele sind ihre Kennzeichen. Da nach unseren Ausführungen die „arische" Rasse nicht vorhanden ist, so brauchen wir auch auf ihre angeblichen Eigenschaften nicht einzugehen. Beschränken wir uns also auf die germanische Rasse, die blonden Langköpfe Nordeuropas. Einer der ersten Anthropologen der Jetztzeit, der Schwede Retzius, urteilt über diese Rasse, der doch die Mehrzahl seiner Landsleute angehört, recht ungünstig. Sie besäße zwar Elan — vergleiche Wikingecfahrten aber keine Ausdauer, und werde daher von den beharrlicheren Rundköpfen Mitteleuropas überall wieder zurückgedrängt. Man könne keine bedeutenden Erfindungen, Taten oder Gedanken, die die Menschheit gefördert hätten, aus ihr spezielles Konto setzen. Unter.diesem Gesichtswinkel erscheint der Standpunkt der schon öfter genannten Rassetheoretiker- Ehamberlain, Woltnrann, Graf Gobineau und anderer, die alles Heil in vergangener Zeit von den Ario- Germanen kommen lassen und von ihnen eine künftige Veredlung des Menschengeschlechts erwarten, recht phantastisch. Gewiß haben nicht alle Völker die gleichen geistigen und moralischen Vorzüge: bei den einen überwiegt die Indolenz, bei den anderen die rasche Initiative; manche besitzen hervorragende ethische Eigenschaften, die anderen scheinen uns solche zu entbehren, das heißt sie haben andere moralische Begriffe als die uns geläufigen. Aber es zeigt sich, daß gerade den Völkern die höchsten Qualitäten eigen, die aus der Kreuzung verschiedener Rassen hervörgegangen sind. Man denke an, die Engländer, die aus der Mischung von Pikten und Skoten, Kelten, Germanen (Angelsachsen und Dünen) und Romanen (Normannen) erstanden sind. Nicht nur in politischer und kommerzieller Beziehung stehen sie an der Spitze aller modernen Völker, sie sind nicht nur die erste aller kolonisatorisch tätigen und erfolgreichen Nationen, sondern auch eine der am tiefsten religiös veranlagten. Man kann also im Gegensatz zu den Rassefanatikern die Behauptung aüfstellen und begründen^ daß die reinen Rassen sich nur langsam entwickeln oder auch stehen bleiben. Der wahre Fortschritt der Menschheit geht von den aus vielfacher Mischung erwachsenen Völkern aus, denen dadurch von vielen Seiten befruchtende Keime zuströmen. Auch wir-Juden gehören zu den aus mancherlei Elementen zusammengeschweißten- Völkern; Semiten und Hettiter, Amoriter und Hamiten, Griechen und Römer, Slawen und Germanen, Tataren wie Romanen haben zum Aufbau der verschiedenen Teile der jüdischen Glaubensgenossenschast mehr oder minder beigetragen. Im Gegensatz zu den reinen Semiten, den Beduinen der Wüstenstriche Arabiens, die noch heute ihr Leben wie vor ungezählten Jahrhunderten verbringen, keinen Fortschritt zu verzeichnen haben und der Menschheit nichts zu geben vermochten, hat das vielgewanderte und stark mit' fremdartigen Elementen durchsetzte Volk der Juden der Menschheit — von allem anderen abgesehen — ihr höchstes Gut, die Religion, in der ausgebildetsten Form gegeben, als ethisch geläuterten Monotheismus. Auf der vom jüdischen Volk geschaffenen Basis bauten sich Christentum und Islam auf, ohne einen Fortschritt über die jüdische Gottesauffassung der prophetischen Zeit zu erreichen. Jenes ist die Religionssorm aller europäischen arischen Völker geworden, und zu ihr bekennen sich auch die arischen Armenier in Asien; die dem gleichen Sprachstamm ungehörigen Perser sind fanatische Mohammedaner, und auch ein beträchtlicher Teil der ebenfalls arischen Inder hat'die Religion des Propheten angenommen. Man sieht, daß die Religionssorm nichts mit der Rasse zu tun hat: Mongolen und Neger sind Christen oder Mohammedaner geworden, und die arischen Inder j'iub zum großen Teil noch heute „Heiden". Es ist also eine unhaltbare Behauptung unserer Gegner, wenn sie im Judentum (das heißt dem Zerrbild, das sie sich von ihm machen) ein Produkt semitischen Geistes sehen wollen, das dem „Arier" ein Greuel ist. Das Judentum hat mit der semitischen „Rasse" nicht das geringste gemein. Das geht schon aus dem Umstand hervor, daß. andere Völker der gleichen Rasse, wie Assyrer, Babylonier usw., einem krassen Götzenglauben mit oft widerwärtigen Gebräuchen huldigten. Das Judentum ist ein Kind des jüdischen Geistes, das heißt einer durch jahrhundertelange Uebung erworbenen Kultur mit bestimmten Denkformen und einer sestumgrenzten Weltanschauung. Es ist auch für seine spätere, höhere Entwicklung bedeutungslos, ob sich gewisse Elemente des ursemitischen Vorstellungskreises in Spuren noch bis zu den Propheten erhalten haben, oder ob die babylonische Wissenschaft von dem Weltgebäude und die Mythen von seiner Entstehung die heiligen Schriften beeinflußt haben oder nicht. Der Gott der Propheten hastet nicht mehr an einem bestimmten Volk, er ist kein semitischer Gott und kein jüdischer, er ist der Gott aller Völker und Zeiten, dessen Reich unbegrenzt in Ewigkeit bestand und bestehen wird. So hat sich das jüdische Volk, das aus einer Mischung verschiedener Rassen hervorgegangen ist, frühzeitig über den beschränkten Horizont des Rassedünkels ' erhoben und hat seine Religion unabhängig gemacht von der Gestalt und Farbe ihrer Träger. Die jüdische Religion, wie sie die Propheten verkündet haben, will eine Religion der Menschheit sein. Wir werden uns also nicht von den mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit und Modernität umkleideten Irrlehren von der Vortrefflichkeit oder- Minderwertigkeit gewisser Rassen betören lassen, sondern an dem schon vor mehr als zwei Jahrtausenden verkündeten Prinzip des Judentums festhalten: Alle Menschen sind Brüder. Rasse und Konfession gehen für uns aus.in dem höheren Gedanken des Menschentums und der Religion.

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