Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Glaubens zu kränken. Darum erklärte er den neugierigen Dienern: Weil ich Jude bin, bücke und beuge ich mich nicht. Unser neugewonnener kluger Freund wird gewußt haben, daß diese offene Auflehnung ihm nicht hingehen würde. Sich selbst freiwillige Strafe zuzuerkennen, war die Triebfeder seines Verhaltens; aber seine Berechnung ist lückenhaft. Er ahnte nicht, daß die Judenheit dafür büßen sollte. Doch als diese Gefahr droht, wird der Sünder zum Held: Ich habe alles verschuldet, ich muß alles zum Guten wenden! Er verliert den Kopf nicht, er findet den Weg zur Rettung. Die verschlungenen Fäden der Vorsehung entwirren sich ihm, in Esthers Erhöhung sieht er jetzt das von der Vorsehung bereitete Heil. Nun verschmerzt Mordechai ihren Verlust leichter, Weil er durch diese Fügung über Haman triumphieren und b'en Seinen helfen kann. . Nun zu seinem Gegner! Die Zeichnung dieses Emporkömmlings und Schurken darf auch bei nicht naiven Gemütern schrk berechtigtes Aufmerken beanspruchen. Sein Judenhaß wird als ein traditionell ererbter geschildert, sein Stammbaum dätum auf Amalek zurückgeführt. Noch jetzt können wir versahen, daß das Erwähnen seines Namens in der Synagoge lallten Unmut beschwor, daß sein Sinken Frohlocken der Leser lMvorrief. Denn es tat allen wohl, sich an der Strafe dieses Frevlers zu weiden, aus ihr den nicht oft bestätigten Trost zu schöpfen: Wer andern einen Galgen baut, hängt selbst daran. . Was aber läßt sich vom Könige sagen, der, seiner eigenen Mächt nicht gewachsen, jeder Augenblickslaune folgend, ein höchst gefährliches Spielzeug auf dem Throne darstellt? Nun, seist Absolutismus ist gemildert durch Gutmütigkeit, und in der Hand wahrer Berater kann diese angenehme Charakteranlage zum Wöhle des Volkes verwertet werden. Daß er vom Judentum keine klare Vorstellung besitzt, wie viele andere gekrönte Häupter weit späterer Zeiten, soll ihm nicht verübelt werden. Zweierlei müssen wir sogar bei Ahasveros loben: er ist ein vornehmer Mann in Geldsachen und kennt auch Dankbarkeit. Er verschmäht den ihm von Haman aufgedrungenen Sündenlohn, als die Vernichtung der Juden beschlossen wird, und bewirkt unverzüglich Mordechais Belohnung, als er in ihm seinen Retter erkennt. Doch eine ganz große Stunde hat auch er. In jener geheimnisvollen Nacht, als Haman vom Mahle bei der Königin heimkehrend im Schloßhofe Mordechais Trotz gewahrt, und der Jude dastand, starr ausgerichtet, einer Säule gleich, und sich nicht beugte — in jener Nacht, da Hamann Mordechais Tod zu erbitten im Audienzzimmer des Königs harrte, erkannte Ahasveros seinen Minister. Wer will sagen, warum den Monarchen der Schlaf floh? Rührte hier der Vorsehung Finger dem Könige die Stirn? Eines steht fest. Er hatte Haman durchschaut, bevor er ihn eintreten ließ. Er selbst lockte ihn mit der Frage nach der Ehrung eines verdienstvollen Mannes in die Falle, er selbst bereitete dem Verblendeten, der von einer weiteren Auszeichnung träumte, die harte Demütigung und beauftragte ihn, Mordechais Erhöhung auszurufen. Und am Persischen Hofe wurde gehorcht! Dies ist die gewaltigste, entscheidende Szene des ganzen Buches. Selbst dem aufmerksamen Leser entgeht ihre feine Vorbereitung. Wer die Megillah zum ersten Male liest, der ahnt gewißlich nicht in der knappen Bemerkung, daß Mordechais Anzeige in die Chronik eingetragen wurde, den Willen des Dichters, daraus den Umschwung herzuleiten. Und dieses Verbvrgenbleiben beweist den genialen Ausbau des Ganzen. Bleibt noch die Prächtige Schilderung der Hofschranzen. Zu dieser herzlosen Gesellschaft gehört Seres, Hamans Weib, das in empörender Gefühlsroheit dem Gatten den drohenden Untergang ins Gesicht sagt, und die Schar der Türhüter und Diener, unter ihrer Herr- Harbona, dessen im Gebete „zum Guten" gedacht wird. Dieser Würdige kann etliche.Stufen erniedrigt werden! Es liegt nichts Lobenswürdiges darin, daß er dem Könige von der Errichtung des Galgens für Mordechai Mitteilung macht, als Hamans Untergang beschlossen war. Solche Existenzen halten es mit den Machthabern. Als Mordechai das Leben des Königs rettete, sagte keiner etwas zu seinem Lobe. Als er sich seinem Widersacher nicht beugte, denunzierte ihn das Geschmeiß bei Haman. Als dieser Günst? ling gestürzt wird, bekommt auch er von ihnen einen Fußtritt. Doch hocherhaben über allen steht eine: der Juden guter Engel, der Stern-ihres Volkes „Esther". Schuldlos und rein in des Lebens Niederungen und Höhen, frei von Hochmut in den Tagen des Glanzes, ihrem Erzieher allezeit treu gehorsam, setzt sie ihr Leben aufs Spiel und gewinnt den Sieg. Möchten Israels Frauen danach trachten, gleich ihr Anteil zu gewinnen am Kampf für den Glauben, unentbehrlich zu werden für den Bestand des Judentums wie Esther! So weckt die Betrachtung der Megillah Hoffnung und Zuversicht. Aber wie in den heiteren Tonfall ihres Vortrages das Klagen der Echa neginah dringt, so mahnet uns die Gegenwart zu ernster Einkehr auch in besserer Zeit. Wir könnten bald vergessen, welche Gefahren die Ahnen bedrängt haben, welche wir heraufbeschwören durch Selbstsucht und Abfall Darum blicken wir auf zu Mordechai und Esther. Ein Teil ihres geistigen Erbes kann auch in uns geweckt werden: der Wille, das Wohl unserer Brüder zu fördern, und das Bewußtsein, daß wir durch Linderung ihrer Not selbst schwerste Schuld sühnen. Mag der Undank, der uns Juden nicht erspart bleibt, zu solcher Selbstbesinnung führen. Wer an seine jüdischen Pflichten erinnert sein will, lese die Megillah! Sülle und Seligmn. Von Dr. Sigmund Feist. II. ie von einigen Theoretikern entdeckte „jüdische" Rasse sollte nun nicht nur verschieden von der „arischen" Rasse, sondern ihr gegenüber auch körperlich minderwertig sein. Nun ist ja unbestreitbar, daß das jahrhundertelange enge Zusammenwohnen in den Ghettos von beschrärckter räumlicher Ausdehnung der körperlichen Entwicklung der Juden nicht günstig sein konnte, und daß ferner bei ihrer einseitigen geistigen Arbeit die Ausbildung des Körpers Zurückbleiben mußte. Doch auch in dieser Beziehung haben wir in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht, und auch hier bahnt sich ein Ausgleich der jüdischen Bevölkerung in den europäischen Ländern an. Beiläufig gesagt, darf man nicht vergessen, daß sich selbst unter den in dürftigen Ernährungsverhältnissen lebenden osteuropäischen Juden oft sehr ansehnliche Gestalten finden, deren sich kein Germane zu schämen brauchte. Doch werden neben den bis jetzt besprochenen äußerlichen Merkmalen der Juden von unseren Gegnern noch andere Angriffspunkte gegen uns ausfindig gemacht. Die Juden seien nicht nur körperlich, sondern auch in ethischer Beziehung gegenüber den „Ariern" als minderwertig zu betrachten. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, auf die Ursachen einiger unangenehmer Eigenschaften bei manchen kaum aus der Isolierung hervorgetretenen Juden einzugehen; aber es muß wiederum betont werden, daß sie keineswegs Rassenmerkmale der Juden sind, sondern Produkte des von den mittelalterlichen Völkern auf sie äusgeübten Druckes. Vom Landerwerb und Landbau ausgeschlossen, im Warenvertrieb auf ein