Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Lautlose Stille herrschte im Zimmer,'jene Stille, von der der Volksmund sagt, sie trete ein, wenn ein Engeldurchs -Zimmer gehe. Natalie schmiegte ihren Kops an die Brust des Vaters, küßte, ohne daß er es merkte, den Aermel und blickte nur ab und zu aus zu ihm, wie um sich zu überzeugen, ob der, der vor ihr saß, nicht etwa ein Fremder sei, während ihr Vater im Gefängnis schmachtete. Silherstein war glücklich über den Ausgang und dankbar dafür, daß ihm das, was er gestern noch als ein so großes Unglück angesehen, heute geholfen hatte, ein größeres Unglück abzuwenden. . (Fortsetzung folgt.» E Litersrilche Mittrttungen. — DaviCPinski: Jakob, der Schmied. Schauspiel in vier Akten. Theaterverlag Eduard Bloch, Berlin. -Der Inhalt des Dramas ist kurz folgender: Jakob,, der Schmied, ein Trunkenbold und Schürzenjäger, hat, sobald er die schöne Tamara, die arme Nichte anständiger Kaufleute gesehen, seine Natur geändert und »vill das Mädchen heiraten. Er . erreicht seine Absicht mit Hilfe einer Heiratsvermittlerin schneller, als er dies zu ahnen wagt. Eine Zeitlang geht alles gut, aber Niwke, die Frau des Wucherers Raphael, der toll verliebt in seine hübsche Frau ist, obgleich diese ihren Gatten erbarmungslos züchtigt, zieht, nach einer besonders heftigen Szene mit dem Gatten in eine Stube, die das Ehepaar des Schmiedes zu vermieten hat. Vergeblich mahnen den letzteren seine Eltern. Das teuflische Weib weiß die eingeschlafenen Begierden des Schmiedes zu erwecken, er küßt sie im Rausch, den er sich nach der Beschneidung seines Söhnchens angetrunken. Schon triumphiert die Verführerin, schon triumphieren die Eltern Jakobs, die gleich bei der Vermietung des Zimmers an das schlechte Weib, die Rückkehr des Sohnes zu seinem lasterhaften Leben vermuteten. Aber dieser verjagt die Schlange, die sich nun augenblicklich mit ihrem Manne verträgt, kehrt reuig zu seiner Gattin zurück, die sich mit ihrem Kinde schon aus dem Hause entfernen wollte, und ist nun durch diesen letzten Kamps sicher, jetzt wirklich ein wahrhafter und treuer Mensch zu werden und zu bleiben. Ob das Stück auf der Bühne möglich ist, wage ich nicht zu entscheiden: die Typen der gewöhnlichen Juden mit ihren Schimpfwörtern und widerlichen Ausdrücken würden deutschen Zuschauern stark aus die Nerven fallen. (Aber auch schon für den Leser ist es höchst unangenehm, wie der Fuhrmann, Jakobs Vater, der freilich kein gebildeter Mann zu sein braucht, seine Frau fast nie anders und häufig auch seinen Sohn, mit den lieblichen Ausdrücken: Vieh, Pferd, Luder anredet.) Aber die Charakteristik der beiden' Hauptfiguren, Tamara und Jakob, ist ausgezeichnet. Dieser, ein wilder, schwer zu bändigender Naturmensch, diese eine holde, kluge, reine Frau, die die Ehe zwar zunächst nur in der Absicht schließt, um eiuen Mann'zu bekommen und dem Hause ihrer Verwandten zu entrinnen, die ihr die erwiesenen Wohltaten in unangenehmster Weise stets vorgehalten haben. Aber nachdem sie ihr Jawort gegeben, vertraut sie der Kraft der Liebe und der guten Natur, die sie in Jakob achtet. Die Szene, in der Jakob um das Mädchen wirbt, in welcher der kraftstrotzende Mann schüchtern wie ein Kind sich gebärdet, und die Schlußszene, in der er nach seinem Rausch und der Sinnenbetörung, in die er durch diesen verfallen ist, sich gewaltsam zurechtrafft, nicht nur mit Worten, sondern mit Erschütterung und Umwandlung seines ganzen Wesens, Besserung verspricht, sind von großer dramatischer und dichterischer Kraft. Es mag ja manchem nicht ganz wahrscheinlich dünken, daß eine solche Besserung anhält, und doch hat der Dichter es verstanden, eine derartige totale Umwandlung glaublich zu machen, weil eben Jakob ein ganzes Jahr lang alle Schlechtigkeiten seiner Jugendzeit aufge- - geben und nun, nach der Geburt seines Sohnes, sein Pflichtgefühl und Pflichtbewußtsein gestärkt findet. Dagegen möchte ich ein Verhältnis, wie das zwischen Raphael und Niwke, für ganz unmöglich erklären. Daß ein tüchtiger Geschäftsmann,, auch ein körperlich starker Meüsch, sich in so jammervoller. Weise von seinem Weibe behandeln läßt und schließlich noch froh ist, die traurigen Reste einer ekelhaften Buhlerin ^zu erlangen, scheint mir geradezu unmöglich. Die Uebersetzung von Fega Frisch, deren Richtigkeit ich'nicht kontrollieren ckann, ist zwar nicht gerade inkorrekt, aber von wirklich gutem Deutsch weit entfernt. — Schalo m A s ch: Amerika, ein Roman. Berlin, im Verlag Neues Leben. Wilhelm Borngraeber. Schalom Asch hat ein Werk geschrieben, seinen früheren ähnlich und doch unähnlich.. Aehnlich dadurch, daß es Juden aus dem Osten schildert, unähnlich darin, daß stall der düsteren, grau in grau gemalten Stimmung ein Heller Schein das Bild durchleuchtet. Reb Meir, der in seiner kleinen Heimatstadt kein Fortkommen findet, fährt nach Amerika. Er müht sich redlich als fleißiger Arbeiter und läßt, da er einigermaßen existieren kann, seine Frau, Hanna Lea, mit ihren vier Kindern nach Amerika kommen. Aber das jüngste, Jossele, ein Wunderkind, fromm, fleißig, scharfsinnig, wird wegen eines Aussatzes . zurttckgewiesen. Der Knabe wird von seiner zwölfjährigen Schwester- Rachel nach -per Heimat zurückgebracht, kann aber einige Zeit später, . nachdem auch seine Schwester wieder nach Amerika gekommen und -nachdem er selbst fast durch ein Wunder gesund, geworden ist, gleichfalls nach Amerika hinüberziehen. Die drei älteren Geschwister werden vollständig Amerikaner; Jossele bleibt ein: Träumer, ein Gelehrter, der nur zum Studium geeignet ist, nicht fähig zum Leben. Er stirbt in jungen Jahrenj die Familie bleibt, ähnlich wie tausend andere, im neuen Lande, das nun auch der Mutter Hanna Lea eine Heimat geworden ist, weil sie dort ein Grab besitzt. Die Charakteristik Josseles ist sehr eigenartig. Humoristische Szenen, namentlich aus dem Schiff bei der Rückkehr der Kinder nach Europa, beleben das Ganze. Besonders schön ist die Zeichnung der Miß Jsabell, einer Lehrerin an der amerikanischen Schule, die seit st von Juden abstammt, die in mütterlicher Weise für den kleinen Jossele sorgt. Ebenso die Vorführung der Rachele, eines tapferen, klugen Mädchens, das durch seine energische Beredsamkeit alles durchsetzt, was es will, dem Vater das Reisegeld verschafft, den kleinen Bruder zu einem berühmten Arzt führt, wenn sie auch dort für ihn keine Heilung erwirken kann, die aber schließlich als junge Amerikanerin in dem großen Strom untergeht. Das scheint mir ein Widerspruch' gegen die frühere Charakteristik zu sein: sie hätte das'Zeug dazu, eine Mirjam oder Ruth zu werden, und es ist-nicht gerechtfertigt, sie zu einer von den Tausenden zu machen. Aber sonst geht ein frischer Hauch durch das Buch, der nicht so trostlos stimmt, wie dies sonst bei der Lektüre Afchscher Bücher der Fall ist. Man mag das Vertrauen haben, daß die Familie des Reb Meir, wenn sie auch manche Traditionen aufgibt, zu echter Menschlichkeit sich aufrafft, und daß: Amerika auch für sie das Land der Verheißung wird. L. G. * — Stephan Zweig: Erstes Erlebnis Vier Geschichten aus Kinderland. Erschienen im Insel-Verlag zu-Leipzig. 3.50, gebunden 4 Mark. Die vier in diesem Bande vereinigten Geschichten haben das Gemeinsame, daß. sie die Entwicklung des Kindes zu einem reisen Menschen erkennen lehren, teilweise auch das Erwachen des erotischen Sinnes. Die Geschichten sind zum Teil recht gut erzählt; für uns hat die dritte Geschichte „Brennendes Geheimnis", übrigens die bei weitem ausführlichste des ganzen Bandes, besonderes Interesse -dadurch, daß in ihr von Juden geredet wird. Der Held der Geschichte ist ein vierzehnjähriger jüdischer Knabe aus Wien,- der mit seiner Mutter auf dem Semmering weilt und ein sich anspinnendes Liebesverhältnis dieser Mutter zu einem Wiener Adligen stört. - Die Art, wie dieser Knabe, zuerst durch freundliche Annäherung des Fremdengeschmeichelt, erregt und allmählich entrüstet über 'den Verkehr des Barons mit seiner Mutter denkt, den er freilich zunächst nicht recht, begreift, ist ganz vortrefflich geschildert. Das Buch, obwohl es Kinder behandelt, verlangt zu seiner, Lektüre durchaus reife Menschen; für diese aber ist das psychologische Verfahren des Verfassers von hervorragendem Interesse. L. G. * — The Jewish Review, Edited by Norman Bentwich, Dr. Joseph Hochman, Val. II No. 11, Jan. 1912. Priee 1/6 net. London. Geo Routledge & Sons. Ein neues Heft dieser »vichtigen Zeitschrift, die ihrem Grundsätze: Wissenschaft und Leben zu behandeln, treu bleibt, für meinen Geschmack weniger als es gut ist der Wisfenfchafbdtent, mehr dem Leben. Ehanukabetrachtungen, Aufsätze über englischen Antisemitismus (also leider auch dort) behandeln ebenso wie die einleitenden Be-