Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Fähigkeiten mit tätig sein würden, hätten wir tatsächlich für alles Entstehen keine andere Erklärung als die des Zufalls; aber man kann doch nicht glauben, daß die Zweckmäßigkeit, die wir überall in der Welt finden, das Werk des Zufalls fein soll. Dies mußte bei scharfen Denkern auf Widerspruch stoßen, dies konnte sie nicht befriedigen. Und sie fanden die Lösung, indem sie das seelische Leben, das unzweifelhaft existiert, erforschten. Es gibt keinen Kreislauf der Geschehnisse, nichts wiederholt sich, jede unserer Taten ist etwas absolut Neues, Unvorhergesehenes, Unberechenbares. Mit dieser Ansicht von dem geistigen Ursprünge unseres Handelns ist der jüdische Gottesbegriff aufs neue entstanden. Das Judentum sieht ja in seinem Gotte nicht nur den Schöpfer, das heißt den einmaligen Schöpfer der Welt, sondern auch deren Erhalter, das heißt den dauernden Neuschöpser. — Das zahlreich erschienene Publikum spendete dem Redner für seine interessanten Ausführungen' lebhaften Beifall. 22 Berlin, 20. Februar. Der bekannte Arzt und Literarhistoriker S'ig i s m u n d R a h m e r ist hier im Alter von fttnfundvierzig Jahren verstorben. Während sein erstes wissenschaftliches Buch, eine populäre „Physiologie", seinem eigentlichen Fachstudium galt, bezeigte er spater ein sehr lebhaftes Interesse für Grenzsragen der Literatur und Medizin, ein Wissensgebiet, dem eine von Rahmer herausgegebeue Sammlung gewidmet ist. 1901 veröffentlichte er eine Studie über die viel umstrittene Krankheit Heines, die auf sorgfältigen selbständigen Untersuchungen beruhte. In den folgenden Jahren hat er seine Hauptarbeit auf literarhistorischem Gebiete der Kleistforschung zugewendet. Mit der Beseitigung herkömmlicher Urteile über den großen . märkischen Dichter beschäftigte sich „Das Kleistproblem", das den Beweis erbringen will, daß die Fundamente der Kleistbiographie unzulänglich sind. Weit positiver.ist sein umfangreiches Buch „Heinrich v. Kleist" geartet, das eine Fülle neuen Materials zur Kleistkunde beibringt. Rahmer gelang es auch, durch unermüdliche Nachforschungen drei an Pfuel gerichtete Briefe des Dichters zu entdecken. In feinem Strindberg-Essah wendet er sich einem modernen psychopathischen Thema zu, während sein letztes Buch dem Dichter Lenau gewidmet ist. In allen feinen Schriften hat Rahmer versucht, die Kenntnisse der modernen Medizin der literarhistorischen Forschung dienstbar zu machen. Der Verstorbene bekundete großes Interesse auch für die jüdische Literatur und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu dem ihm im Tode vorangegangenen Dr. Gustav Karpeles. H. Berlin, 20. Februar..Die Beerdigung des Lehrers M a r c u se fand am Donnerstag voriger Woche aus dem Friedhofe in Weißensee statt. Es hatte sich eine äußerst zahlreiche Trauerversammlung eingesunden. Außer dem gesamten Lehrerkollegium waren die Zöglinge des Seminars und der Präparandie sowie die Schüler der ersten und zweiten Klasse der Knabenschule beteiligt. Auch Vertreter des Talnuld-Thora-Vorstandes waren erschienen, sowie Abordnungen des Vereins ehemaliger Schüler der Knabenschule und der vierten Religionsschule. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Weiße, der in großen Zügen das Leben und Wirken Marcuses schilderte. Sodann ergriff Herr Direktor Dr. Guttmann das Wort,-um namens des Lehrerkollegiums dem Toten Dank und Lebewohl zu sagen. Zuletzt sprach noch Herr Dr. Keller.mann für die vierte Religionsschule herzliche, tiefempfundene Worte des Albschiedes. Gesang eröfsnete und beschloß die Feier. Dann wurde der Sarg auf den Friedhof getragen, wo er unter den üblichen Gebeten in. die Erde gesenkt wurde. Ehre dem Andenken dieses im wahren Sinne des Wortes edlen Mannes.. *** Beriin, 20. Februar. Der Revrnseulanl unserer Gemeinde Herr Emil Pincus,ist durch das am 7. d. M. erfolgte Hinscheiden feiner Gattin in tiefe Trauer versetzt worden. Die Verklärte, die ein Alter von nur 50 Jahren erreicht hat, entstammte einer alten Berliner Familie; sie war eine Enkelin des rühmlichst bekannten I o e l Wolfs M e y e r und eine Nichte des unvergeßlichen, langjährigen Vorsitzenden unserer Gemeinde Herrn Justizrat Meyer s. A. Frau Klara Pincus war eine edeldenkende, freisinnige Frau, eine Eschethchajil im vollsten Sinne des. Wortes, die an den Humanitären Bestrebungen ihres Gatten den regsten Anteil nahm und seine philanthropische Wirksamkeit mit beispiellosem Eifer unterstützte. Sie war eine liebevolle Gattin, , eine zärtliche Mutter und eine ebenso verständnisinnige, treue Jüdin, die praktisches Judentum dadurch übte, daß sie ihr Haus zu einem Heiligtum gestaltete und tu der gewissenhaften, gottgefälligen Erziehung ihrer Kinder ihre höchste Glückseligkeit und Befriedigung ■ suchte und fand. Die Liebe und Hochachtung, deren die Entschlafene sich bei Lebzeiten in weiten Kreisen erfreute, zeigte sich so recht am Tage der Beisetzung, die unter außerordentlicher Beteiligung'am 11. d. M. auf dem Friedhof in Weißensee erfolgte. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Blumenthal, der in tiefempfundenen Worten das Lebensbild der Entschlafenen zeichnete Und den gramgebeugten Hinterbliebenen den Trost der Religion spendete. Das Andenken dieser, ihren Angehörigen so frühzeitig entrissenen edlen Frau wird - von allen,- die dem Hause Emil P i n cus nahesteheu, stets in Ehren gehalten werden. Berlin, 20. Februar. Dem Jahresbericht des Jüd i scheu R u d e r k l u b s „I v r i a" (im I. I. B. Berlin) entnehmen wir, daß im Jahre 1911 872 Mannschaftsfahrten und 19 485 Mannschaftskilonteter gerudert wurden. Den Leistungen des Vorjahres (446 Mannschaftsfahrten und 10 870 Mannschastskilometer) gegenüber bedeutet dies nahezu eine Verdoppelung. Leistungen von mehr als 1000 Kilometern haben sieben Herren aufzuweisen. Gerudert wurde vom 26. Februar bis 31. Dezember 1911 an nahezu allen Sonn- und Feiertagen, von Ostern bis Ende September außerdem Dienstag und Donnerstag abends. In den Monaten Januar, bis April 1911 wurde im Passagebade Basfinrudern und Schwimmen betrieben. Mehrtägige Touren wurden n. a. zu Ostern und Pfingsten nach den Teupitzer und Storkower Gewässern unternommen. Aber auch die diesmal vorn Wetter allerdings besonders begünstigten drei Weihnachtsfeiertage führten noch acht Herren nach der Duberow. Der starke und anhaltende Aufschwung der „Jvria", die sich gütiger Förderung seitens der Berliner Logen erfreut, ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß der Klub Ende 1910 seinen Sitz von Grünau nach dem weitaus günstiger gelgenen Niederschöneweide, Berliner Straße 97/98, verlegte. Die gegenwärtigen Bootshallen, sowie die Klubräume mit Ankleide-, Schlaf- und Badezimmern entsprechen allen Anforderungen. Die Flotte wurde im Berichtsjahre um einen Achter und einen Doppelzweier verntehrt. Dem Arbeitsprogramm für den laufenden Winter entnehmen wir, daß der Klub jeden Donnerstag von 9 bis 10 Uhr abends in der ihm seitens der Jüdischen Gemeinde in dankenswerter Weise überlassenen Halle, 0., Kaiserstraße 29/30 (Bahnhof Alexanderplatz) turnt und jeden Montag ab H9 Uhr abends im Bassin des Rudervereins „Hansa", Stralau, Tunnelstraße 3/4, rudert. Hier erhalten neu eintretende Mitglieder ihre erste Ausbildung, um bereits Anfang März ins Boot kommen zu können. Der Jüdische Ruderklub „Jvria" bezweckt, jungen Juden die wohlfeile Gelegenheit zum sportmäßigen Rudern zu bieten. Mit dem bisher Geleisteten darf er recht zufrieden sein. Die scharfe sportliche Zucht, sowie das enge kameradschaftliche Zusammenleben wohlerzogener junger Leute, hat aus die Entwicklung des einzelnen in körperlicher und gesellschaftlicher Hinsicht, insbesondere aber bei der Erziehung zu bewußt jüdischem Denken und Fühlen, einen vorzüglichen Einfluß ausgeüht. Die Geschäftsstelle des Klubs befindet sich bei Herrn Arthur Hirschseld, Berlin NW., Wikinger User 1. — Breslau, 15. Februar. Zugunsten des israelitis ch e n Mädchenhorts fand vor kurzem im Saale der Gesellschaft der Freunde eine Wohltätigkeitsveranstaltung statt, die sehr stark besucht war. Eingeleitet von einem durch Frau Mucke W o l f s o h n eindrucksvoll vorgetragenen Prolog, brachte der erste Teil des Progratnms gewählte musikalische und deklamatorische Vortrüge, an deren Wiedergabe sich die Herren Dr. Paul M a r k o w i tz (Klavier), Siegfried G o l d e n k r a n z (Violine), Opernsänger Mark Oster und die Damen Frau Mucke Wolfsohn und Frau Dr. Elli Busse unter großem Beifall beteiligten. Eine Anzahl junger Damen und Kinder führte eine Reihe von Tänzen vor, die von dem Tanzlehrer Herrn Bernhard Baer einstüdiert worden waren und sämtlich durch die Anmut ihrer Ausführung in hohem Maße gefielen. Aus der Provinz Posen, im Februar. Pose n. . Herzog A d o l s F r i e d r i ch z u Mecklenburg wohnte nach der Hkückkehr von dem Besuche der Änsiedlungen in der Umgegend Posens im Generalkommando einem Vortrage des Stadtrats Kronthal über die Geschichte der Stadt Posen bei. — Herr Bankier S m o s z e w s k i spendete anläßlich der Barmizwah seines Sohnes an verschiedene Wohltätigkeitsinstitute 8000 Mark. Das israelitische Knabenwaisenhaus erhielt 3000 Mark. — Nach einer Tabelle über die äußere Entwicklung der Wegnerfchen Mädchenschule Hierselbst betrug die.Gesamtschülerinnenzahl 428. Hiervon sind 283 evangelisch, 136 katholisch und 59 mosaisch. Während die evangelischen und katholischen Mädchen