Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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n. O. B. B. Monbijöuplatz 10, schreibt uns: Die Entwicklung des Arbeitsnachweises im neuen Jahre war entsprechend der in vielen - Geschäftszweigen anziehenden Konjunktur als günstig zu bezeichnen. Auch, haben die mit der Reichstagswahl verknüpften Schreib- und sonstigen Aushilfsarbeiten einer großey Reihe stellenloser Bewerber eine Arbeitsmöglichkeit gegeben. Die Bureaus unseres Vereins wurden von 223 sich neu anmeldenden Bewerbern rn Anspruch genommen, während die Zahl der zu unserer Kenntnis gelangten Vakanzen 346 betrug. Es konnten 216 Bewerbern feste Stellungen und 512 Petenten meist recht gut bezahlte A u s- Hilfen nachgewiesen werden.. Die Abteilung S ch r e i b st u b e, in der zu mäßigen Preisen Schreib- und Maschinenarbeiten aller Art von vorübergehend Stellungslosen ausgeführt wurden, war durch Uebertragung größerer Aufträge beschäftigt, wie auch die Inkassoabteilung, diedas Einkassieren von Vereinsbeiträgen zum Zweck. hat, einem größeren Kreis minder arbeitsfähiger Personen Arbeit und Verdienst-gewähren konnte. W. der Provinz Posen, im Febniar. Schwerin o. W. Dem Ratsherrn Adolf Stargardt wurde in Anerkennung seiner langjährigen Verdienste um die Stadt durch einstimmigen Beschluß des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung das Prädikat „Stadtältester" verliehen. — Pos en. Hiersetbst verschied im achtzigsten Lebensjahr ein angesehener Mitbürger, der Kaufmann Isaak Grünbaum. Er war der Seniorchef der bekannten Firma , Jakob Zadek, die er in dreißigjähriger rastloser Arbeit aus bescheidenen Anfängen auf ihre jetzige Höhe brachte. Ferner hat die Synagogengemeinde durch den Tod verloren Herrn Adolf Krayn, 81, und Frau Henriette Basch, 87 Jahre alt. Beide taten sich in den Wohlsahrtseinrichtungen sehr hervor. — O st r o w o. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Raschkow hat mit Rücksicht darauf, daß die Zahl der Gemeindemitglieder in den letzten Jahren stetig abgenommen hat, beschlossen, die Genwinde auszulösen und sich der hiesigen jüdischen Gemeinde anzuschließen. Die hiesige Synagogengemeinde übernimmt die Verpflichtung, den jüdischen Einwohnern von Raschkow die Benutzung der hiesigen Kultuseinrichtungen zu gestatten und den dortigen jüdischen Friedhof dauernd in einem würdigen Zustand zu erhalten.' Hierfür erhält sie von der Raschkower Gemeinde die in ihrem Besitz befindlichen Kultusgegenstände und Legate, die gegen 8900 Marl betragen. — Pose n. Herr I. Schloß, welcher bisher in Sandheim ein Altenheim geleitet, ist zum Inspektor des hiesigen Latzschen Alten.- und Siechenheims gewählt worden und hat sein neues Amt bereits angetreten. — L o b s e n s. Hierselbst verschied der Vorsitzende - des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Herr Samuel Pincus im Alter von 76 Jahren. Der Verstorbene hat sich den Gemeindeaugelegenheiten stets mit Liebe und unverdrossener Hingebung gewidmet. — Schnei d e m ü h l. Aus Anlaß des Kaisers Geburtstagese, hieltHerrJuliusEvhraiiu die NoteKreuz-Medaitle d> itl,rKlosst. — Oppeln, 9. Februar. Anläßlich des 100. Geburtstages Dr. Adolf Wieners, des ehemaligen Rabbiners der hiesigen Synagogengemeinde, veranstalteten die Gemeindebehörden am vergangenen Sabbat eine Gedenkfeier in der festlich geschmückten Synagoge. Rach einleitendem Chorgesang bestieg Herr Rabbiner Dr. Goldm ann die Kanzel, um in kurzer Ansprache Wirken und Wesen des Entschlafenen zu würdigen. Er betonte, daß im Leben jedes Menschen zweierlei für die Mitwelt von Bedeutung sei: das Objektive und das Subjektive, das Sachliche und das Persönliche! Auch Wiener habe doppelte Wichtigkeit. Sachlich sei er einer der besten Vorkämpfer des religiösen Liberalismus im Judentum gewesen, ein Stürmer und Dränger, ein Kind der Mitte des verflossenen Jahrhunderts, und wenn auch heute der religiöse Liberalismus andere Ausgaben und Ziele als damals habe, stehe in seinen Annalen der Name des tapferen, unerschrockenen Wiener hoch in Ehren. Weit wichtiger sei aber besonders für die Gemeinde, die herrliche Persönlichkeit Wieners gewesen. Der Mut, mit dem er seine Herzensüberzeugung aussprach, der unbeugsame Sinn, der ihn für seine Meinungen eintreten und leiden ließ, gemahne an die Seelengröße der alten Propheten. Er sei ein starrer, selbstbewußter Charakter, aber kein glatter, geschmeidiger Kompromißmensch gewesen; bei einigem Einlenken und einiger Anpassung an die Meinung der großen Menge hätte er vermöge seiner glänzenden wissenschaftlichen und. rhetorischen Fähigkeiten eine führende Stellung unter feinen Amtsgenossen , erlangen können, er aber blieb starr Und unbeugsam und opferte feinen Charakter nicht feiner Karriere. Neben dieser scharf ausgeprägten Persönlichkeit sei ihm aber Milde und Versöhnlichkeit eigen gewesen, nicht jene Versöhnlichkeit, welche so viele Leute am Geistlichen gern sehen möchten: die Fähigkeit, nirgends anzustoßen, sich durch alle Schwierigkeiten glatt und klug hindurchzuwinden, jedermanns Freund zu sein, im Interesse des Friedens keine ausgeprägte Meinung zu äußern und zu verfechten, sondern die echte Milde des Herzens, die für alles ' Menschliche Verständnis hatte, die Sache und Person zu trennen wußte und ihn oft genüg dazu trieb, gerade seinen erbittertsten Gegnern in der Not beizustehen und sie dadurch zur Achtung zü zwingen. So habe Adolf Wiener sachlich wohl/viele Gegner aus dem nichtliberalen Lager gehabt, persönlich aber keinen Feind, sondern nur Freunde, weil er in seltener Weise die beiden scheinbaren Gegensätze zu verbinden verstand: Persönlichkeit und Versöhnlichkeit! Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß dieser Geist Adolf Wieners, der Geist der Wahrheit und des Idealismus in den Reihen seiner Amtsbrüder und aller seiner Glaubensgenossen immer lebendiger und wirksamer werde, denn nur im Zeichen dieses Geistes werde Großes geschaffen zur Ehre Gottes, zur Ehre der jüdischen Religion, zur Ehre unseres deutschen Vaterlandes! An die Predigt schloß sich ein auf die Veranlassung bezüglicher Gesang des Kantors, und mit dem üblichen El mole rachamim Gebet schloß die eindrucksvolle Feier. K. Köslin, 8. Februar. Am 6. dieses Monats sprach Frau Justiz rat Meyer aus Stargard i. P. im hiesigen jüdischen Frauenverein über die Ziele und Zwecke des jüdischen Frauenbundes. Die liebenswürdige Dame fand mit ihren Ausführungen ungeteilten Beifall. Der Vortrag gipfelte in der Anregung, hierselbst eine Ortsgruppe zn bilden, welche sich insbesondere die Stellenvermittlung angelegen sein lassen soll. Die Rednerin betonte, daß der Frauenbund ganz besonders die sogenannte „Kleinarbeit" schätze und nicht entbehren könne, um eine möglichst weitgehende Zentralisation zu bewirken. Die Anregung wurde, unterstützt durch den.allgemeinen Mangel an geeignetem Hauspersonal, mit lebhafter Begeisterung ausgenommen und sofort eine Ortsgruppe-ins Leben gerufen, der alsbald zirka 25 Damen beitraten. Der Jahresbeitrag ist so gering (3 Mark), abex die Ideale des jüdischen Frauenbundes sind so hohe und edle, daß bald noch andere Gemeinden diesem guten Beispiele folgen sollten, so daß die Zentralisation des Frauenbündes als ein geschlossenes Ganzes in absehbarer Zeit alle ihre Bestrebungen und Ziele auch in die Wirklichkeit umsetzen kann, denn „nur d u r ch Vereinigung zur Einigung". M. Hamburg, 9. ^Februar. Das Repräfentantenkolleg i u m der D e u t s ch - i s r a e l i t i s ch e n G e m e i n d e hielt eine Versammlung unter Vorsitz des Herrn Jos. Lippmann ab. Nach Mitteilung verschiedener Eingänge wurde die Wahl des Vorstandes für 1912 vorgenommen, die folgendes Resultat ergab: Jakob Alexander, 1. Vorsitzender, Jos. Lippmann, 2. Vorsitzender, Ad. Kimm elstiel, 1. Schriftführer, Joseph Oettinger, 2. Schriftführer. Der Vorsitzende gab dann die Mitteilung des Gemeindevorstandes bekannt, daß er dem Beschluß der Repräsentanten 'aus Erhöhung der Subvention an den Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose feine Genehmigung erteile. Es liegt somit ein übereinstimmender Beschluß der beiden Kollegien vor. Eine lebhafte Debatte ries der Antrag des Gemeindevorstandes betreffend. Erhöhung der Gehälter der Lehrkräfte der Israelitischen Töchterschule hervor. Es handelt sich in erster Linie um die Lehrkräfte, die schon seit Jahrzehnten an der. Schule tätig sind. Die Gehaltserhöhung wird auch, vom Schulvorstande befürwortet. In der Begründung des Antrages wird auf. ein Gesuch des Lehrkollegiums hingewiesen, in welchem dieses unter Hinweis auf die. vom Senat der Bürgerschaft zugegangene-Gehaltsvorlage ebenfalls um eine Ausbesserung der Gehälter bittet. Der Schulvorstand hat es jedoch vorläufig nicht, für richtig gehalten, vor Verabschiedung der Gehaltsvorlage durch die Bürgerschaft eine vollständige Aenderung des Gehaltsplanes zu beschließen, wenn er auch der Ansicht ist, daß die Gehälter an der Töchterschule nicht niedriger zu bemessen seien als wie an den Volksschulen. Der jetzt vorliegende Antrag will das Gehalt der bereits über 30 respektive 20 Jahre an der Schule tätigen Lehrkräfte um 200, 260' respektive 300 Mark per 1. April 1912 erhöhen. Ebenso soll das Gehalt der Schulleiterin zu diesem Zeitpunkt entsprechend reguliert werden. Der Antrag wird einer dreigliedrigen Kommission zur weiteren Prüfung überwiesen. Der Bericht der Kommission zur Prüfung der Abrechnung für 1910 wurde vertagt,- ebenso der Bericht der Kommission