Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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itttb Beschämung. Verachte keinen Menschen, spotte keiner Sache, denn es gibt keinen Menschen, für den nicht seine Stunde kommt, keine Sache, die nicht gelegentlich zur Geltung kommen wird. Wer ist weise? Wer von allen Menschen lernt. Wer ist ein Held? Wer sich selbst zu beherrschen versteht. Wer ist geehrt? Wer die Menschen ehrt. In der Agada fand Spinoza, der bekanntlich ein wissenschaftliches Handwerk erlernt hat,, das Schleifen von Glaslinsen, um aus dem Erwerb sich zu ernähren, kernhafte Aufmunterung zur Arbeit. Die Ägada lehrt: Wer ein Handwerk erlernt hat, gleicht einem geschützten Weingarten. Heil dem, der seine Eltern beim Handwerk beschäftigt sieht. Rücke von dem dir gebührenden Platze um zwei oder drei Stufen herunter, denn es ist besser, man sagt dir, komme herauf, als daß man dich hinuntergehen heiße. Hast du deinem Nebenmenschen nur ein wenig Leid angetan, so erscheine es in deinen Augen als viel, hat dir aber dein Nebenmensch viel Leid angetan, so erscheine es in deinen Augen als wenig. Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht, dies ist die ganze Thora, alles andere ist nur Erläuterung. Die Pflicht, Vater und Mutter zu ehren, dehnte Gott weiter aus, als die Pflicht, ihn selbst zu ehren. Diese und die ihnen verwandten Lehren formte Spinoza zu einem System. Höchst beachtenswert erscheint auch die Behauptung unseres Gelehrten, wonach Spinozas Absage an die rabbinische Exegese ein unschönes Mal der Dankbarkeit sei, da der Philosoph wichtige talmudifche Grundsätze der Exegese begierig ausgenommen und vielfach verwertet hat. Die Jugendgeschichte Spinozas gibt. B. Gelegenheit, sich über das Marranentum zu äußern. Hier möchten wir den Leser auf folgende Betrachtung aufmerksam machen. „Auch das aufgezwungene Christentum hatte bittere Früchte gezeitigt.- Die Unglücklichen bekannten äußerlich, woran sie nicht glaubten, so war ihnen die Heuchelei zum täglichen Brot geworden. Die unmoralische Beobachtung äußerer Zeremonien verkümmerte jedes sittliche Bewußtsein. Erst als das Scheinchristentum selbst keine Sicherheit mehr gewährte, wählten die Gehetzten das Brot der Verbannung. Tiefste Erbitterung nagte am Herzen der Auswanderer. Neben viel Haß nahmen sie auch viel Liebe mit. Sitten, Sprache, Spiel, Spruchweisheit trugen sie in die Fremde. Es war ihnen ja auch nicht bloß der Fluch der christlichen Einwohner gefolgt, auch Stimmen des Mitleids hatten sie begleitet. Neben vielen stürmischen Rufen nach Verbannung drangen auch Protest und Warnungsrufe zum Throne der Herrscher.- Mit Genugtuung vernahmen sie das prophetische Wort des katholischen Adels von Valencia, die Vertreibung eines so arbeitsamen Volkes werde des Königs Länder in öde Wüsteneien verwandeln; ein Wort, das sich nur zu bald und schrecklich bewahrheiten sollte." Diesem Werke, welches Ludwig Stein als „merkwürdiges Symptom" bezeichnet, folgt laut Versprechen des Grafen Bvrkowfki ein zweites, das Spinozas „Reife" behandeln wird. Das fertige empfangen wir dankend von dem hochbegabten Gelehrten, der kühn genug ist, um wahr und gerecht zu bleiben, das Entstehende erwarten wir mit begreiflicher Spannung. Wir erinnern nur noch im Hinblick auf dieses aufsehenerregende Buch an den sinnigen Ausspruch im Talmud jeruschalmi-Berachoth 5: Wenn die Israeliten in Gottes Wegen lvandeln, dann wandert der.Allheilige durch die ganze Welt, und wo er unter den anderen Völkern einen Zaddik — einen Gerechten antrifft, da nimmt er ihn und führt ihn der Gesamtheit Israels zu, stimmt ihn wohlwollend und geneigt, wie dies mit dem midjanitifchen Priester Jithro geschah; so aber Israel nicht in den Wegen Gottes wandelt, da entfernt er sogar die Gerechten, die in Israels eigener Mitte leben. igmt Iakod Markulr. Bon G e v r g B r i nn. n der Mittagsstunde des 15. Februar wurde, was sterblich an Jakob Markuse war, zur letzten Ruhe gebettet. Ein großer Kreis von ehemaligen Schülern und Freunden, welche trauernd die Bahre umstanden, legte Zeugnis ab von der liebenden Verehrung, die dem Verstorbenen in seinem langen Leben zuteil geworden und über das Grab hinaus erhalten bleiben wird. Wer war Jakob Markuse? Einer von jenen Stillen und Frommen, die so selten noch in unserer raschlebigen Zeit zu treffen sind, eine von jenen feinen und zarten Per- „ sönlichkeiten, die, vor der Berührung mit der Öffentlichkeit zurückscheuend, in rastloser Selbstveredlung um so reichere Gaben des Herzens entfalten und einen Glanz ausstrahlen, der nicht nur ihr eigenes harmonisches Dasein wundervoll verklärt, sondern jeden, der eimnal in den Bereich dieses Lebens getreten ist, mit ungeahntem Glück erfüllt und für immer in seinem Bannkreis gefangen hält. Solche Wirkungen gingen aus von Markuse, der in seinem beruflichen Leben das bescheidene Amt eines Religionslehrers in unserer Gemeinde bekleidete. Worin bestand das Geheimnis der Kraft, die den stillen und einfachen Mann so bedeutend aus dem Kreise seiner Genossen emporhob? In dem Entwicklungsgänge des Knaben und Jünglings liegen die Keime eingeschlossen, die des Mannes künftige Eigenart vorbereiteten. Einfach und schlicht waren die äußeren Umstände seines Lebens. Aber da sie bis hart an die Grenze seines reiferen Mannesalters von Sorgen und Kämpfen begleitet waren, entbehrten sie nicht der inneren Bewegtheit und hinterließen in Markuse einen nie zu überwindenden Zug der Zagheit und Scheu vor mannhaften Entschlüssen, erfüllten ihn aber zeitlebens mit tiefer Demut und unaussprechlichem Dankgefühl gegen alles, was ihm später an köstlichem Gut geworden ist. Frühzeitig prägten sich dem Knaben, der, ärmlichen Verhältnissen entstammend, auf sich selbst und die Hilfe guter Menschen angewiesen war, diese Tugenden der Demut und der Dankbarkeit tief ins Herz. Sie haben ihn bis zu seinem letzten Atemzuge begleitet, haben seine Wesensart, fein Denken und Vollbringen beeinflußt, sie waren die treibenden Kräfte, die das Geheimnis seiner Erfolge bargen. Im Jahre 1830 geboren, sehen wir ihn in jungen Jahren zu den Füßen des Schönlanker Raws, des unvergleichlichen Blaschke, talmudischen Studien obliegen. Der Schönlanker Raw war mehr als fein Lehrer, mehr als sein väterlicher Freund und Berater, er war für Markuse zu einer sittlichen, fein ganzes Leben erfassenden, bis in sein hohes Alter willensbestimmenden Macht geworden. Wenn er des Meisters, der an der Schwelle feiner Jugend, ein getreuer Eckart, stand, gedachte, so geschah dies nur mit dem Ausdrucke andächtiger Ehrfurcht, die sein Inneres in dankbarer Rührung aufwallen ließ. Welch ein Zauber muß von diesem Manne ausgegangen sein! Ueber dem Arbeitstische von Markuse hängt das Bild des Meisters: unter der hoheitsvollen Stirn ein.Paar leuchtende Augen, ruhig und mit sicherem Forscherblick auf den . Beschauer gerichtet, als durchdrängen sie der Zeiten Ferne und enthüllten der Dinge letztes Geheimnis. Hier war dem Knaben die Richtung und das Ziel seiner späteren Entwicklung gegeben.. Im Jahre 1850 sehen wir Markuse in Oels, wo er um kargen Lohn eine Hauslehrerstelle bekleidet. Hier lernt er die zukünftige Gefährtin seines Lebens kennen. So arm er an äußerlichem Gut, so gering er an Hoffnungen für die Zukunft war, so unendlich reich macht ihn die Neigung des jungen Mädchens, die er als sine unverdiente empfindet. Nie hat er später feine Frau vergessen, nie genug ihr den Zoll tiefer Dankbarkeit abtragen können, daß sie in schwerer Zeit den Entschluß gewagt,' ihr Geschick an das eines mittel- und berufslosen Bochers zu knüpfen. Ueber ein Jahrzehnt und länger hat die Tapfere gewartet, ihn,