Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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MW Gesterreich-Nngarn. K Wien, 16. Februar. Auf dem jüngsten christlich-sozialen Parteitage hat der Wiener Bürgermeister erklärt, daß er beabsichtige, eine „Aktion für das Kind" einzuleiten und zu diesem Zwecke'den K ö ni g smarter sch en Fonds flüssig zu machen und diese Summe, die beinahe zwei Millionen erreicht, in einerden Intentionen des Spenders entsprechenden Weise anzulegen. Der Bürgermeister gab bei dieser Gelegenheit eine geschäftliche Darstellung der Königswarter-, schen Spende und teilte mit, daß Las Verwaltungskuratorium des zu errichtenden Königswarterschen Kinderspitals mit seinem Projekt sich einverstanden erklärte. Von liberaler Seite wird aber entschieden in ' Abrede gestellt, daß der Bürgermeister die Befugnis hätte, den Königswarterschen Fonds flüssig, zu machen und nach seinem Ermessen anzulegen. Es wurde auch in der letzten Gemeindesitzung eine diesbezügliche Interpellation an den Bürgerrneister gerichtet. Jedenfalls entbehrt es nicht einer , gewissen Komik, wenn der Wiener Bürgermeister aus einem christlich-sozialen Parteitage sich mit einer Aktion brüstet, die er mit dem Gelde eines , jüdischen Philanthropen einzuleiten gedenkt. — Wie verlautet, sind die Verhandlungen zwischen der israelitischen Kultusgemeiude und der Gemeinde Wien wegen Erbauung eines neuen Tempels auf dem Rudolsplatze weit vorgeschritten. Mit- Rücksicht darauf, daß nunmehr die Baulinienbestimmung für den Ankauf herausgegeben wurde, dürfte auch die Frage der baulichen Umgestaltung der Seitenstettengasse aktuell werden. Der alte Tempel in der Seitenstettengasse würde dann verschwinden. — Im Alter von 71, Jahren ist am 21. v. M. Frau Adele L ö w e n ft e i n , geborene Baronin Popper v. Podagry, inBaden bei Wien gestorben. Die Verblichene war eine seingebildete Dame von seltenen Geistesvorzügen und werktätiger Nächstenliebe. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts bildete ihr Salon einen der Mittelpunkte des politischen und künstlerischen Lebens der Residenz. Hervorragende Staatsmänner wie die Minister ' Giskra, Schmerling und Beust haben in ihren Salons verkehrt und es nicht verschmäht, mit Interesse den Ratschlägen der geistvollen Hausfrau zu lauschen. Zierden der Wissenschaft und der Kunst gehörten zum intimen Freundeskreis des Hauses Löwenstein, so unter anderem Ehrobak, Nothnagel, Sonnenthal und später Kainz. .Die Verblichene erfreute sich der besonderen Sympathien unserer verewigten Kaiserin Elisabeth, die oft Aufenthalt in der Villa Löwenstein in San Remo nahm. Die unglückliche Kaiserin bewahrte der Frau Adele Löwenstein bis zu ihrem tragischen Ende eine freundschaftliche Gesinnung. Dienoch lebende Schwester der österreichischen Kaiserin legte aus den Sarg der Frau' Löwenstein einen schönen Kranz nieder. — Am 8. d. M. verschied in Wien der kaiserliche Rat Jakob Silberstein aus Teschen. Der Verblichene, der zahlreiche Ehrenstellen bekleidete, erfreute sich seiner ausgezeichneten Charaktereigenschaften sowie seines Wohltätigkeitssinnes wegen des größten.Ansehens in Teschen, Die. israelitische Kultusgemeinde in Teschen verliert in Herrn Silberstein ihren langjährigen, verdienstvollen Präsidenten, der es allezeit musterhaft verstanden hat, den Frieden in der Gemeinde zu wahren und ihre Interessen zu fördern. Der plötzliche Heimgang dieses' edlen Mannes bedeutet einen unersetzlichen Verlust für die Kültusgemeinde und alle, die ihn kannten. — Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften hat in ihrer vor einigen Tagen stattgesundenen Sitzung beschlossen, Subventionen für hervorragende "wissenschaftliche Leistungen zu erteilen. Unter anderem erhielten Subventionen Dr. R. Engelmann in Wien zur Ausführung geomorpholögischer Studien in Böhmen, Fräulein Dr. Emma Stiasny für vergleichende Studien der Embryologie, Dr. Heinrich Reichel, Dr. F. Heß und Dr. A. Ginzberger. Letzterer war Leiter der Forschungsreise auf den Inseln der Adria im Sommer 1911. Die Subvention' wurde ihm gewährt zur Bearbeitung des aus dieser Reisegewonnenen zoologischen, botanischen und mineralogischen Materials, Bulgarien. n. Sofia, 15. Februar. Aus Anlaß der Großjährigkeitserklärung des Kronprinzenfanden am 3, d. M. in der spaniolischen Zeutralsyuagoge und im deutsch^israelitischen Tempel in Anwesenheit, zahlreicher Gäste, darunter Vertreter des Zarenhauses und.der Negierung, sei erliche.- .Dankgottesdienste . statt. Die schwungvollen ^Reden des Lnndesrabbiners Dr. E h r e n p r e i s, und des Rabbiners der deutsck)- israelitischen Kültusgemeinde, Dr, .OM.e.n w--aM.«l.r, hinterließen, einen tiefen Eindruck. Dr. Rosenwasser sagte unter anderem: Die - Juden deutscher Zunge'haben eine ganz besondere Veranlassung, den künftigen. König zu feiern. Als vor 20 Jahren, die .hiesigen Juden eine Andachtsstätte begründen wollten, war es die in Gott, ruhende Fürstin Mari e Louise, die die erste größere Summe für. diesen heiligen Zweck stiftete. Vor unseren Augen wuchs der junge Prinz heran,, und unsere Segenswünsche begleiteten ihn stets. Möge der kommende König die Tradition seines großen Geschlechts . fortsetzen und vor allem seinem erlauchten Vater, unserem allverehrten Zar, zu gleichen suchen, dann wird der Herrscherstab in seiner Hand ein Stab der Gerechtigkeit werden, der das Volk auf den Pfad des Rechts führt und leitet. — Unter den Deputationen, die der Kronprinz empfangen hat, befand sich auch eine Deputation der hiesigen deutschisraelitischen Kultusgemeinde, bestehen)) aus dem Rabbiner Dr, R ose n w a s s.e r als Führer der -Deputation,, dem. Advokaten. Dr.', Joses Feuerstein und dem Vizepräsidenten M. Ad l e r. . Inden königlichen Gemächern wurde die Deputation züerst Seiner Exzellenz dem Ministerpräsidenten Herrn Geschow vorgesteüt, und nachdem die armenische Geistlichkeit empfangen worden war, wurde, die Deputation vorgelassen. Herr Rabbiner Dr. Rosenwasser richtete folgende Ansprache an den Kronprinzen: „Die deutschkisvaelitische Kultusgemeinde in unserer Stadt entbietet Eurer königlichen. Hoheit die ehrfurchtsvollsten Wünsche zu höchstderselben Geburtstag. Die. aus verschiedenen europäischen Ländern hier eingewanderteu Juden bilden ein eigenes Gemeinwesen, sie geloben heute, an dem herzerhebenden bulgarischen Festtage, dem künftigen König Treue und Ergebenheit." In prachtvollem Deutsch erwiderte der Kronprinz, daß es für ihn erquickend sei, zu sehen, wie all die vielen Völker und Stämme Bulgariens sich heute vereinigt haben, der königlichen Familie und -damit dem bulgarischen Zarenreiche Glück und Segen zu wünschen. Vom ganzen Herzen danke er für diese patriotischen Empfindungen. Vuszland. L. A. T. Petersburg, 16. Februar. Der einzige jüdische-Richter im ganzen Zarenreiche, das Mitglied des Saratower Bezirksgerichtes Jakob Teitel, hat seine Entlassung bekommen. Bei seinem Abschiede, nach mehr als sünsunddreißigjähriger Dienstzeit, wurde er zum Wirklichen Staatsrat (mit dem Titel Exzellenz) ernannt. — Der „Odeßky Listok" teilt folgende Nachricht mit: „Vor kurzem starb in Wilna der Bruder des Gehilfen des Justizministers Gasmann, der Besitzer des Fellnichenateliers Jankel Gasmann (Jude)." — Wie jüdische Zeitungen berichten, soll der jetzige Gehilfe des Ministers einst die Talmudschule zu Walosin besucht haben. — Hiesige Blätter wissen von einer neuen Einschränkung der jüdischen Bevölkerung in Rußland zu berichten. Danach verbietet ein Rundschreiben des russischen Justizministers an sämtliche Gerichtshöfe die Entgegenahme von Anträgen zur Zulassung zum Advokatenstande seitens jüdischer Juristen. Nach weiteren Meldungen derselben Blätter sollen in Zukunft jüdische Juristen überhaupt nicht mehr zur Rechtsanwaltschaft in Rußland zugelassen werden. — Der jüdische Dumadeputiertd Ni sselo witsch hatte die Einladung zu dem zu Ehren der englischen Parlamentarier vom hiesigen englischen Botschafter veranstalteten Bankett abgelehnt, was sowohl auf seiten der Engländer als auch in den Kreisen der russischen Politiker besonderen Eindruck gemacht hat. In einer Unterredung, die ein englischer Journalist mit Nisselowitsch hatte, begründete dieser sein Fernbleiben damit, daß er angesichts der deprimierenden Situation, in welcher sich die Juden Rußlands gegenwärtig befinden, nicht in der Stimmung sein könne, an derartigen Festlichkeiten teilzunehmen. Obgleich er persönlich die Freundschaft Rußlands mit dem sreien^Empland, in welchem es keinen Unterschied zwischen Juden und Christen gibt, aufrichtig begrüße, könne er es doch nicht übers Herz bringen, den Vertretern des englischen Volkes zu begegnen. Er hätte, wollte er die Feststimmung nicht stören, geradezu eine Maske anlegen müssen, wenn jn seinen Gesprächen mit den Engländern die unendlich traurige, Lage der Juden in Rußland berührt worden wäre. „Ich habe deshalb", erklärte er, „der großen Ehre entsagt, welche der Vertreter des großen englischen Reiches mir, dem Vertreter der geknechteten Juden in der russischen Reichsduma, zugedacht hat. Ich will nur gern hoffen", so schloß Nisselowitsch seine Ausführungen, „daß unsere Freundschaft mit England den Zeitpunkt näher bringen werde, da auch in Rußland den Juden die . Gleichberechtigung gewährt werden wird." — Aus Rjasan wird aus einer Predigt des dortigen Erzbischofs Dimitri folgender Auszug mitgeteilt, der der Kuriosität wegen hier folgen mag: „Der