Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 7 Der Gemeindevote. öerlin, 16. pedruar 1912 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums. Korrelpondrn?en und Sschnchten. Deutschland. &&& Berlin, 13. Februar. Die Januarnummer des a m t - lichen Organs der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bringt unter der Ueberschrift „Unsere Altersversorgungsanstalt" einen kurzen Artikel, den wir durch einige, wie wir glauben, erwähnenswerte Einzelheiten ergänzen möchten. Die älteste Altersversorgungsanstalt unserer Gemeinde nach der ersten, die vor achtzig Jahren, für nur wenige Personen berechnet, in einigen Räumen des alten Krankenhauses eingerichtet war, ist die in der Großen Hamburger Straße, die 1845 erbaut' wurde. Doch schon nach wenigen Jahren zeigte sich infolge des raschen Wachstums der Gemeinde und mit ihr ancEj der Zahl der Hilfesuchenden die Notwendigkeit, die Anstalt zil erweitern. Dank der Munisizenz der Herren Joses Moses junior und M. S. Basw i tz, konnte im Jahre 1867 der erste Allbau nusgeführt werden. Ein zweiter Erlveiterungsbau erfolgte mit den von Adolf R e i che n h e i in gestiftetell Mitteln im Jahre 1872. Mit einem voll dem 1893 verstorbenen Herrn Moritz Simon gestifteten Legat von 100000 Mark ivilrde der dritte Anbau beschlossen, der 1894 hergestellt und bald belegt werden konnte. Zur Zeit der im Jahre 1893 erfolgten Allszahlung dieses Legats verfügte die Anstalt in der Großen Hamburger Straße über ein Vermögen von 1873 565 Mark, welches ermöglichte, 190 Hospitaliten zu unterhalten und die Anstalt durch umfangreiche Erweiterungsbauten zu vergrößern. Zu den Gönnern uild Freunden der Altersversorgungsanstnlt in der Großen Hamburger Straße zählte auch die hochselige Kaiserin Augusta. Sie besuchte wiederholt die Anstalt und sprach über die Einrichtung ihre volle Zufriedenheit aus. Gelegentlich eines Besuches am 19. Januar 1881 steuerte die hohe Frau zum eisernen Fonds der Anstalt 300 Mark bei und bestimmte außerdem einen lausenden Jahresbeitrag von 500 Mark. Zulll fünfzigjährigen Bestehen der Allstalt im Jahre 1879 sandte die verewigte Kaiserin an den Vorstand der Altersversorgungsanstalt -ein großes Bild Seiner M ajestät des Kaisers Wilhelm I. mit folgendem Glückwunschschreiben: „Ich freue Mich, zu dem fünfzigjährigen Bestehen einer Anstalt Glück wünschen zu können, deren Werth Ich durch persönliche Kenntniß schätze, und die berufen ist, auch in ferneren Zeiten segensreich für die Mitbürger Berlins zu wirken. Ich übersende der Anstalt beifolgend das Bild des Kaisers. Baden-Baden, den 30. Oktober 1879. gez. A u g u st a." Das Bild und der Glückwunsch zieren den Sitzungssaal der Anstalt zum ewigen Andenken. 1884 bekundete die edle Kaiserin ihr- Wohlwollen für die Anstalt durch die Schenkung des Medaillonbildnisses Seiner Majestät des Kaisers, das ebenfalls den Sitzungssaal der Anstalt schmückt. Gelegentlich eines Besuches in der Anstalt ließ sich Kaiserin Augusta mehrere ältere Hospitaliten vorstellen, bei denen sie sich in huldvollster Weise nach ihrem Ergehen erkundigte. Bei dieser Gelegenheit bat der älteste Insasse, der 92jührige Rabbiner a. D. Mendels oh n um die Erlaubnis, den vorn jüdischen Gesetz beim Anblick eines gekrönten Hauptes vorgeschriebenen Dank- und Segensspruch sprechen zu dürfen, was die hohe Frau, von Rührung sichtlich ergriffen, huldvollst gestattete. Die unvergeßliche Kaiserin starb im Jahre 1890 und hinterließ der Anstalt testamentarisch ein Legat von 4000 Mark. Um das Andenken der hohen Frau zu ehren, und auch für künftige Geschlechter zur Erinnerung, wurde in der Anstalt ein Kaiserin-Augusta- Stistungszimmer errichtet, über dessen Eingang eine Marmortasel, mit einer Widmung versehen, seine Bestimmung zur Aufnahme eines Ehepaares verkündet. Zur Geschichte der zweiten Altersversorgungsanstalt sei hier folgendes mitgeteitt: Am 2. Dezember 1880, am Tage ihrer silbernen Hochzeit, faßten Herr Moritz Manheimer und seine edle Gattin Frau Berta geb. Leweß den hochherzigen Entschluß, aus eigene Kosten eine zweite Altersversorgungsanstalt in der Schönhauser Allee 22 zu errichten, die nach den von dem Regierungsbaurat Professor Schwatlo entworfenen Plänen je nach Bedarf sukzessive erweitert werden sollte. Die jüdische Gemeinde erklärte sich bereitwillig, das ihr dort gehörige Terrain unentgeltlich zu diesem Zwecke herzugeben. Im Frühjahr 1882 wurde sodann mit dem Bau dieser Anstalt begonnen, die schon im Oktober 1883 ihrer Bestimmung geweiht werden konnte. Da sich bald das Bedürfnis nach einer Erweiterung herausstellte, so ließ Herr Moritz M a n h e i m e r , nach dem bekannten altjüdischen Grundsatz: Wer ein gutes Werk begonnen hat, der vollende es auch, auf eigene Kosten im Jahre 1886 durch die Baumeister Crem er und Wolfsenstein den ersten Anbau nasführen, und im Januar 1891, als wiederum alle Zimmer besetzt waren, nach den ursprünglichen Plänen des Regierungsbaurats Professor Schwatlo einen weiteren Anbau Herstellen, so daß in der so vollendeten Anstalt jetzt hundert Personen Unterkunft finden. Zur Errichtung einer dritten Anstalt schenkte die Stadt Berlin im Jahre 1899 ein sehr günstig gelegenes Terrain von 450 Quadratruten in der Exerzierstraße, während Ihre Majestät dieKaiserin Augusta Viktoria zum gleichen Zweck eine hochherzige Spende von 2000 Mark zu überweisen geruhte. Zum Bau der Anstalt stellte Frau Erna P a k s ch e r den Betrag von 200 000 Mark zur Verfügung und ließ später noch einen Flügel anbauen mit einem Aufwand von zirka 80 000 Mark, während ein gleicher Flügel auf der anderen Seite -aus einem Legat des verstorbenen E. Priester von seiner Witwe Frau Mathilde Priester her-gestellt wurde. Frau Erna Pakscher hat die Altersversorgungsanstalt zur Universalerbin ihres ganzen Vermögens, welches 620 000 Mark ungefähr betrug, mit der Bestimmung für die Altersversorgungsanstalt eingesetzt. Sie starb im vorigen Jahre, von Freunden und Bekannten tief betrauert. Diese edle, selbstlose Frau hat nicht allein ihr nahe eine Million Mark betragendes Vermögen, sondern ihr ganzes Leben in segensreicher Arbeit für die jüdische Gemeinde gewidmet. Von allen Hospitaliten der Anstalt, denen sie ihr ganzes Leben mit hingebender Herzensgüte weihte, wurde sie geliebt und innig verehrt. Nach ihrem Testament soll, wie wir hören, eine vierte Anstalt erbaut werden. Wir vermuten, daß daraus auch der Artikel im Gemeindeblatt hinweist, in welchem zum Schluß kurz mitgeteilt wird: „Dank einer größeren Schenkung, die der Altersversorgungsanftalt zusallen soll, wird die Errichtung einer vierten Anstalt im Vorstande erwogen." 4. Berlin, 12. Februar. In den Räumen des „D. I. G. B." fand, wie bereits mitgeteilt, eine außerordentlich stark' beschickte Generalversammlung der „Zentralstelle für j ü d i s ch e W a n d e r a r m e n f ü r s o r g e" statt. Vom Hilfsverein der deutschen Juden wohnte Herr Dr. Paul N a t h a n dem größten Teil der Verhandlungen bei. Der von Herrn Dr. Neumann erstattete Tätigkeitsbericht gab ein umfassendes Bild der Entwickelung und des Arbeitsfeldes der einzelnen Provinzialkassen. Die Berichte der einzelnen Provinzialkassen enthielten zum Teil auch interessante statistische Daten über . Nationalität, Alter und Unterstützungsart der Wanderarmen. An den Geschäftsbericht knüpfte sich eine nur kurze Erörterung. Ebenso wurde der Etat der Zentralstelle, dessen Einnahmen und Ausgaben mit 35 062,64 Mark abschließen, nach kurzer Debatte genehmigt und' dem Kassierer die Entlastung erteilt. Zugleich wurden zu Kassenrevisoren die Herren Berget, Oskar Tietz und Direktor Leschnski und an Stelle des verblichenen Kommerzienrats Benjamin H i r s ch Herr Gabriel H i r s ch - H a l b e r st a d t zum ersten Schriftführer gewählt. Sodann erfolgten einige Satzungsänderungen. Danach sollen neue Anträge für die Generalversammlung nur dann in der Generalversammlung gestellt werden können, wenn zwei Drittel der Mitglieder sich für die Beratung erklären. Des weiteren wurde bestimmt, daß Anträge, die sich aus Aenderung der Satzungen oder Auflösung der Zentrale beziehen, mindestens drei Wochen vor der Generalversammlung der Zentralstelle eingereicht und den Mitgliedern wenigstens 14 Tage vorher mitgeteilt werden müssen. Dann folgte ein sehr interessantes Referat des Generalsekretärs des Hilssvereins Dr. Beruh. Kahn über Festsetzung der Reiserouten, dessen Ausführungen ungeteilten Beifall fanden. Eine . wichtige Angelegenheit wurde hierauf von den Vertretern Hamburgs, den' Herren M e n d e l s o h n und Paul L a s k a r, bezüglich der Be-