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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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Propst nicht so harmlos scherzen würde. Dann freilich dachte er auch wieder, der Geistliche könnte ihn nur in Sicherheit wiegen und dprch sein herablassendes Wesen einer schlimmen Mitteilung den Stachel nehmen ^wollen. Silbersteins Geduld wurde noch eine gute, halbe Stunde auf die Probe gestellt, und der Geistliche fing sogar zuletzt noch ein Gespräch über Religion an, was Silberstein nötigte, besonders auf der Hut zu sein. Mitten im Disput wurde die Tür ausgerissen und Stasiu erschien, stürzte aus Silberstein, ergriff in großer Erregung seine Hand und wollte sie gerade küssen, als er des Propstes ansichtig wurde. Sofort ließ er die Hand los, ging zu dem Geistlichen hin,, kniete vor ihm nieder, schlug ein Kreuz und küßte-inbrünstig die Hand des Geistlichen. Hieraus erhob er sich, ging zu Silberstein hin und sagte: „Gnädiger Panik, Matke Boska hat sich Mutter Gottes geholfen, ist sich alles weg von Panis Scheune, kann Pani kommen und sehen und kann Pani und liebe Kinderchen ruhig sein, hat Matke Bo8ka wirklich und wahrhaftig alles sich weggenommen." Silberstein atmete erleichtert auf. Er konnte es sich aber nicht versagen, einen verstohlenen Blick auf den Geistlichen zu werfen, der indessen, die Augen zu Boden gesenkt und die Hände gefaltet, zu beten schien. Silberstein zerbrach sich nicht weiter den Kopf über die Intervention der Matke Bo8ka, er war nur froh, daß er eine schwere Sorge los war. „Nun, Herr Silberstein," sagte der Geistliche, „da habe ich ja nicht mehr nötig. Ihnen noch etwas zu sagen. Es ist alles, wie ich sehe, erledigt. Gute Nacht!" Er reichte Silberstein die Hand, legte beide Hände wie zum Segnen auf Stasius Kops und entfernte sich. Gleich hinter ihm ging Stasiu, und nie wieder hat er sich weder bei Silberstein, noch überhaupt in der Stadt sehen lassen. Ob er sich den Insurgenten angeschlossen, ob er nicht wiederkehrte, weil ihm die Stadt verleidet war, da seine Jadwiga ihm untreu geworden war und später auch einem blondhaarigen, blauäugigen Germanen das Leben geschenkt hatte, ist niemals in Erfahrung gebracht worden. Er war und blieb verschwunden. Mit dem Propst kam Silberstein wohl manchmal wieder zusammen, aber niemals wurde des Zwischenfalles auch nur mit einer Silbe Erwähnung getan. Wohl dachte Silberstein, besonders in der ersten Zeit, manchmal nach, was es wohl mit Stasius Reden von der Mutter Gottes für eine Bewandtnis gehabt Haben mochte, wie es kam, daß er ihm einreden zu wollen gewagt lhatte, daß die Mutter Gottes die Waffen gebracht und weggenommen hätte, und daß der Propst Stasius Reden dies wirklich zu glauben schien. Aber schließlich gab er es auf, das Rätsel lösen zu wollen. Drei Jahre mochten vergangen sein. Natalie hatte inzwischen einen gebildeten Kaufmann in D. geheiratet und war eben mit ihrem Erstgeborenen bei den Eltern zum Laubhüttenfest zu Besuch, als Silberstein ein Paket aus Genf erhielt. Er hatte keine Ahnung, wer ihm von dort etwas schicken könnte, da er dort weder einen Verwandten, noch einen Bekannten, noch einen Geschäftsfreund hatte. Nachdem er lange das Paket unentschlossen hin- und hergewendet hatte, öffnete er es endlich. Zu seinem nicht geringen Erstaunen enthielt es zwei hlberbeschlagene Revolver und einen Brief. Hastig öffnete er diesen und las jetzt mit noch größerem Staunen: Mit bestem . Dank für die Aufbewahrung , unserer Waffen und mit der Bitte um Entschuldigung für die verursachte Belästigung. - Der Ausschuß des Geheimbundes „Matke Boska". Das Rätsel war gelöst. Bei der Gelegenheit sprach man natürlich lang und breit von der Einquartierung, dem großen historischen Ereignis der i Stadt, das für die Familie von besonderer Bedeutung gewesen war, und Natalie fragte, ob man wieder etwas von dem Obersten gehört hätte. „Nein", antwortete Silberstein kurz. „Aber von dem Leutnant, der auch bei uns einquartiert war, haben wir gehört, und rat' einmal was?" sagte Frau Silberstein. „Laß die dumme Geschichte", warf Silberstein ein und schüttelte mißbilligend den Kopf. „Warum soll ich es ihr nicht sagen? Es geht sie doch sogar ganz besonders an. Ich habe den Vater immer gebeten, er soll es dir schreiben, aber er hat es nicht getan, und mit meinem Schreiben weißt du ja, ist es nicht weit her."' „Was ist es?" fragte Natalie. „Unsinn ist es, und schweig du lieber." Da aber das Schweigegebot nicht besonders nachdrücklich war, glaubte Frau Silberftein sich berechtigt, es mißachten zu dürfen, und sie sagte schnell, als fürchtete sie, daß ihr Mann es wiederholen könnte: „Er hat, denk' dir nur, um dich angehalten. Er ist aber nicht mehr Offizier, er ist jetzt. Versicherungsagent. Er hat sich in dich verliebt, hat er geschrieben, und hätte doch als Offizier dich nicht heiraten können. Darum ist er abgegangen, und er glaubt, er könnte sich in unserem Geschäft nützlich machen, besonders durch seine Erfahrung als Landwirt. Du hast sicher nicht gewußt, daß du solch eine Eroberung gemacht hast." „Hast du nun genug geschmust?" fragte Silberstein. „Zur Ergänzung," fuhr er fort, „will ich hinzufügen, daß Herr v. Röderitz wegen Spielschulden mit schlichtem Abschied entlassen worden ist." Natalie hob ihren Jungen und ließ ihn auf ihrem Schoße hüpfen. Dann reichte sie ihn dem Vater zum Kuß hin mit einem Blick, der Silberstein deutlich sagte, wie dankbar sie ihm für sein damaliges Düzwischentreten ist. Literarische Mitteilungen. --- Martin Buber. Drei Reden über das Judentum. Frankfurt a. M., Literarische Anstalt Rütten & Loening, 1911. Die drei in diesem Bändchen zusammengestellten Reden führen die Titel: 1. Das Judentum und die Juden, 2. Das Judentum und die Menschheit, 3. Die Erneuerung des Judentums. Der Gedankengang der ersten Rede ist, daß es eine eigentliche jüdische Religiosität heute nicht mehr gäbe, daß der eigentliche Zusammenhang, der die Juden verbinde, das Blut sei, als die tiefste Machtschicht der Seele, und daß endlich das Judentum seine Aufgabe noch in der Zukunft zu erfüllen habe. Der Hauptinhalt der zweiten Rede ist, daß die Aufgabe des Judentums das Streben nach Einheit sei, und hier sind folgende Sätze, die die recht eigentümliche Ausdrucks, weise des Verfassers zeigen, anzuführen. „Das Streben nach Einheit ist es. was den Juden schöpferisch gemacht hat. Aus der Entzweiung des Ich nach Einheit strebend, schuf er die Idee des Einheitsgottes. Aus der Entzweiung der Menschengemeinschaft nach Einheit streben!), schuf er die Idee der All-Gerechtigkeit. Aus der Entzweiung alles Lebendigen nach Einheit strebend, schuf er die Idee der.All-Liebe. Aus der Entzweiung der Welt nach Einheit strebend, schuf er das messianische Ideal, das eine spätere Zeit, auch wieder unter führender Mitwirkung der Juden, verkleinert, verendlicht und Sozialismus genannt hat/ In der dritten Rede polemisiert der Verfasser sehr stark und bezeichnet als die Grundelemente der Neuerung die Idee der Einheit der Tat und der Zukunft, wobei viel hon Chassidismus geredet wird. Im Grunde scheint mir die ganze Schrift nichts anderes als eine, wenn auch verkappte, Aufforderung zum Zionismus zu sein, aber ich bescheide mich gern, denn ich kann in meiner Unschuld die bombastische Sprache des Verfassers nicht recht, verstehen.. Vielleicht sind meine Leser glücklicher und vermögen z. B. in folgenden Sätzen

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