Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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RUWMWKMM 89 Rente beziehe. Äiese n-chm'-Er-'PtzitösoPh a«7 sr'setzte.G aber von 500 fl. auf 300 fl., die er für genügend hielt, herab. Man kann sein Streben nach Unabhängigkeit und seine Uneigennutzigkeit nicht deutlicher an den Tag legen?als Spinoza es tat. Aehnliche Selbstlosigkeit betätigte er gegenüber den Angehörigen Jan de Witts. Der Ratspensionär hatte ihm eine Pension von 200 fl. ausgesetzt. Als aber seine Erben zögerten, den Betrag auszuzahlen, gab er ihnen ohne weiteres die von de Witt ausgestellte Schenkungsurkunde zurück, was sie veränlaßte, ihm nunmehr gern zu bewilligen, was sie vorher verweigert hatten. Bei den Kollegianten begegnete er auch Jarig Jelles, einem Manne von seinem Schlage. Als junger Mann hatte er einen Krämerladen, der eine wahre Goldgrube war, in Amsterdam. Als er aber einsäh, daß das Züsammenscharren von Geld seine Seele nicht befriedigen konnte, übergab er sein Geschäft einem rechtschaffenen Manne. In aller Stille verließ er das Gewühl der Welt, um bis zum letzten Atemzuge „sich zu üben in der Erkenntnis der Wahrheit, die gottgefällig ist, und um Weisheit zu erwerben". Spinoza lernte dort auch Jan Rieuwerts, den freisinnigsten Verleger der Hauptstadt, kennen, der später seine Werke zu druckchi wagte. Eß ist sehr bezeichnend für ihn, daß er das „Märtyrerbuch" als. Schild führte. ' ' ■ . . Ein besonderes Kapitel widmet Meinsma deytz von Bewunderung für die großen Männer der Renaissancezeit erfüllten und für die Verbreitung geläuterter Ideen in Kirche und Staat eintretenden Exjesuiten Dr. Franciscus van den Enden, der, wie er humoristisch bemerkt, imstande gewesen wäre, den ganzen Horaz aus dem Kopfe aufs neue niederzuschreiben, wenn die vorhandenen Exemplare -durch einen Zufall verloren gegangen wären. Ihm gebührt das Verdienst, Spinoza in die Geheimnisse -der lateinischen Sprache eingeweiht und zu der Höhe der Cartesian.ischen Philosophie heraufgeleitet zu haben. In seinem Hause erwarb sich Spinoza begeisterte Freunde und Verehrer,' deren Charakteristik unseren Rahmen überschreiten würde, Es würde auch zu weit führen, wollten wir dem Verfasser auf allen seinen Etappen folgen. Wir wollen uns auf die Konstatierung der Tatsache beschränken, daß er eine intime Kenntnis der ins Auge gefaßten Zeit besitzt und die mit Bienenfleiß aus dem Schutt und Staub der Archive ans Tageslicht geförderten Kreise, die Spinoza und fein Kreis zogen, mit einer plastischen Anschaulichkeit zeichnet, die uns in seinen Bann zwingt. Was . uns Meinsmas Buch vergällt, ist einzig und allein der Umstand, daß Konstantin Br un n er es mit der 83 Seiten langen Abhandlung „Spinoza gegen Kant und die Sache der geistigen Wahrheit" eingeleitet hat. Der Stil ler Abhandlung ist eckig, verzopft, ganz und gär undeutsch, und wir stoßen auf Perioden, die an eine Seeschlange gemahnen. Sie ist ferner ein bodenloses, empörendes, ekliges Pamphlet gegen Kant, eine Lästerung des Altmeisters der Philosophie, den Brunner, nach den Anwürfen zu schließen, die er gegen ihn erhebt, nicht begriffen, von dessen grundstürzenden Errungenschaften er keine blasse Idee haN Wie könnte er sich sonst so viel auf die Entdeckung zugute tun,.daß wir an Kant „die Mauserung des herrschenden Volksdenkens, das ist des Aberglaubens, kondensiert und handgreiflich'haben", daß ec in gär keinem Verhältnis zur Philosophie stand, „in allem genau so gedacht hat wie der gewöhnliche ungeistige Mensch, nur also, weil er tatsächlich der Klügste aller und ein gelehrter Scholastik^, Scholastizissimus gewesen, diesen ganzen Inhalt des gemeinen Denkens, der gemeinen Resultate, der gemeinen Vorurteile, des gemeinen Aberglaubens in der subtilsten Form, in der allerklügsten Weise"! Spinoza ist der Weltweise nach dem Sinne des Herrn Brunnev, auf ihn stimmt er einen überschwänglichen Preis an, der total 'un* ist.^ Bek.aller?unbegrenz^ Hochachtung/, - vor Spinoza müssen wirdagegen energisch,MotMexey, ,ch,aß'/fein System das einzige ist, „wogegen kein Einwand und - keine Schwierigkeit sich, aufbringen läßt, nicht gegen das Ganze noch gegen einzelnes". Es ist ein Vorurteil, zu ,sagen: „Wer anders reden zu müssen glaubt, der redet gar vom Spinozismus nicht, und seine Kritik ist vergebens und zu nichts, es sei denn zur Verwirrung der Schwachen und ohnedem Verwirrten — so wie sie selber nicht anderswoher denn aus verwirrtery Gemüte kommen kann, und mit dürren , Worten gesagt: alle die mannigfaltigen Bedenken gegen den Spinozismus mitsamt all dem mannigfaltigen angeblich Richtigen, was aus eigener Erfindung von Ociginalmetaphysikern jenem entgegengesetzt wird —all das ist Sache des Volksdenkens, des natürlich zum Spinozismus, aber auch mit sich selber in Widerspruch befindlichen Volksdenkens; und wir gewahren . es, wie sich diese sämtlichen angeblichen Einwände und angeblichen Wahrheiten untereinander ausheben und in ihre Nichtigkeit zucückwerfen, aber 'der Spinozismus wird dadurch nicht aufgehoben, und daß sie ihm widersprechen wegen der Mängel, die sie ihm zuschreiben, geschieht in der Weise, wie wir Sonnenfinsternis sagen zu unserer Erdfinsternis. Es gibt Unfähigkeit, den Spinozismus zu denken, aber es gibt keinen Widerspruch gegen den wahrhaft gedachten Spinozismus. Der Spinozismus ist die ausgesprochene Eine Wahrheit des Denkens — dagegen gibt es keinen Widerspruch, a u ch keine Kritik davon" usw. Spinozas Weltanschauung hat in ihrer Einheitlichkeit und starren Geschlossenheit zweifellos etwas Großartiges. Bei genauerem Zusehen zeigt es sich jedoch, daß in ihrer Grundlegung sehr Wichtiges übersehen; ist. Um nur zwei Momente anzuführen, so identifiziert er, was schon oft hervorgehoben wurde, das logische Verhältnis von Grund und Folge mit dem ontologischen von Ursache und Wirkung. Er glaubt alles Sein und Geschehen aus dem Begriffe der Substanz in derselben Weise ableiten zu können, wie die Geometrie ihre Lehrsätze aus ihren Definitionen der Raumgebilde tatsächlich ableiten darf. . Deswegen glaubt er auch, daß seinen metaphysischen Aufstellungen, "die er in seiner „Ethik" inore geometrico ableitet, dieselbe unerschütterliche Beweiskraft zukommt wie den geometrischen Lehrsätzen. Er vergißt, daß die Geometrie mit felbstgeschaffenen, die Philosophie mit Vorgefundenen und gegebenen Begriffen operiert. Als einen Fehler der spinozistischen Weltbetvachtung muß man -ferner die in der damaligen Zeit allgemeine, rein intellektualistische Auffassung des Seelenlebens bezeichnen. Für Spinoza, wie für Descartes ist das ganze Seelenleben ein Denken. Nun lehrt aber die moderne Psychologie, daß Fühlen und Wollen die ursprünglichen Betätigungsweisen des Bewußtseins sind und daß erst aus diesen die Denktätigkeit sich entwickelt. Aber auch, da, wo Brunner allen aus der Seele redet, mit Verzückung von Spinozas seligem Leben' im amor Oei inte]lGctualis, von der seltenen, bewunderungswürdigen, überwältigenden Harmonie seines Philosophierens und seiner Lebensführung spricht, den größten Nachdruck darauf legt, daß sein Dasein kein totes Gesäß, sondern Quell und Spiegel seiner Lehre ist, ist er von argen Geschmacklosigkeiten nicht freizusprechen. Alles in allem genommen, kostet es große Ueberwindung, das oft im Predigerton gehaltene Geschreibsel eines Menschen, der für sich Unfehlbarkeit in Anspruch nimmt und sich für den besten Kenner oder eigentlich den einzigen Kenner Spinozas und Kants und den Fortsetzer des ersteren ausgibt, zu Ende zu - lesen. : ';; Es tut uns tief in der Seele weh, daß ein moderner Herostratus, der den hehren Namen Spinozas gleichsam mißbraucht, um an Kant, dem praeeextor Oermanias, und dem