Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 8 Der Gemetndeüare. Berlin, 2*3. Februar 1912 Petlage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" ksrrrlpondenrrn und Mschrichtrn. Deulschlsnd. ' ^Berlin, 20. Februar. Am vorigen Donnerstag fand aus dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung des am 12. d. M. verstorbenen langjährigen Predigers der jüdischen'Resormgemeinde Rabbiner Dr. Will) e l m - - K l e m p' e r e r statt, und zwar aus ausdrücklichen Wunsch des Verewigten'in aller Stille und Schlichtheit. Zu der Trauerseier hatten sich außer dem weitgedehnten Familien- und Freundeskreise ' vor allem Vertreter " der Gemeindeverwaltung, an ihrer Spitze- Herr Direktor Dr. Minden, sowie die Amtsgenossen eingefunden. Nachdem der' ergreifend wirkende Gesang des Reformgemeindechors: „Gott, du stehest . . ." verklungen war, nahm der Schwiegersohn und Kollege des Verstorbenen, Herr Prediger Dr. Jelski> das Wort zu folgendem Nachruf: „Wohl drängte es uns mit dem starken Antrieb eines Zwiefachen Bandes, das uns mit dein teuren Verblichenen verknüpfte, an seiner Bahre, die wir trauernd hier umstehen, noch einmal, sein volles Lebensbild ins Auge zu fassen rMd die ganze Schwere des Verlustes zu ermessen, der uns alle hier getroffen hat. Aber wie er'selber Zeit seines Lebens nächst dem Altäre in der stillen Verborgenheit des Hauses seine Welt gesucht und gesunden, so wünschte er auch, daß-sein Gang in die Welt der Ewigkeit, in das Versammlungshaus alles Lebenden, im stillen von statten gehe, ohne viel und lautes Rühmen undPreisen seiner Person und seiner Bedeutung, sondern daß auch-hier vor allem gepriesen werde der lebendige Gott, als-dessen Dolmetsch und Verkünder er an ein halbes Jahrhundert alle Kräfte seines unermüdlichen und umfassenden Geistes in dem Brennpunkt seiner religiösen Wirksamkeit gesammelt und zu einem sprudelnden, nie versiegenden und versagenden Quell gemacht, aus dem alle-ohne Unterschied Labung und - Nahrung zu schöpsen vermocht und gemocht. Denn wovon sein Geist voll war, des ging sein Mund über. Nun ist dieser so redegewaltige, von Wissenssülle überquellende Mund für immer verstummt/, ja, es ist uns im Anklang einer alten Legende, als ob in dieser Lade nicht bloß die Totengebeine, sondern auch die Zerbrochenen Bundestaseln ausbewahrt wären. War er ja die verkörperte Lehre selbst, wie ein wandelndes Gotteswort,, die Thora in Person, ein Gaon: eine Größe und Leuchte in Israel, ein Talmid Chacham: ein jüdischer Weiser und Rabbi von altem Schlage und doch zugleich-in neuem Geiste und Gewände, denn der Baum seiner Erkenntnis^blieb tief und innig wurzeln in der biblisch-rabbinischen Welt und Weltanschauung, während seine Zweige sich nach allen Seiten ausbreiteten und in, den unbegrenzten Weiten des modernen Wissens verloren. Er war. ein Lehrer und- Gelehrter/ ein ewig Lernender, ein rast- und ruhelos sich Mühender, nehmt alles nur in allem,-wir werden seinesgleichen-- nicht mehr Wiedersehen. Denn man könnte aus ihn anwenden, was die Schrift von Salomo berichtet: Und Gott gab ihm Weisheit und viel Einsicht und.ausgebreitete Kenntnisse, wie Sand-am User des Meeres, und seine Weisheit war größer, denn die aller Söhne des Morgenlandes und des Aeghpterlandes, so daß er reden konnte über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels, über das Vieh' und Gewürm,'über die Bäume, von dem unscheinbaren Mop an der Mauer bis zur hochragenden Zeder auf dem Libanon.- Doch schon ist es uns, als ob er unserem eigenen Reden Einhalt gebieten, uns zürusen möchte die Worte, die einst ein treuer Diener seines Herrn in der Stunde des Abschieds gesprochen: Haltet mich' nicht aus; da der Ewige meinen Weg hat gelingen lassen, so entlasset mich in Frieden, daß ich heimkehre zu meinem Herrn." Ja, so ziehe hin in Frieden, du hast gekämpft und gerungen als ' Mensch und als Israelit, im Leben und im Sterben.' Nun ist aller Kämpf zu Ende, und friedvoll wie deine verklärten' Züge wird das Bild deines Lebens scheinen und leuchten denen, die dich, hienieden geliebt. Wohl war es reich an Mühen und an Särgen, aber auch reich an Freuden, die du so, mannigfach empfangen und empfunden hast, vor allem in dem Glück deiner Eye mit der säst fünf Jahrzehnte so rührend, ja unendlich aufopfernden, getreu bis'in den Tod dir dienenden Gefährtin,^ iii den Ehren deiner Kinder, in dem Hoffnungsglanz deiner blühenden Enkelschär und nicht zuletzt in den Segnungen deiner ’' Lebensarbeit. Dein , .Andenken wird unvergessen bleiben deinen Anverwandten und Freunden, die zum Teil aus der Ferne herbeigeeilt, um dem allverehrten Oberhaupt der Familie die letzte Ehre zu erweisen,'deinen Berussgenosten, zumal dem geschätzten Kollegen, mit dem du 20Jahre hindurch an der gleichen Stätte gewirkt, und deinen Schülern sowie allen, die deines Geistes, und , deiner Lippen Hauch verspürt, das warmherzige. Wort deiner seelsorgerischen Tätigkeit, besonders aber deiner dir so teuren' und treuen Gemeinde,, der du bis zum letzten Augenblick deiner Kräfte hingebend und ruhmvoll gedient, dein Name wird mit Ehrfurcht genannt werden von allen, die geistige und geistliche Schütze und Kräfte zu schätzen und zu werten wissen. Wir selber aber, die wir dir näher standen, rufen dir nach, wie einst der Prophet Elisa seinem Meister, als dieser ihm genonunen ward, von feurigen Wagen und Rossen gen Himmel entrückt — ein schönes Sinnbild seiner lodernden und Unsterblichkeit suchenden und hoffenden Seele: „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und seine Reiter." Ja, .so rufen wir auch dir, du Teurer, zu, dieweil mit dir begraben wird eine ganze Heeresmacht und dadurch die Stätte geehrt und geweiht, in der sie zu Ruhe und Frieden kommt, weil du allezeit ein Streiter warst, gerüstet und gepanzert mit dem ganzen Inbegriff und Rüstzeug deiner Religion, ein Streiter in dem heiligen Kamps für die Heiligtümer deines Gottes und für die Sache deiner Brüder und im engeren.'Kreise ein Streiter endlich für das Wohl deiner Lieben, denen dein unendliches und unablässiges Sorgen und Sinnen galt, die dich lieben werden und in. Ehren halten, auch über Tod und Grab hinaus, in Zeit und Ewigkeit. Amen." — Am folgenden Sonntag fand im.Gotteshause der jüdischen Resormgemeinde selbst, im Beisein zahlreicher Mitglieder der Familie, des Vorstandes und der Gemeinde eine schlichte aber erhebende GedeMseier statt, indem der Prediger Herr Dr. L e v i n den letzten Teil seiner das Heiligtum und Priestertum behandelnden Predigt dem Andenken seines von ihm hochgeschätzten Kollegen widmete und dabei tiefempfundene, den Verdiensten des Entschlafenen gerecht werdende und den Trauernden zu Herzen gehende Worte sprach . Möge der Satz, den er aus ihn anwandte, daß die Worte der Weisen weiter leben, und wirken, in Erfüllung gehen, seinem Andenken zur Ehre und zum Segen!- . ü. Berlin, ,20. Februar. ..In der .Lehranstalt für die .Wissenschaft des Judentums hielt zum Besten des Stipendiensonds der Anstalt am Montag vergangener Woche Prosesstw Dr. I. Gold st ein - aus. Darmstadt, einen Vortrag über „Die Schöpsungsidee und . die Philosophie der Gegenwart". Der Redner verstand es,, in seinen, fast zweistündigen Ausführungen das zahlreiche Publikum zu fesseln und durch viele gutgewählte Beispiele den schwierigen Stoff klar darzulegen. Er definierte den Begriff Schöpfung dahin, daß „Schöpfung" eine Tat Gottes und außerdem ein zeitlicher Vorgang sei. Unser Intellekt jedoch lehnt sich gegen das Neue (in dem so gefaßten Sinne) instinktiv aus. Er möchte alles als eine Umänderung des Alten erklärt haben. Der Kantianismus und der Naturalismus in der Philosophie bauen daraus. Und sie versuchen, all und jedes aus mechanischen Ursachen zu erklären, alles Uebersinnliche. Metaphysische wollen sie ausschalten. Der Darwinismus geht noch weiter .und lehrt, daß alle menschliche Kultur aus mechanischen Gesetzen geflossen ist, sie haben das höhere, seelische Leben hervorgerufen. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Die neueste philosophische Schule, der sich auch Biologen..und Naturwissenschaftler angeschlossen haben, und deren Hauptvertreter Eucken, Bergson, James und andere sind, hat einen radikalen Enrpirismus geschaffen, der sich keineswegs damit begnügt, die Funktionen der Muskeln und Nerven zu beobachten, wie dies der Darwinismus, Monismus tun, sondern diese Neuen haben auch auf die feinsten Seelenregungen acht, und sie haben gesunden, daß das psychische Moment bei allem eine wichtige Rolle spielt. Wenn nicht bei allem Schaffen unsere geistigen