Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das heißt, du glaubst, daß er dich liebt, und du bildest dir ein, daß du ihn liebst." „Min, Vater, er hat mir geschworen." „Aus solche Schwüre, Kind, ist nichts zu geben. . Junge Leute und gar junge Offiziere schwören hundertmal und meinen es auch in dem Augenblick Manchmal wirklich ehrlich, es ist aber doch nichts. Und daß du ihn liebst, halte ich für ausgeschlossen. Er ist kein so schöner Mensch, um ein junges Mädchen zu bezaubern, und du kennst ihn noch nicht lange genug, um dich etwa in seinen Charakter verliebt zu haben." „Aber doch, Vater, habe ich ihn lieb." „Das heißt, du redest dir ein, daß du ihn lieb hast. Dir gesällt, wie so vielen Mädchen das zweierlei Tuch. Dir imponieren, die schönen Redensarten und die seinen Manieren, von denen die jüdischen jungen Leute hier noch nicht viel wissen. Aber ist es ein Wunder, daß sie es noch nicht wissen? Wenn man auch sagt, die Juden seien reich, zu erben wie bei den Goim gibt es selten bei den Juden. Die haben keine großen Güter,. keine Aussichten aus Aemter und dergleichen, haben keine Konnexion und Protektion und müssen lernen Geld verdienen. Die jungen Christen aus besseren Familien bekommen die schönen Manieren schon in der Kinderstube mit, und man legt in diesen Familien einen besonderen Wert aus seine Manieren. Aber schließlich sind sie ja doch nur Nebensache, Aeußerlichkeiten, und im Grunde ist mir das jüdische Herz viel lieber als die feinsten Manierenso sehr sie auch mir gefallen. Aber so ein närrisches junges Ding wie du läßt sich durch sie bestechen. Hab' ich recht?" „Ich kann doch nur sagen, daß ich ihn lieb habe, Vater." „Das ist Unsinn, Närrchen. Aber gesetzt, es wäre kein Unsinn. Wie denkst du dir denn das Weitere? Wenn er dich heiraten will, wirft du dich taufen lassen müssen. Ist das dein Wille?" Das Mädchen schwieg. „Traurig genug," begann Silberstein wieder, und seine Worte hatten jetzt einen herberen Klang, „daß du nicht, wie. von einer Tarantel gestochen, ausspringst und rufst:- Gott behüte und bewahre, daß ich mein Judentum, die Religion meiner Eltern aufgebe, meinem Gott untreu werde und schwöre, mich zu einer Religion zu bekehren, die so viel unverdientes Leid und Weh über die . Juden gebracht, auch über meine eigene Familie. Und hast du dir auch schon vorgestellt, wie es werden soll, wenn du, Gott behüte! Frau eines Christen, eines adeligen Offiziers geworden bist? Hast du bedacht, daß deine Eltern nie an deinem Tisch einmal werden essen können, daß-sie vielleicht nicht einmal in deine Wohnung werden kommen dürfen? Oder glaubst du, daß so ein Offizier, wenn er auch ein schönes jüdisches Mädchen, das sich taufen läßt, heiratet, sich freuen wird, wenn ich oder gar deine Mutter dich besucht? Doch, was rede ich immer von uns? Ich will lieber von dir reden. Weißt du auch, daß nur die Ehen glücklich sind und sein können, in welchen beide Teile nicht aus sehr ungleichen Verhältnissen hervorgegangen sind? Schon wenn die Vermögensverhältniffe gar zu ungleich bei beiden sind, tut es selten gut, und nun gar, wenn Mann und Frau verschiedenen Nationalitäten, Rassen und Religionen angehören. Ich habe das oft genug gesehen bei Ehen zwischen Deutschen und Polen, selbst wenn Mann und Frau katholisch waren. Noch schlimmer war es, wenn ein Gatte protestantisch, der andere katholisch war. Da kannst du dir denken, was einem Ehepaar bevorsteht, wenn, wie bei euch, Vermögen — denn Herr v. Röderitz entstammt einer ganz verarmten Adels- und OsfiziersfcMilie —>> Stand, Nationalität, Rasse und obendrein Religion verschieden sind. Denn mit der Taufe verlierst du wohl deine jüdische Religion, nicht aber die jüdische Erziehung und die jüdische Art zu denken und zu fühlen. Ich will nicht sagen, daß es absolut unmöglich ist, daß trotz solcher Verschiedenheiten eine Ehe nicht doch glücklich sein'kann, aber - dann müssen Mann und Frau schon einen ganz anderen Bildungsgrad besitzen, als ihn ein einfacher Offizier in der Regel besitzt und als du in deinem Alter mit deiner Durchschnittsbildung eines bürgerlichen Mädchens ihn hüben kannst. Ich schwöre, dir bei allem, was mir heilig ist, es ist meine feste Ueberzeugung, daß du unglücklich werden mußt, wenn du deinen Willen durchsetzt, den ich doch nur allenfalls einige Jahre noch verhindern könnte, und das auch nicht leicht. Du siehst, mein Kind, ich habe nicht als ein religiöser Fanatiker, sondern als ein, besorgter Vater und als erfahrener Mann gesprochen. Hab'ich recht?" „Aber er weiß das alles ja auch." „Ich. kenne den Mann zu wenig, unr zu wissen, ob er sich das alles gesagt hat. Außerdem haben viele das gewußt und haben es doch getan und sind nachher elend geworden. Ich habe von sogenannten vornehmen Leuten gehört, die reiche Jüdinnen geheiratet haben und, nachdem sie sich das Wappen gut vergoldet, ihre Frauen geprügelt haben, bis die Aermsten davongelaufen sind." „Dazu ist er viel zu fein." „Das sagst du und denkst du, und vielleicht wird er jetzt auch so sagen und selbst denken. Nachher kommt es gewöhnlich anders. Hast du übrigens auch daran gedacht, daß er nicht ohne Kaution heiraten kann? Von mir kannst du doch nicht verlangen, daß ich das Geld in diesem Falle gebe, selbst wenn ich soviel ohne weiteres beschaffen könnte." Eine Pause trat ein. Als sie ihm zu lange währte,-fragte Silberstein: „Na, Kind, du fängst wohl an einzusehen, daß ..." „Ich kann nicht von ihm lassen," murmelte das Mädchen.. „Du kannst nicht?" rief Silberstein erregt, „dann wirst du eben müssen. Ich hatte gehofft, du wirst vernünftig genug sein, um auf das. zu hören, was ich dir in aller Ruhe gesagt habe. Ich hatte gehofft, daß du, wenn ich dir alles.vorgehalten haben würde, woran so ein junges Ding nicht denkt, klug genug sein würdest, auf das Unmögliche zu verzichten. Leider habe ich mich darin getäuscht. Da muß ich denn andere Saiten aufziehen. Ich kann und werde diese Heirat verhindern. Oder meinst du, ein Offizier wird die Tochter eines Mannes heiraten wollen und dürfen, der im Gefängnis-gesessen hat?" „DU hast doch nicht im Gefängnis gesessen, Vater!" schrie Natalie erschrocken auf. „Bis jetzt nicht, aber ich werde dafür sorgen, daß ich noch heute.vielleicht eingesperrt werde. In meiner Scheune liegen Waffen und Munition versteckt. Du weißt, daß das verboten ' ist, und daß, wer dem Verbote zuwiderhandelt, vielleicht auf viele Jahre ins Gefängnis kommt. Wenn du mir nicht heilig versprichst, Vernunft anzunehmen, dann zeige ich mich noch heute an." „Das wirst du nicht tun, Vater!" „Ich werde es ganz bestimmt tun, um dich vor sicherem. Elend zu schützen. Lieber sitze ich doch ein paar Jahre, wenn ich dadurch verhüten kann, daß mein Kind, mein Fleisch- und Blut, das ganze Leben unglücklich ist." „Tu's nicht, Vater, lieber Vater! ich schwöre, ich will ihn auch nicht nehmen." -Natalie hatte den Arm des Vaters ergriffen, preßte, ihn an ihr Herz und bedeckte seine Hand mit Küssen und mit Tränen und sah flehend zu ihm empor. Silberstein zögerte einige Augenblicke, dann aber streichelte er ihr Haar mit einer und ihre Wangen mit der anderen Hand und sagte: „Siehst du, liebes Kind, ich habe ganz genau gewußt, daß dein jüdisches Tochterherz nicht dulden wird, daß ich ins Gefängnis komme." - .