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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-03-01 · Heft 9 (1.3.1912) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 9 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Nr. 9 Allgemeine Berlin, I März 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor» orren^durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljähc.ich 3 IN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson . Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin 8JV., Jerusalemer Straße 46j4y, zu richten. Verlag von Rnöols Masse, Berlin. TTtTflAft Mikra Megillah. Von Rabbiner Dr. Salvmonski. — Rasse und Religion. Von Dr. Sigmund Feist. — Die Woche. — Berthold Auerbach—- Jakob Drieser. — Brief aus London. Von Dr. I. Ch otzner. — Stehen wir kleinen jüdischen Gemeinden unter Kuratel? Von C. Landshut-Neumark (Westpr.). — Ein mißglücktes Debüt. Von Artur Schweriner. — Feuilleton: Purim. Erinnerung und Ausblick. Von Ludwig Geiger. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Aus der Provinz Posen, Stolp i. P., Kiel, Leipzig, Nürnberg, Qffenbach a. M., Karlsruhe, Prag, Petersburg. — Bon Nah und Fern. Mikrs Megillah. Von Rabbiner Dr. Salomonski. as Buch Esther hat Purim geschaffen, nicht aber Purim die Megillah. Die Höherwertung der Blbelerzählung als Schöpferin des Lostages läßt ihn gebührend zurücktreten. Denn nicht das Fest an sich erscheint so wichtig als Erinnerung an eine der vielen Errettungen Israels, nein das Buch ist unentbehrlich; und darum muß einmal im Jahre sein Inhalt von Religions wegen zur Kenntnis gebracht werden, ist ein festgesetzter Tag für seine Lektüre nötig. Purim und die Bedeutung der Estherrolle sind so deutlich geschieden wie ihr Inhalt bis zum Ende Hamans und der verdrießende, angeslickte Restbericht einer gar unwahrscheinlichen Judenrache. Darum soll erst nicht an der Hand bekannter Bonmots darauf verwiesen werden, daß schon die Alten durch Gewährung, ja Predigung ausgelassener Freude den Gedenktag der dort gemeldeten Judensiege richtig einschätzen, daß neuzeitliche Gelehrte an seiner Geschichtlichkeit begründete Zweifel hegen. Es kommt bei Purim auf das Buch Esther an. Was dieses uns sagt, ist die Hauptsache und von bleibendem Wert — mag nun alles einst so geschehen sein oder nicht. Mit einem. Worte: Mikra Megillah! Durch Lesen der Estherrolle wird Purim gefeiert. Wie Hadaffäh die Myrte mit . der Königskrone vertauscht, so entfaltet sich dieses oft verlästerte Stiefkind biblischer Gestaltungskraft zu einem Juwel, dessen Glanz immer neu erstrahlt. Wer die Megillah - mit Einsicht liest, der wird sie auf jede Zeit, ganz besonders auf unser Leben anwenden. Darum soll Purim nie aufhören. Eine stark dramatische Kunst, durchwirkt mit zarten Feinheiten der Menschenbeobachtung nimmt uns gefangen.. Wer legte wohl die alte Chronik aus der Hand, ehe er sie beschlossen! Denn kühn und klar erwachsen auf ihrem Grunde ewig lebende Gestalten, in denen wir uns finden können, die. packen und nicht lassen. Lehrt uns nicht Mordechais Geschick, daß es keinen echten Juden .gibt, der nicht mit" seinem Glauben kämpfen müßte? Wer sein Bekenntnis lieben soll, muß es erringen. Je größerder Zweifel war, je beschämender die Abkehr, um so treuer das endliche Festhalten!.\ ■ . . Ob es nun allzu kühne Phantasie gescholten oder auch von -anderen herausgelesen wird: Läßt nicht die Bibel anfangs wenigstens die Möglichkeit einer Eheschließung Mordechais und Esthers offen? Des Mannes Herz, dgs erst in Esther nur die schutzbedürftige Waise sah, erfüllt bald Liebe zu der erblühenden Jungfrau. Wäre denn solche Neigung ohne biblischen Vorgang? Der. übrigens noch junge Mordechai — man darf sich Esthers tatkräftigen Vetter wirklich nicht als Graubart vorstellen — würde, Boas ähnlich, die nach gutem Herkommen ihm Befohlene unter seine Fittiche nehmen und durchs Leben tragen. Doch als ihm Plan und Absicht reifen, wird Esther durch des Königs Befehl ins Schloß gebracht. Der Groll über dieses Geschick, das seinen Edelmut an der Verwandten so übel lohnt, macht ihn verbittert und selbstsüchtig. Kann er sie nicht besitzen, so soll sie ihm Helsen, die Staffel der Ehren zu erklimmen, und darum verbietet er Esther, die jüdische Abkunft zw bekennen. Das ist Mordechais Sünde, und ähnliche Gefahr umschleicht auch uns. Mordechai sah in ihrer Erhöhung einen Vorteil/ den Weg zu seinem Glück. Aber in Wahrheit arbeitete er an seinem Verderben und bedrohte wie jeder Abtrünnige durch feige Fahnenflucht die -jüdische Gesamtheit' Denn daß eines Juden Bosheit allen Leid zufügt, steht ebenso fest wie das Unrecht, den'Bekennerstamm für das Vergehen des einzelnen verantwortlich zu machen. Hätte Haman gewußt, daß Esther Jüdin sei, nie würde er diese Kraftprobe gewagt haben.' Denn das war ja sein Rezept, den Etiketteverstoß des Mordechai an' der Raffe zu ahnden. Des einen Mannes steifer Rücken sollte der Judenheit übel bekommen. ' '"'"'.7' Ehe wir so in des Königs Günstling den typischen, wasch- ' echten Antisemiten erkennen, wollen wir hören, was dem von; der Hoflust schon berauschten Mordechai solchen Männerstolz; verlieh? Er witterte nämlich in Haman mit Recht seinen Feind, seit seiner Entdeckung der Verschwörung gegen den König keine Ehrung gefolgt war. Wer konnte wirklich diese - Auszeichnung hintertrieben haben? Nur Haman! Er war! ja bereits ein hoher. Beamter des Königs'und würde erst nach - dem Attentat allmächtiger Vertrauter. Wohl weil er nach; morgenländischem Brauche alles zu seinem Gewinne aus!- nutzte, auch die Vereitelung des Anschlages. . So zur Ohnmacht verdammt, erkennt Mordechai endlich die Eitelkeit seiner Entwürfe. Esther ist ihm genommen. Tag für Tag'wandelt er umsonst vor den Gittern des Frauen-? Palastes. Er darf sie nicht mehr sehen. Doch warum würden ■ seine Verdienste unterdrückt? Weil er ein Jude war!' Weil ' noch der alte, wenn auch verleumdete Glaube ihm den Makel anhastete. Da regten sich sein Trotz und seine Reue. Er er- ' kannte die Verwerflichkeit seines Abfalles* sund beschloß, Haman,-der ihn ob seiner Abkunst zurücksetzte, durch eine : offene . Widersetzlichkeit - und - stolzes Hervorkehren seines

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