Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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geistvollsten aller Kantianer, an Schiller, dem ,Morte-- klingler", wie er ihn zu nennen beliebt, ein Sakrileg zu begehen, in ernsten Kreisen ernstsehr ernst genommen wird. . Lin murr Ublchmtt in der Spinozskortchuns. Von Landesrabbiner Dr. F u ch s - Luxemburg. ein Geringerer als der in dieser Zeitung so oft gefeierte Philosoph Ludwig Stein schrieb jüngst nach dem Erscheinen des monumentalen Werkes „Der junge Despinoza", Leben und Werdegang im Lichte der Weltphilosophie, von Stanislaus v. Dunin-Borkowski S. J. *): „Es geschehen noch Zeichen und Wunder den Anteil des Judentums, der angestammten Religion Spinozas, von welcher er sich niemals endgültig losgesagt hat, hat bisher niemand in s o l ch e m U m s a n g e anerkannt wie v. Dunin." So viel sei vorausgeschickt, um Borkowskis Standpunkt ins richtige Licht zu rücken, um so mehr, da bekanntlich mancher Fachgelehrte diesen Einfluß gern auf ein Minimum reduzieren möchte. Evnstantin Brunner begrüßt in dieser umfangreichen Spinvzastudie ein Werk dauernden Wertes, denn die Geschichtsquellen der Philosophie haben durch Borkowskis Forschungen neuen, reichen Zufluß erfahren. Und Ernst Altkirch geht in seiner Verehrung und Bewunderung so weit, daß er behauptet, Borkowski habe sich mit größerer Kunst und auch mit echterein Verständnis in die Seele des jungen Spinoza versenkt, als die um die Spinozäforschrrng so verdienstvollen Meister Meinsma und Freüdenthal. Geradezu als ein Kriterium für den Wandel der Zeiten bezeichnet Ludwig Stein diese in einem katholischen Kloster entstandene Studie, so will ja sein Einleitungswort in der Kritik dieses mit klösterlicher Inbrunst geschriebenen Werkes verstanden sein: Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Die Grundlagen der Philosophie Spinozas, soweit sie in der Jugend gesammelt auch für das fertige System maßgebend blieben, ausführlich darzulegen, mit eminenter Kritik zu untersuchen, einerseits und anderseits den Werdegang eines Menschen zu schildern, dessen Leben ein Spiegelbild seiner Philosophie und dessen Philosophie ein Spiegelbild seines Lebens gewesen, das sind die Aufgaben die sich Peter v. Dunin-Borkowski gestellt und mit wahrer Meisterschaft gelöst hat. Dies war um so schwerer, als die hinterlassenen Schriften des Philosophen, wenn wir von einigen wenigen Andeutungen im Eingänge-der Abhandlung über den menschlichen Verstand äbsehen, kaum etwas über seine Entwicklung verlauten lassen. Der Entwicklungsgang Spinozas bildete öfters den Stoff kritischer Untersuchungen, doch in keiner derselben ist die Frage mit solcher Ausführlichkeit behandelt wie bei Borkowski, der erfolgreich bemüht ist, die Entwicklung des jungen Spinoza sozusagen Jahr um Jahr mit den äußeren und inneren Ereignissen seines Lebens zu verbinden, aus seinen Studien, seinen Lesungen, aus seinem Umgang zu erschließen. Als Vertreter der historischen Betrachtungsweise sucht Borkvwski für die psychologische Entwicklung Spinozas die Quellen seiner Spekulation liebevoll auf. Für den Pantheismus Spinozas glaubt er den Monismus des Kabbalakanons, des Sohar als Vorbild zu erkennen. Lehrt doch dieser Kanon, der Leib des Menschen sei nur die Hülle der durch die Seele allein bestimmten menschlichen Wesenheit. Es ist der Eindruck der Seele in den Stoff, und indem sie sich dem Stoffe einprägt, bringt sie i) Mit 2 Vierfarbendrucken, 13 Autotypien und 7 Faksimiles. 8°. XXIV u. 634 Seiten. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung. Münster in Westfalen. den Körper hervor wie ein Siegel das Reliefbild erzeugt. Auch die Lehre der arabischen Pantheisten, wonach die Einzeldinge sich zu Gott verhalten wie die Wellen zum Meere, auch diese Lehre ist, und zwar ohne Giordano Brunos Einfluß annehmen zu müssen, dem jungen -Spinoza bekannt gewesen. Wenn Spinoza philosophierte, um gut sein zu können, um gut zu werden, wenn ihm der Glanz der Wahrheit vor allem den Frieden einer vollendeten Sittlichkeit bringen sollte, dann legt er, so lehrt Borkowski, bewußt oder unbewußt an den Wert des Lebens bon vornherein einen Maßstab an, den er aus dem Elternhaus mitgebracht hatte. Auf eine ebenso charakteristische wie auch klassische Stelle dieses Werkes möchten wir Hinweisen, um zu zeigen, welch edle Sprache dieser Spinozaforscher spricht und schreibt, welch hohe Poesie in seinen schlichten Worten, welch edle Begeisterung in seiner feierlichen Betrachtung. Die Stelle lautet: „ E r (Spinoza) s e l b st täuschtesich über den Ursprung seiner moralischen Vollkraft; er mochte glauben, daß das Licht, welches in sein Leben flutete, von den Sternen herrührte, die ihm von seinem selb st geschaffenen philosophischen Firmament h ernied er strahlte n; aber dieses Licht floß tatsächlich von anderen Sternen aus und diese Sterne leuchteten, ohne d a ß e r es erkannte, in anderen, fernen, ihm ent sch w u n d e n e n Welten, in seine Jugend hatten sie hinein geleuchtet. Nun glaubte er nicht mehr an sie, sie aber leuchteten treu weiter und wiesen i h m, s e l b st ahnte eres nicht, die Pfade, so daß er am Ziele eines verschlungenen, philosophischen Irrweges doch wieder das Beste fand, was ihm die Religion seiner Väter zu bieten im st an d e g ew es en war — d i e Hingabe an ein unendlich es Wesen." Für jede Linie am geistigen Antlitze Spinozas zeigt uns von Dunin-Borkowski die ihr entsprechende an dem der palästinensischen und babylonischen Agadisten. Der Agada, der talmudischen Ethik, die ja in der berühmten Schule, die der junge Spinoza bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre besucht hat, ein Hauptfach bildete, räumt B. großen Einfluß auf die Entwicklung des Philosophen ein. Für die feinen Umgangsformen Spinozas, die sein Biograph Lucas hervorhebt, für die sorgfältige Art seiner Kleidung, all dieses weiß B. mit Prinzipien der agadischen Ethik zu begründen. „Wir legen Wert darauf, die frappante Aehnlichkeit zwischen dem Sittlichkeitsideal Despinozas und jenem der ethischen Koryphäen des Talmud sestzustellen." Dies ist das besondere Novum der vorliegenden Studie, an der wissenschaftliche Gründlichkeit, vornehmes Verhalten entgegengesetzten Ansichten gegenüber, Klarheit des Ausdrucks, musterhafter Stil, poetischer Schwung gleichmäßig beteiligt sind. Qhne Rückblick auf das agadisch exegetische Schrifttum bleibt das sittliche Werden des Jünglings und Mannes ein Rätsel. Aus der Fülle der ethischen Lehren, denen B. großen Einfluß*) aus Spinozas Entwicklung zuschreibt, möchten wir nur folgende Ägadasprüche hervorheben. Wenn du Gefährten hast, von denen dich die einen zurechtweisen, die anderen preisen, liebe den, der dich zurechtweist. — Besänftige deinen Nebenmenschen nicht in der Stunde seines Zornes; tröste ihn nicht, so lange sein Toter vor ihm liegt; sei nicht bestrebt, deinen Nächsten zu sehen in der Stunde seiner Erniedrigung i) Dieser Einfluß scheint mir zu weit ausgedehnt in einigen wenigen Fällen, so zum Beispiel, wenn V. das Verhalten des zehnjährigen Knaben einer heuchlerischen Frau gegenüber mit einem diesbezüglichen Ausspruchdes Eleazar ben Pedath und das Todschweigen des Epikuräer Uriel Dacosta mit einer Warnung R. Jochanans, die jüdischen Epikuräerzu widerlegen, zu stützen glaubt.