Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 8 BerIm;23.Februar 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des ,' , Geheimen Regietungs-Rüts Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Uuäolk Mosse, Serlin, Jerusalemer' Strasse 46/49 Alle Zusendungen für. Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „All'gein. Zeitung des Judentums", Berlin- SW., Jerusalemer Straße <*6j<(9/ zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o^er die Post (in Berlin Und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Rasse und Religion. Von Dr. Sigmund Feist. — Die UU. pche — Ein neues Spinozabuch. Von Beruh. Münz. — Ein neuer Abschnitt in der Spinvzaforschung. Vvn Dr. Fuchs- Luxemburg. — Jakob Markilse. Von Georg Brinn. — Zur. Frage eines neuen Zentraltempels in Wien. Von Dr. Sigmund Stiaßny-Wien. — F suilleton: Ein Dilemmas Von Ludwig Klausner-Dawoc. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin,. Breslau, Aus der Provinz Posen,. Hamburg, Dresden, Bin gen, Stuttgart, Kolmar, London, Wien, Sofia, Petersburg. — V o n Nah und Fern. •' Lalle und Lrllgwn. Von Dr. Sigmund Feist. ' - ' I, orr allen Gründen, die uilsere Gegner gegen die vollkommene Gleichstellung der Deutschell jüdischen Glaubens mit ihren christlichen Mitbürgern ins Feld zu führen pflegen, erfreut sich gerade in den gebildeten Kreisen keiner so großer Beliebtheit wie die Behauptung, es bestände ein rassenhafter Gegensatz zwischen Juden und Christen. Kein Argument pflegt auch der großen Menge so sehr zu imponieren als dieser mit einem reichlichen Aufgebot scheinbarer Wissenschaftlichkeit verfochtene Rassenstandpunkt. Welches ist aber die eigentliche deutsche oder, wie man lieber sagt, germanische Rasse? Sind es die hochgewachsenen, blonden und schmalköpfigen Norddeutschen? Oder die untersetzteren, brünetten und rundköpfigen Süddeutschen? Haben die Gebirgsschweizer und Tiroler mit Ihrem wiederum abweichenden dunklen Typus nicht auch ein Anrecht auf die Zugehörigkeit zum Deutschtum? Gewiß, sagen die Alldeutschen, wir haben verschiedene rassenhafte Elemente in unserem Volk, aber sie gehören doch alle zur arischen Rasse, sie sind grundverschieden von' den Semitett! Und fb taucht am äußersten Horizont der Rassenfrage der Gegensatz zwischen Ariern und Semiten auf. Prüfen wir demnach in den folgenden Zeilen diese für unsere Stellung als. Judenint Rahmen des deutschen Volkes so einschneidende Theorie auf ihre wissenschaftliche Berechtigung, auf ihre praktische Anwendbarkeit und auf ihren behaupteten Zusammenhangmit ethischen und religiösen Anschauungen. Die Ausstellung ,der arischen Rasse -ist eine Tat der zweiten Hälfte des vorigen; Jahrhunderts; vorher wußte man nichts von ihr. Sie wurde erst ermöglichte durch . die Ergebnisse der vergleichenden Sprachwissenschaftdie - den Nachweis der ^ursprünglichen Verwandtschaft -der meisteneuropäischen und einiger asiatischen Sprachen erbrachte. Das Deutsche, das Englische, die romanischen Sprachen als- Tochtersprachen des Lateinischen, das Griechische und die slawischen Sprachen in Europa/, das Armenische,' - dasPersische. und die indischen Dialekte in Asien sind Abkömmlinge. einer gemeinsamen - Stammutter, der '}ogenannten indogermanischen oder arischen 'Ursprache.; Diese nur theoretisch / erschlossene Grundsprache . wurde von . einem uns nicht näher bekannten, weil schon in vorgeschichtlichen, Zeiten in... einzelne Stämme zersprengten Urvolk gesprochen.. Man bezeichnet es mit einer Eigentlich nur dem indischen und. .persischen Zweig zukommenden Benennung als die „Arier". In welcher Gegend, von Europa oder Asien sie gewohnt haben und. wie, ihr körperliches Aussehen gewesen . sein. mag, ist uns völlig unbekannt; wir können mit den Hilfsmitteln der Sprachwissenschaft nur die/ungefähre Gestalt der. Sprache und. mittelbar, eben . durch. diese erschlossene Sprache,- einiges, über, die Kultur des, Urvolks feststellen. Schon aus diesen kurzen Andeutungen ergibt sich, für feden . Denkenden, daß . die Wissenschaft keine „arische Rasse" ermitteln : kann. Aber neben der strengen und voraussetzungslosen Wissenschaft gibt es bekanntlich eine Pseudowissenschaft, die tendenziöse Zwecke verfolgt. Von ihren Anhängern ist, allerdings oft in guterN Glauben, das Hirngespinst der arischen Rasse entdeckt worden.; Nämlich so: wir haben einige gäben klassischer Schriftsteller, alls denen man entnehmen kann, daß der für rein angesehene Typus' der echten Griechen ' und Römer, helle 'Haut- und Haarfarbe besessen hat. Ebenso wird uns die vornehmste Kaste der Inder, die Brahmanen, als hellfarbig gegenüber den dunklen Eingeborenen geschildert.' Die Germanen und alten Gallier (Kelten) sind bekanntermaßen ein hochgewachsener Menschenschlag mit blauen Augen,' rotblonden Haaren (die allerdings dazu, oft künstlich gefärbt waren) und heller Haut gewesen. Alle diese Angaben faßte man nun kritiklos zusammen und . schloß aus ihnen, daß auch die uns im übrigen ganz unbekannten Stammväter dieser-Völker, die „Arier", blondhaarig und blauäugig gewesen seien, den hohen Wuchs fügte man freigebig hinzu. Da nun das Hauptverbreitungsgebiet der hellfarbigen Menschenrassen im nördlichen Europa liegt und man ohnehin auf der Suche .nach einer geeigneten Heimat für die .„Arier" war. so identifizierte man frischweg Jndogecmaneü und Germanen - und hatte damit die „arische" Rasse entdeckt, die mit der germanischen Rasse also identisch seinmußte. Und-auf-diesem schwanken, wissenschaftlich ganz^ unbrauchbaren- Bodenhaben dann ' Rassetheoretiker und- -Rassefanatiker ein Gebäude errichtet, das so viel Verwirrung in urteilslosen Köpfen stiften, sollte. Von der Aufstellung der germanisch-arischen Rasse' nämlich bis zur Behauptung ihrer: -angeMchen?Ueb^Hge.nh.ejt über alle anderen Rassenwar dann nur ein kleiner. Schritt. Schriftsteller wie H. St. Chamberlain, - der heute schon ver- - gefsene - Rembrandt-Deutsche -IDr-.: Langbehn) Woltmann, der