Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinderate mit Erfolg an; so blieb das Kirchlein erhalten Sollte unser ehrwürdiges Gotteshaus in der Seitenstettengasse gar keinen Fürsprecher finden, der es vor Untergang bewahrt? Sollte sich in der Kunststadt Wien, in welcher gerade in der jüngsten Zeit so viel Eifer zugunsten der Erhaltung künstlerisch und historisch wertvoller Baudenkmäler bekundet wird, kein energischer allgemeiner Protest gegen die Demolierung des alten Tempels erheben? Lin Mlrmms. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von L n d w i g K l a u s n e r - D a w o c. lSchluh.) ©ie hatten so schweigend, jeder den eigenen Gedanken nachhängend, eine ganze Weile dagesessen, als an die Tür geklopft wurde und auf Silbersteins „Herein!" ein Soldat, der Bursche des Leutnants v. Röderitz,.eintrat. „Der Herr Leitnant läßt Ihnen entschuldigen, aber er hat Befehl erhalten, sofort wegzumachen. Js schon weg." Silberstein fühlte förmlich den traurigen Blick, den seine Tochter forschend auf ihn heftete. Er war fest überzeugt, daß der Befehl eine Ausrede war, daß der Offizier abgereist sei, um nicht, wie er versprochen, zu ihm kommen zu müssen. Er glaubte auch, daß seine Tochter denselben Verdacht hegte, wollte aber, um sie zu schonen, nicht davon sprechen. Er trat ans Fenster und. blickte mechanisch aus den Hof hinaus, wo der Oberst und einige Offiziere zusahen, wie ein junges Pferd eingeritten wurde. Nach einer Weile schwang sich der Oberst auf sein ihm zugeführtes Pferd, um auszureiten. Als er Silberstein am Fenster bemerkte, grüßte er militärisch und deutete durch eine Handbewegung an, daß er ihm etwas sagen möchte. Silberstein riß das. Fenster auf. Der Oberst ritt nahe heran und . deutete den Begleitern an, daß sie vorausreiten möchten. Dann sagte er: „Herr Silberstern, ich habe mir erlaubt, heute in Ihrem Interesse ein wenig Vorsehung zu spielen." „Meinen besten Dank, Herr Oberst, jedenfalls für die freundliche Absicht. Darf ich fragen, inwiefern?" „Leutnant v. Röderitz erzählte mir heute früh eine fatale Geschichte und bat um Urlaub. Eigentlich können wir hier kernen Offizier entbehren. Aber ich glaubte in seinem und, wie ich Sie kenne, auch in Ihrem Interesse zu handeln, wenn ich ihn sofort abreisen ließ. Sie verstehen doch, Herr Silberstein. So etwas tut selten gut, das können Sie in meinem Namen der jungen Dame sagen. Auch sonst, na, Sie wissen jetzt genug. Herrv. Röderitz wird nicht Zurückkehren. Ich bin überzeugt, Herr Silberstein, Sie verstehen, daß ich es gut mit Ihnen meinte und will nun weiter nichts sagen." „Ich verstehe, Herr Oberst, 'Vollkommen, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr, ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin auch dafür, daß Sie mir . das mitgeteilt haben. Herzlichsten Dank!" , . „Dann ist es also gut. Adieu, Herr Silberstein!" Der Oberst gab dem Pferde die Sporen und ritt im Galopp den Offizieren nach. > Natalie, die alles gehört hatte, umarmte jetzt den Vater und-Silberstein sagte nur: „Schon gut, schon gut, ein jüdisches Kind kann auf niemand auf Erden so vertrauen als auf seinen Vater,'als auf seine Eltern. Du wirstglaube mir, ihn bald vergessen, und das wird dir am besten beweisen, daß nur deine Phantasie, nicht dein Herz in ihm verliebt war." Als die Gefahr, in der seine Tochter geschwebt hatte, glücklich beseitigt war, trat die andere, in der er selbst schwebte, wieder ganz in den Vordergrund. Gespannt und in höchster/ Ungeduld wurde der Tag im Silbersteinfchen Haufe verlebt. Seit mittag regnete es, und das trug nicht zur Aufheiterung bei, zumal wegen des schlechten Wetters sich auch nur wenige Kunden im Geschäft blicken ließen, und man sonach Zeit hatte, Grillen zu fangen. Immerhin war Silberstein eher imstande, , sich zu trösten, denn er brauchte nur an seine Tochter zu denken, während Frau Silberstein diesen Trost nicht hatte. Gar zu langsam verflossen die Stunden, und abends schien jede Minute für das besorgte Paar die Dauer einer Stunde zu haben. Aber Silberstein war fest entschlossen, wenn der Geistliche heute nicht kam, am anderen Morgen sich dem Oberst zu entdecken. Trübselig setzte man sich zu Tisch. Immer noch schlug der Regen an die Fenster der Familienstube, die sich an den Laden anschloß. Es war fast 10. Uhr, in der Kleinstadt also Nacht, als der Propst endlich erschien. „Steck^ Licht in der guten Stube an!" rief Silberstein freudig eregt. „Aber nicht doch, bitte," sagte der Geistliche, „machen Sie meinetwegen keine Umstände!" Damit hatte er auch schon die Hand der Frau Silberstein ergriffen und bat, die liebe Frau Silberstein sollte doch bleiben. „Es ist so gemütlich hier bei Ihnen, und ich weile so gern, wo Kinder sind." Und nun begann er mit den Kindern zu scherzen, die erst schüchtern, dann aber um so lieber auf die Späße des Geistlichen eingingen, als sie sich tagsüber bei der Mißstimmung der Eltern gründlich gelangweilt hatten. Silberstein wollte die Kinder wegschicken, angeblich well sie den Herrn Propst belästigten und es auch Zeit wäre, daß sie ins Bett gingen. - „Morgen ist ja Sonnabend, da feiern Sie doch streng. Und wie nett Sie den Sabbat einweihen! Ja, das habt ihr Juden heraus. Und nicht im geringsten belästigen mich die lieben Kinder. Ich spiele so gern mit Kindern und komme doch selten dazu. So benutze ich jede Gelegenheit es zu tun. Bitte, bitte, lassen Sie sie mir noch ein wenig." Und wieder scherzte er mit den Kindern, ließ sie rechnen, legte ihnen geographische Fragen vor, examinierte sie in biblischer Geschichte, erkundigte sich nach ihren hebräischen Kenntnissen usw. Auch an Frau Silberstein und an Natalie, die, wie gewöhnlich jeden Freitag abend mit den anderen Kindern an , dem mit schneeweißem Tafeltuch bedeckten Tische, auf dem vier silberne Leuchter mit brennenden Kerzen standen, halbfesttäglich gekleidet saßen, richtete der Propst allerlei Fragen, und er unterhielt sich mit Silberstein über alles mögliche, nur nicht über das, was diesem am meisten, einzig am Herzen lag. Wie oft und wie entschieden auch Silberstein die Unterhaltung aus den einzigen ihn jetzt interessierenden Punkt zu lenken versuchte, aalglatt wich der Propst immer, wieder aus und sagte, als Silberstein sich nicht mehr beherrschen konnte und direkt auf das Ziel losging: „Ja, gleich, mein lieber Herr Sllberstein, aber lassen Sie mich noch ein klein wenig mit den herzigen Kindern spielen." Und er unterhielt sich so eifrig ünd so ganz nach ihrem Geschmack mit ihnen, daß sie ganz warm dabei wurden, und Frau Sllberstein überaus gerührt von dieser Herablassung des Geistlichen war, der von den Polen wie ein höheres Wesen angebetet wurde. Selbst Sllberstein vergaß wiederholt auf etliche Augenblicke seinen Kummer. Er dachte, es werde wohl alles zur Zufriedenheit geregelt werden, da -sonst der