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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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und Alter haben dazu beigetragey. Größtenteils, . ohne es zu LWE'brdchien'fi^wrrMe'Mbe' ihrer Gedanken, ihrer Fähigkeiten, ihrer Erfahrungen, oft haben sie das Korn, gesät, das - iH erntete. - Mein Werk ist die Vereinigung , von Wesen, die ausdem Gange der Natur entnommen^ sind." - Spinoza starb im Jahre 1677. Gleichwohl danken wir die erste wissenschaftliche, vor dem Richterstuhle der Kritik bestehende Biographie des' gewaltigen Denkers, dessen Sätze Kristalle find,' die einst flüssig waren am Feuer des edelsten Herzens, dem vor wenigen Jahren Heimgegangenen Breslauer Professor I. Fr eud eil th al, den die königliche Akademie der Wissenschaften in Berlin in den Stand setzte, das Land kennen zu lernen, in dem Spinoza gelebt, gekämpft und gelitten, und rn den Bibliotheken und Archiven Hollands wichtige Schriften und Urkunden zu studieren, die unbekannt oder unbenutzt geblieben waren. Dadurch, wie durch seine gründliche Kenntnis der Geschichte der Juden und der weitschichtigen jüdischen Religionsphilosophie hat er alle bisherigen Spinoza- Biographen weit hinter sich gelassen.' Er war in der Lage, uns neue Quellen zu erschließen, die seinen Vorgängern wegen des Mangels an diesen Kenntnissen entgehen mußten, Etappen von Spinozas Entwicklungsgang,. die von ihnen unterschätzt wurden, in die richtige Beleuchtung zu rücken. Die Lebensgeschichte Spinozas enthält freilich gar viele Lücken, die nicht auszufüllen, zahlreiche Dunkelheiten, die nicht aufzuhellen sind. Das Genie stellt'uns zudem vor eine Fülle von Rätseln, weil die Intuition eine große Rolle bei ihm spielt. Freudenthal begnügte sich daher in weiser Selbstbeschränkung', die. Zahl der unbekannten und unerklärten Tatsachen zu verringern. .Er ging dem stillen Laufe seines Lebens aufmerksam nach, verfolgte ihn bis zu seinen Quellen und Zuflüssen und war so imstande, die Beschaffenheit, die Richtungen und Biegungen dieses großen und tiefen Stromes wenigstens in den Hauptzügen-trefflich zu beschreiben. ^Würdig schließt sich dem Buche Freudenthals das. '1910 indeutscher Uebersetzung Erschienene, aber^ schon vor zwölf Jahren im Original veröffentlichte stattliche Werk „Spinoza und sein Kreis" von dem als Spinozaforscher rühmlich bekannten holländischen Gelehrten K. O..Meins ma an. Seine eigentliche Bedeutung liegt indes weniger in der wertvollen Bereicherung der Spinozaliteratür, sondern, wie schon der Titel verrät, darin, daß es weit mehr, daß es K ulturg.eschichte ist. Wir lernen den Boden kennen, aus dem die Gestalt des einzigartigen Philosophen emporwächst. Ein sarbensattes, lebendiges und vollständig erschöpfendes Kultur- .gemälde seiner Zeit wird vor unseren Augen entrollt, fesselnde ’ Bilder ziehen an uns vorüber, prächtige Leute, die schon vor Spinoza oder gleichzeitig mit ihm aufgestanden, waren, um mit edler Todesverachtung den Kampf des Lichtes gegen die Finsternis auszufechten. Wir glauben den katholischen Haarlemer Kupferstecher und Notar Dirk Volkertszoon Coornhert vor uns zu sehen, wie er 1582' die reformierte Kirche und Synode in die Schranken weist, ihnen jegliches Recht abspricht,, sich in das öffentliche und bürgerliche Leben einzumischen, selbst Calvin den Text liest und die Priester, die sich darüber hinwegsetzen, daß der Kampf der Niederlande gegen Spanien ein nationaler war, daran erinnert, daß sie Diener und keine Herren sind, daß sie sich mit ihrem Amte begnügen und „denjenigen dienen sollen, die sie rn ihre Dienste genommen haben, und nicht außer ihrem Beruf - ihre Nase in die Sachen der Obrigkeit stecken, sondern sich nur an das Wort Gottes halten sollen".' „Wer euch nicht aufnimmt und anzuhören begehrt, den laßt in Frieden, und Macht kein Aufsehen, indem ihr gegen den Willen der Bewohner in 4- Spinoza und sein Kreis. Historisch-kritische Studien über hollänvische Freigeister. Deutsch von. Lina Schneider. 8 °. Berlin, Karl Schnabel, 1910. . die Häuser/eindringt; folgt, lieber der Lehre unseres Herrn " Jesus Christus und der Gewohnheit der Apostel: schüttelt den/ ■ Staub Don euren Füßen und Kleidern." ' . - "• Unter den Freigeistern, die in die Fußtapfen des verketzerten Humanisten...traten, muß an erster Stelle der Amsterdamer Bürgermeister Hoost, der Vater des „großen Heiden" unter ' den niederländischen Dichtern, genannt werden. Aber kaum ward jemand von den Predigern so gehaßt,-wie der 1579. geborene Amsterdamer Arzt Samuel Coster; hatte er doch den Mut, sie auf die Bühne zu bringen und in seinen urwüchsigen. Possen über sie die ätzende Lauge seines Spottes auszugießen. Es war ein Glück, daß er unter den Ratsherren viele Geistesverwandte, hätte. Sonst hatte sich gewiß die Prophezeiung an ihm bewahrheitet, die er in den Versen ausspricht: Gleichwie der Nordwind wild das Meer- Bewegt, treibt, dieser Leute Heer Die Menschheit durch gar eitlen Traum. — Durch diesen Sturm kann segeln kaum ~ Ein Fährmann; er verliert sein Schiff, Sein Gut und.Leben auf dem Riff. Nach Oldenbarnevelts Untergang fiel der Sieg den Predigern zu, wenn sie auch ihr Ideal, die Knechtung des menschlichen Geistes durch eine unveränderliche Kirchenlehre, nicht zu erreichen vermochten. Aber es war ihnen nicht vergönnt, . die Früchte ihres Sieges in Ruhe zu genießen, denn die Sache der Freiheit war nicht verloren, so lange Amsterdam Bürgermeister hatte, wie Geut Diedrings van Beuningen, der trotz einer gefährlichen Erkrankung sich zum Rathaus tragen ließ, um seine Stimme, auf die viel ankam, abzugeben. Und der ' wackere Mann hatte wirklich die Genugtuung, seiner „goldenen. Freiheit aus der. Klemme zu helfen. . . Zudem sorgten die Sekten der Mennoniten und Koller giänten dafür, daß die Bäume des calvinistischen Dogmatismus nicht in den Himmel wuchsen. Diese Sekten huldigten der Ansicht, daß offizielle Schristgelehrte ihnen ebenso unnötig wären,-wie den. ersten christlichen Gemeinden in der apostolischen Zeit; jeder Erwachsene könnte, wenn er sich dazu berufen fühlte,' seine Mitbürger aus der Schrift erbauen.! Dabei war die möglichste Freiheit in der Texterklärung und vollständige Freiheit der Rede erlaubt. Sie bekannten sich zu einem einfachen und lebendigen Glauben, der sich in Werken der Charitas äußert. Sie wollten wahre Jünger Jesu sein. und. -legten den höchsten Wert auf stille Herzensfrömmigkeit und. Taten der Barmherzigkeit. Dadurch. wollten sie ein Reich Gottes'auf- Erden gründen und seine Kirche auf Liebe und sittlicher Reinheit aufbauen. ' ' V Aus diesen Sekten, zu denen-sich Spinoza schon vor. der Ablösung vom Judentum hingezogen fühlte, weil sie die Haarspaltereien der Theologen verwarfen und sich von dem äußerlichen Treiben der kirchlich Gesinnten fernhielten, rekrutierten sich zumeist die Freunde, die ihn nach dem Bruche mit der Synagoge nicht völliger Vereinsamung anh eimsallen ließen^ Unter ihnen ist der Kaufmann Simon Joosten de Vr-ies besonders hervorzuheben. Noch im Tode gab er seiner Liebe und Fürsorge für den Freund und Meister ergreifenden Ausdruck. Mit Glücksgütern reich gesegnet, hatte er noch bei Lebzeiten Spinoza eine Summe von 2000 Gulden schenken wollen. Der Philosoph hatte aber daß Anerbieten mit der Begründung abgelehnt, daß er eine so große Summe nicht nötig habe, und daß ihr . Besitz ihn seinen wissenschaftlichen Untersuchungen abwendig machen könnte.' Nun wollte der Freund ihn, als er im Jahre 1667 sein Ende herannahen fühlte, zum Universalerben einsetzen. Auch dies wies Spinoza rundweg mit der Erklärung ab, der gesetzmäßige Erbe, Simons Bruder Isaak, dürfeseines Rechtes nicht verlustig gehen.. Darauf hinterließ Simon dem Bruder sein ganzes Vermögen, jedoch unter der Bedingung, daß Spinoza zeitlebens eine zu seinem Unterhalt ausreichende

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