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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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den Zaudernden, mit tausend Schwierigkeiten Kämpfenden und immer neue Hemmungen sich Bereitenden, angespornt, ist sie ihm damals schon zu einer nie versiegenden Lebensquelle geworden, aus der er Mut, Hoffnung und Freudigkeit geschöpft hat. Er besteht im Jahre 1855 die Lehrerprüfung am katholischen Seminar zu Breslau und studiert sodann in Berlin und Breslau Philosophie und Orientalia. Ein glücklicher Stern schwebt über dem lang Geprüften. Im Jahre 1860 wird er Lehrer an der von Dr. Kirschstein geleiteten Religionsschule zu Berlin und bald daraus im Jahre 1861 auch an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde unter Aron Horwitz. Er führt -die Gattin heim und gründet ein Haus, das vorbildlich bis in unsere Tage hinein gestanden hat. Im Jahre 1877 wird er Religionslehrer an der Lehrer-Bildungsanstalt, 1895 Leiter der vierten und kurz daraus der ersten Religionsschule. Im Oktober 1905 tritt er in den Ruhestand. Fast ein halbes Jahrhundert lang war es ihm beschieden gewesen, eine überaus fruchtbare, gesegnete und in ihren Wirkungen nicht hoch genug zu kennzeichnende Lehrtätigkeit zu entfalten. Was ihn zu einem Lehrer machte, der in so vollendeter Eigenart nur selten anzutreffen . ist, war nicht allein die umfassende Kenntnis des biblischen und talmudischen Schrifttums, nicht allein die Fähigkeit, auch schwierige Stoffe dem Verständnisse des Schülers nahe zu bringen, es waren im letzten Grunde die Eigenschaften seines Wesensdie ihn auch als Menschen so liebenswert erscheinen ließen: die Zartheit und Innigkeit der Empfindung, seine tiefe Religiosität, seine glühende Begeisterung für alles. Hohe und Wahre. Sie befähigten ihn, in die Gedankenwelt der Bibel hinabzusteigen, ihre Lehren und Gestalten nachempfindend zu erfassen und mit der Glut der Seele wie neue Schöpfungen aus seinem Geiste erstehen zu lassen. Dann wurde der Unterricht zum Gottesdienst, der Schulcaüm zur Andachtsstätte, der Lehrer zum Propheten. Wer ihn je in solchen Momenten gesehen, dem wird der Eindruck seiner Persönlichkeit nie verlöschen. Ein göttlicher Glanz schimmerte in seinen Augen, verklärte den Ausdruck seines seinen, von.edler Wärme durchglühten Gesichtes, erzitterte in der Ergriffenheit, seiner Stimme. In solchen Feierstunden enthüllte er sein Inneres, seine reine und zarte Seele, sein tiefes und weiches Gemüt, seine abgeklärte Frömmigkeit. Lag der Schwerpunkt seiner Behandlungsweise in der Bildimg des Gemüts, der Weckung religiöser Kräfte, so ermangelte sie keineswegs der logischen Gliederung und straffen Zusammenfassung zu einem Ganzen. Er stellte nicht fertige Bilder hin, er ließ die Schüler Mitarbeiten und mitschaffen an dem im Entstehen begriffenen Geistesprodukte. Allmählich wurden und wuchsen die dargestellten Persönlichkeiten aus den ersten Keimen bis zu jener Vollendung, die sie zu Trägern religiöser Ideen erhob. Dann traten wie von selbst in plastischer Rundung die Gestalten. unter seinen Händen ans Licht,, die Cha- , rakterbilder eines Mose und; Elia, eines Amos und Jesaia,! lebenswahr und lebenswarm, und übertrugen ihren göttlichen Odem den aufhorchenden jungen Gemütern. So wirkte Markuse durch das Wort, das der heilige Erguß seiner Seele war, so wirkte er durch seine vorbildliche, tiefernste und, sittliche Persönlichkeit. Ein jeder fühlte, daß er das lebte,, was er lehrte, daß er verkörperte, was er sprach. Mit seiner treuen Hingebung an das Werk, seiner unermüdlichen Arbeit, mit seiner idealen Lebensauffassung und Lauterkeit seines Charakters hat er in unzähligen Schülergenerationen die Fundamente der Sittlichkeit und Religion, der Dankbarkeit und Verehrung gelegt. In der treuen Verwaltung seines Amtes, das ihn berufen hatte, zur Verherrlichung des göttlichen Namens beizutragen, empfand er wohl nicht zuletzt die Erfüllung einer tiefen Dankesschuld gegen Gott, der seine Wege so wunderbar geführt hat. Bei einem Mann wie Marknse war der Inhalt seines Lebens mit der Berufsarbeit ' nicht erschöpft. Was in ihm lebte, drängte nach Betätigung und Verwirklichung. Kein Wunder, daß dieser selbstlose und uneigennützige Mensch zugleich einer derhilfreichsten und opferwilligsten war. Größer als der Lehrer war * in ihm der Mensch; das wußten sie alle, seine Schüler und Freunde, seine nach Hunderten zählenden Verehrer und Anhänger. Wie konnte er an fremdem Leide teilnehmen, an anderer Glück sich mitfreuen! Aber fein Mitempfinden begnügte sich nicht in dem bloßen Gefühl, es ruhte nicht eher, bis es sich in hilfreiche Tat umgesetzt hatte. Markuse scheute keine Mühe, keinen Gang, keine Zeit, wenn es galt, zu helfen, aufzurichten, zu erfreuen, und die sinnige Art, wie er'all dieses tat, legte Zeug-- nis ab für sein vornehmes Wesen, für die edle Empfindung seines gütigen Herzens. Sein Haus war der Sammelpunkt einer Schar von Getreuen, die in Liebe und Verehrung ihm verbunden war. Und wer das Glück hatte, die Schwelle dieses Hauses zu betreten, nahm für immer ein Gefühl tiefempfangener Woche mit. , Stand ihm doch bis vor zwei Jahren noch die herrlichste Frau zur Seite,, die wir je gesehen. Sie war mit ihrem goldigen Herzen, ihrenr sonnigen Gemüte, ihrem köstlichen Humor der gute Stern dieses Hauses: unermüdlich schaffend und sorgend um das Wohl des Gatten, ihn führend und leitend durch die Klippen der rauhen Wirklichkeit, dabei von innigem Gottvertrauen, von selbstloser Bescheidenheit. Wer den Gottesfrieden atmete, der diese stille Häuslichkeit umfing, trug einen Glanz im Herzen mit, der noch lange nachwirkte im Getriebe des Tages. Und dieser Friedensklang wird fortan in uns tönen, wenn wir Jakob Markuses gedenken. Sein Leben und Schaffen, seine Liebe und Hingebung werden fortwirken in uns und vor dem Bilde dieses Mannes uns lehren, in Demut und Dankbarkeit unser eigenes. .Tagewerk zu vollbringen. So bleibt sein Andenken zum Segen! Iakob Markuse.

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