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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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93 Lur Frage eines neuen Lrntraltempels in Wien. Von Dr. Si gm n nd S'Liaßn y- Wien. ereits vor mehrere'.'. Dezennien (und seither wiederholt) bemühte sich mein Kater, Baurat Wllhellp Stiaßny, als Vorstandsmitglied der Wiener israelischen Kultusgemeinde, Mittel und Raum für einen neuen großen, der Gemeindemitgliederzahl entsprechenden Tempek in der inneren Stadt zu beschaffen; leider vergeblich. Und so .war es ihm nicht vergönnt, den Grundstein zu diesem Werke, das die Krone seiner architektonischen Schöpfungen werden sollte,, zu legen. Am 11. Juli 1910 schloß Baurat Wilhelm Stiaßnh seine Augen für immer. Mit ihm. sank aber mancher herrliche Gedanke, manch großer Entwurf zum Tempelbau .ins Gräb. Anlaß zur Tempelbausrage eben jetzt das Wort zu ergreifen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, geben in der jüngsten Zeit in den. Tagesblättern auftauchende Nachrichten, die den Eindruck eines „ballon cl’essai machten, und die geeignet waren, die künstlerischen Interessen im allgemeinen, die Gefühle der. Juden im besonderen und zwar weit über die Grenzen der Stadt Wien hinaus, auf das unangenehmste zu berühren. Das alte Wien hat gerade in den letzten Jahren bedeutende, wenn auch nicht immer die glücklichsten Veränderungen erfahren müssen. Insbesondere war es. der älteste Teil der Stadt, der Raum zwischen Rotenturmstraße und Morzinplatz, dem gar schlimm mitgespielt wurde. Da hieß es immer: die Stadt müsse reguliert, die.Verkehrsverhältnisse müssen gebessert, Licht und Luft müßten hineingelassen werden usw. Inmitten dieses, so bedeutenden Evolutionen unterworfenen Stadtteiles liegen zwei historisch wertvolle Gotteshäuser, beide die ältesten ihrer Religionsgenossenschaften in Wien: die Nuprechtskirche, vielleicht schon aus dem achten Jahrhundert stammend, wird restauriert; im Wege stehende Gebäude werden niedergelegt, um den Kirchenplatz zu regulieren; Neubauten in der Umgebung müssen mit ihrem Hauptgesimse ans dasjenige der Kirche Rücksicht nehmen; kurzum es geschieht alles, was vom Standpunkte des Künstlers als geboten erscheint. Wenige Schritte entfernt, an der gegenüberliegenden Front der Seitenstettengasse, befindet sich, rings von Häusern umgeben, die für die Demolierung bestimmt sind, der israelitische Tempel, der noch nicht einmal hundert Jahre alt, bereits ein Weghindernis geworden sein soll, nunmehr in seiner Existenz bedroht! Ein „alter Wiener" erinnerte vor kurzem in der „Neuen Freien Presse" alle diejenigen, denen der architektonische Wert unseres Tempels unbekannt war, daß er das beste Werk des Meisters Korn Häusel, des Erbauers der Weilburg in Baden bei Wien, und vieler anderer Kunstwerke ist. Von der Liebe und Sorgfalt, mit welcher mein Vater vor wenigen Jahren die Restaurierung streng im Stile und genau nach den alten Plänen vorgenommen, nicht erst zu reden. — Dieses „Juwel der Empirebaukunst" soll nun geopfert werden?) Vor zirka vier Jahren wurde im Wiener Kultusvorstande Die erwähnte Nuprechtskirche, ein Wahrzeichen unserer Stadt, vermag in künstlerischer Hinsicht dem alten Tempel nicht Stand zu halten; allein der Pfarrer von St. Ruprecht, besorgt um das Schicksal des ihm anvertrauten Gotteshauses, unternahm alles, was zur Erhaltung und Verschönerung desselben nötig war; insbesondere gelang es dem hochwürdigen Herrn, die Aufmerksamkeit eines fein-kunstsinnigen Prinzen auf den traurigen Zustand, in welchen! sich die Kirche samt ihrer Umgebung befand, zu lenken; und wenn ich nicht irre, so. hatte er Erfolg. Ich erwähne diesen Umstand aus rein doktrinären Gründen; - in den meisten Punkten wird wohl die Analogie nicht stimmen? WWW88WWMWWD das Projekt einer Grundtransaktion eingebracht, bei welcher die Deurolierung des alten Tempels vorgesehen war. Kaum hatte der Antragsteller geendet, so erhob sich mein Vater zur .Abwehr. Die ungeheure Erregung, welche meinen Vater beim bloßen Erzählen der damaligen Vorgänge ergriff, bleibt mir unvergeßlich. Die Worte, die in jener denkwürdigen Sitzung sielen, waren von solcher Wucht und leidenschaftlichen Jmpetuosität — mein Vater erhob gerechte Zweifel an dem jüdischen Fühlen derjenigen, die auch nur den Gedanken einer Tempeldemolierung fassen konnten —, daß ich mich scheue, dieselben ungemildert wiederzugeben. Ihre Wirkung war aber eine vollkommene: tief beschämt zog der Antragsteller das Projekt zurück/ und so lange mein Vater dem Kultusvorstande angehörte, wagte, niemand,, ein derartiges Sakrilegium zu. begehen. Die heutige Situation mag wohl eine, schwierige, die Verlockung, endlich an den Tempelbau schreiten zu können, eine große sein, allein die Gefühle der Gemeindemitglieder, die, wie ich den den größeren Teil ihres Lebens hinter sich haben und ihre ganzen religiösen Gefühle, insbesonders aber ihre Jugenderinnerung mit der Andacht dieses Gotteshauses verknüpfen, sie sträuben sich gegen den „Vandalismus", der vielleicht einer kommenden Generation dienen soll, die heute Lebenden aber schwer verletzen würde. Da drängt sich einem unwillkürlich die Frage aus: Fühlt denn niemand, daß in der Atmosphäre dieses Gotteshauses noch die Worte eines Mannheimer und I e l l i n e k, die Töne eines S u l z e r sortklingen? Sieht niemand die Schatten der großen, gläubigen Juden, die in diesem heiligen Raume bei der Verherrlichung des Gotteswortes mitgewirkt? Handanlegen an unseren weihevollen Tempel deucht mich ein Verbrechen — gleich einem Vatermord. Ist man aber nicht in der Lage, auf die pekuniären Vorteile der Transaktion, wie es bei der vorliegenden zu sein scheint, zu verzichten, dann heißt es eben resigniert ein anderes Projekt hervorzuholen; je früher — je besser! Was aber die Frage der Stadtregulierung in dem Häuserblock betrifft, in welchem auch der Tempel , steht, so hat das Gotteshaus wohl das Recht zu beanspruchen, daß sich jene nach seiner topographischen Lage richte: die Baulinie, nicht aber der Tempel hat zu. weichen. Wohl müssen die häßlichen Feuermauern, die sich fast drohend gegen die Verlängerung des Fleischmarktes er-heben, so bald als möglich verschwinden, wohl mag die Regulierung der umrahmenden.Straßen unumgänglich nötig sein, allein die Notwendigkeit der Demolierung unseres Tempels-aus diesem Titel erscheint mir unglaubwürdig. Oder trägt man maßgebenden Ortes vielleicht Bedenken, daß ein geringerer oder größerer Teil des Tempels sreigelegt und sodann mit einer öffentlich sichtbaren Fassade versehen werden könnte? Die Kultusstätten der Juden in Oesterreich sind zum kleinen Teile ehrwürdigen Alters; noch weniger Tempelbauten entstammen aber vormärzlicher. Zeit des neunzehnten Jahrhunderts. Anstatt nun alles aufzubieten, um das Vorhandene zu konservieren, statt Mittel und Wege zu suchen, durch Ergänzung zu vollenden und zu verschönern, was die Vorschriften des Ghettos eingeengt und verunstaltet hatten, will man nun das einzige Baudenkmal, auf das die Wiener Judenschast einmal, wie auf ein Wahrzeichen ihrer alten Seßhaftigkeit Hinweisen könnte, — ärger als der schlimmste Feind — dem Boden gleich machen. Vor vielen Jahren lies einem kleinen Kirchlein auf der Landstraße in Wien die neue Baulinie in die Quere,' so daß es über kurz oder lang hätte verschwinden müssen. In ihrer Not wandten sich die Ordensschwestern an meinen Vater, und dieser hatte als Mensch wie als Künstler Mitleid mit dem unglücklichen, bedrohten Gotteshaus^ und nahm'sich seiner int-

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