Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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Es schlossen Juden im Deutschen Reich: 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1909 rein jüdische Ehen ' 7870 7662 .8002 7810 8160 8104 7814 7746 Mischehen 606 668 748 819 855 920 939 982 Zusammen 8476 8330 8750 8629 9015 9024 8753 8728 Wahrend also die Zahl derer, die rein jüdische Ehe schlossen, innerhalb von sieben Jahren um 1,34 oder 17 v. H. abnahm, sin-d die Mischehen um 376, das sind nicht weniger als 62 v. H., gestiegen. Dadurch ergibt sich folgendes Verhältnis: Es trafen ans 100 rein jüdische Ehen: 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1909 15,4 17,4 18,7 20,9 20,9 22,7 24,0 25,4 Mischehen Hier beobachten wir mithin eine gang konstant und steil ansteigende Kurve, die allen: Anschein nach ihren Höhepunkt noch nicht erreicht har.- Nach den Untersuchungen von Ruppin wurden von den Kindern aus jüdisch-christlichen Ehen rund % christlich und nur jüdisch erzogen.- ■* Trotzdem ist es übertrieben-, von einem Untergang der Juden zu sprechen. Das ist in einer jüngst abgehaltenen Zionistenversammlung in Berlin geschehen, mit der sich die antisemitischen Blätter eifrig beschäftigen. Danach hätten die Redner in gewohnter Weise gegen liberale Kompromißjuden und Assimilationsjuden geeifert. Als der Weisheit Schluß soll ein Redner folgendes verkündet haben: Aber ein Volk, das in Auflösung begriffen ist und nicht mehr an seine eigene Zukunft glaubt, verliert das Recht auf feine Geschichte. Es sei ein Vergleich gestattet: Im Gebiete des Verlagsrechtes gibt es Schutzfristen. Dreißig Jahre lang dürfen sich die Nachkommen der Leistungen des verstorbenen Autors erfreuen. Nachher aber wird das große Geistesprodukt Gemeineigentum, und die Nachkommen dürfen sich nicht mehr aus die Leistungen der Vorfahren berufen. Ziehen auch wir eine Lehre aus diesem Bilde. — Um wieder auf die sogenannte „Gleichberechtigung" zu kommen: was hat denn diese für einen Sinn, wenn sie ein absterbendes Judentum trifft? Als Preis für die Emanzipation haben wir das Ablegen der spezifisch jüdischen Eigenschaften gezahlt. Die frühere Diaspora war nur äußerlich; sie bestand unbeschadet der inneren Geschlossenheit. Heute ist es umgekehrt. Es gibt für uns nur den Weg der Selbsthilfe:' wir-müssen uns in Palästina ein nationales Reservoir schassen, wo uns keine andere Kultur.entgegentritt als unsere eigene, und wo infolgedessen auch keine Afsimilativnsgefahr besteht. So wird es uns vielleicht gelingen, eine neue Einheit des.Judentums zu schassen Gegen eine solche Lösung können wir nur, wie wir das hundertmal, getan, energisch protestieren. * Auch mit einer anderen Versammlung, der der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Jlldentums" beschäftigen sich die antisemitischen Blätter eifrig. Sie sind, besonders empört über die Aeußerung eines Redners, der. christliche Staat müsse abgeschafft werden. .Zu welch grotesken Wendungen diese antisemitischen Blätter, ihre- Zuflucht nehmen, geht aus folgender Zusammenstellung des „Reichsbvten" hervor, die man nur abdrucken muß, ohne gegen diese lächerliche Unwissenheit ernstlich zu protestieren. Der „Reichsbvte" schreibt nämlich: 1. Die jüdische Religion ist staatlich anerkannt, ohne daß der Staat eine Ahnung won ihren Lehren hat. 2. Der Religionsunterricht wird nicht in der Landessprache erteilt, sondern in der hebräischen Sprache. 3. Die Juden leben, obgleich ihnen, volle Staatsbürgerrechte eingeräumt sind, nach einem fremden Zeitweiser. Sie schreiben das Jahr 5672, haben andere Monatseinteilung ustv. und verlegen ihren Sabbat aus einen Wochentag, alles nur, um das Jüdisch-nationale nicht nutergehen zu lassen. - - 4. Die Juden leben nach Speisevorschrlften, die vor Jahrtausenden, für andere Verhältnisse und unter anderen Breite graben erlassen wurden. Sie'.verletzten durch ihre Schächtmethode weite Kreise ihres Wirtsvolkes. . 5. Die Juden -dürfen nach Belieben aus der Synagoge austreten, ohne die Mitgliedschaft der Kultusgemeinde zu verlieren, ein Zustand, der bei den christlichen Kirchen unmöglich ist. . * In der „Alliance Israelite Universelle" und der Deutschen „ Kon seren zge mein schuft" geht es weiter unruhig zu. Wir haben uns bei diesen Streitigkeiten neutral verhalten und gedenken diesen Standpunkt nicht zu verlassen. Nach unserer Meinung wäre es angemessen gewesen, daß die deutschen Juden nach ihrer Brüskierung durch die französischen sich von diesen getrennt und selbständig gemacht hätten. Das strebte die. deutsche Konferenzgemeinschaft an. Dagegen machten sich Sonderbestrebungen in Frankfurt a. M. und Köln geltend, gegen welche sich der Vorstand der deutschen Konferenzgemeinschaft in heftiger Weise erklärt. Diese Uneinigkeit ist höchst betrübend, und es ist nur zu wünschen, daß sie bald schwinde. Wir enthalten uns daher, die Schreiben abzudrucken, in denen gegen hochverdiente Männer sehr stark aufgetreten wird und begnügen uns damit, folgendes Schreiben der deutschen Konferenzgemeinschast vom 16. Februar zu veröffentlichen, mit dem Wunsche, daß eine wirklich endgültige Spaltung vermieden werde. Das Schreiben lautet: Das Deutsche Ländestornitee der „Alliance israelite universelle", das am 28. Januar dieses Jahres begründet ist, macht erfreuliche Fortschritte. Bisher hoben sich 99 Ortsgruppen dem Landeskomitee angeschlossen, woraus also hervorgeht, daß die Mehrzahl der deutschen Mitglieder, trotz der Gegenagütation von Frankfurt, einig zusammenhält, und in der jetzt geschaffenen Organisation die notwendige Vertretung der deutschen Mitglieder der Alliance erblickt. Lin neues Spmosslmch? Von Bernhard Münz. Spinoza sagt im „Theologisch-Politischen Traktat": „Und so leichter werden wir jemandes Worte erklären können, je besser wir sein Wesen und seinen Geist kennen." Um aber in das Wesen und den Geist eines großen Mannes eindringen zu können, müssen wir notwendig mit seiner Zeit und seinem Milieu vertraut sein. Kein Mensch, und sei er auch der bedeutendste und weiseste, kann sich ihrem Einfluß ganz entziehen. „Wie weniges haben und sind wir," sagt Goethe, „ das wir im reinsten Sinne uns er Eigentum nennen. Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vör uns waren, als von denen, die mit uns sind."- Und unter Bezugnahme auf seinen eigenen Entwicklungsgang äußert er sich zu Eckermann: „Was wäre ich, was würde von mir übrig bleiben, wenn diese Art der Aneignung die Genialität gefährden sollte? Was habe ich getan? Ich habe alles, was ich gesehen, gehört, beobachtet habe, gesammelt und verwandt; ich habe die Werke der Natur und der Menschen in Anspruch genommen. Jede meiner Schriften ist mir von. tausend Personen,, von tausend verschiedenen Dingen zugeführt worden; der Gelehrte, der Unwissende, der Weise und der Tor, Kindheit H Diese Nummer, die cmt 225. Todestage Spinozas erscheint (22. Februar), sei wenigstens zum Teil dem Andenken des großen Philosophen gewidmet, aus den wir stolz fein können. Denjenigen meiner Leser, die sich näher über den Weisen unterrichten wollen, sei bei,, dieser Gelegenheit ein kürzlich erschienener Katalog von Joseph Bär ü. Co. in Frankfurt a. M. empfohlen, der den Titel führt „Spinoza. Katalog einer Sammlung seiner Werke, der Schriften seiner Anhänger und Schüler, und der Literatur über ihn, enthaltend u, a. .die Spinoza- Bibliothek von Jakob Freudenthal. Als Ganzes zu verkaufen". 1912.