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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-23 · Heft 8 (23.2.1912) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Franzose Graf Gobineau und andere haben in der Verherrllchung der hervorragenden Eigenschaften der germanisch- - Eschen Rasse geradezu Unglaubliches geleistet, Ist die Vorstellung einer arischen Rasse nur ein Phantom, so ist das Bild der semitischen Raffe deutlicher greifbar. In ihrer Heimat, der Halbinsel Arabien, ist ihr Typus noch in uralter Reinheit erhalten, und unsere Glaubensbrüder im Jemen weisen ihn ebenfalls zum großen Teil auf. .Aber von den Semiten Südwestasiens bis zu den heutigen Juden ist ein weiter Weg. Schon die Juden und Israeliten Palästinas zur Richter- und Königszeit waren kein unvermischtes Volk, nach den Zeugnissen der Bibel fanden die in Kanaan einziehenden Stämme die Hettiter, Jebusiter, Amoritec usw. dort vor. Diese vermischten sich mit den Söhnen Israels, deren ureigenster Typus uns übrigens unbekannt ist. So entstand der jüdische Typus, der sich von den Darstellungen aus assyrischen und ägyptischen Denkmälern an bis auf . unsere Zeit in vielen Vertretern erhalten hat, gleichwie der uns aus den Bildwerken, der griechisch-römischen Kunst vertraute klassische Typus in Italien und Griechenland nicht selten anzutresfen ist und in allen vom Römerreich einstmals okkupierten Teilen Europas, auch im Rheinland,. vereinzelt auf- . tritt,. Dieser speziell jüdische Typus, der in der Hauptsache nur in dem großen Reservoir des Judentums in Osteuropa noch einige^nmaßen zahlreich zu finden ist, deckt sich indes keineswegs mit der äußeren Erscheinung der westeuropäischen Juden. Das Gegenteil ist der Fall. Bei ihnen sind semitische Typen nur vereinzelt, der jüdische Typus nicht allzu häufig vertreten; im allgemeinen bietet der westeuropäische Jude, dessen Familie schon viele Generationen lang in seiner Heimat ansässig ist, keinen Typus dar, der nicht auch bei seinen christlichen Mitbürgern anzutressen wäre. Außerordentlich zahlreich sind die Fälle, wo in der äußeren Erscheinung überhaupt kein Unterschied zu bemerken ist. Das deutet auf eine tiefgehende Rassenmischung bei den Juden West- und zum Teil auch Osteuropas hin, deren Ursachen und Wirkungen wir an dieser Stelle nicht im einzelnen verfolgen können. Ist es also aus der.einen Seite verfehltdie.Stämme deutscher Zunge als „Arier" anzusprechen, da es eine arische Rasse überhaupt nicht gibt, so ist es anderseits falsch, die heutigen Juden. Westeuropas als „Semiten" zu betrachten, wenn wir den semitischen Typus in den Beduinen Arabiens erkennen. Sie haben mit ihnen keine Aehnlichkeit. Ja, es gibt sogar Forscher, die überhaupt die Existenz eines eignen semitischen Typus bestreiten und ihn nur als eine Abart der über die Länder um das Mittelmeerbecken verbreiteten langköpfigen dunkelhaarigen und mittelgroßen Raffe betrachten. Die nordeuropäische blonde Rasse wird von dem bekannten Geographen Ratzel als eine in der Urzeit durch die veränderten Temperaturverhältnisse Nordeuropas geschaffene Varietät dieser Mittelmeerrasse angesehen, und diese Annahme hat vieles für sich. Dann sind die Abzweigungen des semitischen und. germanischen Typus aus dieselbe Urform des Menschengeschlechts zurückzusühren, und der behauptete raffenhafte Gegensatz zwischen ihnen ist weder jetzt noch je vorhanden gewesen. ...... Wenn aber dre raffenhaften Verschiedenheiten zwischen den Europäern und Juden entweder nicht nachweisbar sind oder, wenn vorhanden, keme größere Rolle spielen als diejenigen zwischen den Völkern unseres Erdteils überhaupt, so fehlt dem nationalen Dünkel der sogenannten Alldeutschen die Basis, und ihr völkischer Gegensatz zwischen Christen und Juden schwebt in der Luft. Es gibt überhaupt keine. einheitliche jüdische Rasse. Denn welche sollte sie eigentlich sein, die schmalköpfigen Jemeinten oder die Halbtatarischen Bergjuden des Kaukasus? Die dunklen Sephardim oder die erheblich mit blonden Elementen vermischten Aschkenasim in Polen und Rußland? Sind die nordafrikanischen oder die westeuropäischen Juden der richtige Typus? Auf alle diese Fragen kann es nur eine Antwort geben: so wenig wie die Völker Europas, sind die Unter ihnen wohnenden * Juden noch eine reine Raffe. Wenn wir solche unvermischten Rassen für eine ganz ferne, weder mit den Mitteln der Geschichte noch der Vorgeschichte erreichbare Periode der europäischen Menschheit auch voraussetzen müssen, so ist eine solche Annahme für die historische Zeit und erst recht für die Gegenwart ohne jeden praktischen Wert. Es gibt in den zivilisierten Ländern keine Raffen mehr, sondern nur Völker, d. h. Kultureinheiten. Nichts weiter als eine solche eigenartige Kultureinheit waren auch die Juden schon zur Zeit ihrer nationalen Existenz; sie wurden es aufs neue, als das ausgehende Mittelalter sie in Ghettos zusammenpferchte und vom Verkehr mit der unrgebenden europäischen Kultur äbschloß. Da bei uns diese Fesseln seit kaum mehr als 100 Jahren gefallen und in Osteuropa noch heute vorhanden sind, so darf man sich nicht wundern, wenn uns die Ueberbleibsel dieser Ghettokultur noch häufig genug entgegentreten. Sie sind es, die viele Juden noch von ihren christlichen Mitbürgern in einigen Aeußerlichleiten abstechen lassen und bei Unkundigen oder Uebelwollenden als Kennzeichen der jüdischen „Raffe" gedeutet werden. Diese Eigenheiten sind bereits heute bei denjenigen Juden so gut wie verschwunden, die sich seit einigen Generationen der freien Bewegung unter ihren christlichen Mitbürgern erfteuen dürften. Rassenmerkmale sind das also nicht; diese würden nicht so schnell verschwinden. Dü Woche. Berlin, 20. Februar. aß durch die Mischehen und die Abnahme der jüdisch e n G e b u r t e n die Zahl der Juden in Deutschland sich vermindert, unterliegt keinem Zweifel. Die „Franks. Zeitung" bringt darüber folgende Ausführungen: Die jüdische Bevölkerung Deutschlands stagniert im Gegensatz zu der noch sehr raschen Dermehrung der übrigen Deutschen. Dieser Stillstand wird sich vielleicht schon in naher Zukunft in einen Rückgang verwandeln. In Süddeutschland ist dieser Punkt bereits er-, reicht. So verminderte sich die jüdische Bevölkerung: von 1905 auf 1910 in Bayern 55 341 „ 55 066 Seelen „ Württemberg „ 12 053 „ 11982 „ ,. Hessen 24 696 „ 24 063 „ während sie in Baden unverändert blieb (25 896 gegen 25 898). Hier kommen allerdings auch Verluste durch Binnenwanderung in Betracht. Der hauptsächlichste Grund dieser auffallenden Erscheinung ist in dem starken Umsichgreifen des Malthusianismus unter , den Juden zu suchen. Hier genügt der Hinweis, daß z. B. in Preußen die jüdischen Geburten (nur rein jüdische Ehen sind berücksichtigt) in den letzten 34 Jahren von 11100 aus 6150 fielen. Da die Sterbezahl in dieser Zeit nur unwesentlich zurückging — sie kann sich wegen ihres niedrigen Standes nur noch sehr wenig verbessern —, ist der Geburtenüberschuß von 4800 aus rund 460 in: Jahr gefallen. Da die Verhältnisse, in den anderen Bundesstaaten ganz ähnlich liegen, ergibt sich daraus, daß die jüdische Bevölkerung in Deutschland aus keinen nennenswerten natürlichen Zuwachs mehr rechnen kann. Eine Vermehrung durch Einwanderung findet in größerem Maßstabe nicht statt; sie fällt um so weniger ins Gewicht, als auch heute noch eine nicht zu unterschätzende jüdische Auswanderung besteht. Zu jenen natürlichen Gründen der Stagnation treten aber noch .künstliche. Neben der Taufe ist es vor allen Dingen die -Mischehe.. Wie diese von Jahr zu, Jahr absolut -und relativ zunimmt, zeigt folgende Zusammenstellung:

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