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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 . zu bestreiten, wir Polen weniger als andere recht und — wie ich glauben will — Lust haben. Im Gegenteil, wir Polen haben das Recht laut und kühn der Welt die Frage hinzuwerfen: Wer in der Welt ist dieser Wahrheit länger und hartnäckiger als wir auf einer blutgetränkten, mit Leichen bedeckten Straße entgegengeschritlen? Das ist eine Seite des Dilemmas. Von der anderen Seite befindet sich wiederum, ebenso wie jene gar keinem Zweifel unterliegende Wahrheit, daß zwei abgesondert auf einem Boden ansässige Nationalitäten wie zwei Mauerbrecher sind, die an verschiedenen Punkten und unaufhörlich aneinander stoßend, gegenseitig sich Keile hineinschlagen, woraus Wunden, Verletzungen, Gebrechen, Ruin und — ohne Metaphor gesprochen — Rivalität um verschiedene Güter dieser Welt Streit, Zank, Zorn und Haß entstehen müssen. Es ist dies-vielleicht eine für die menschliche Natur beschämende Wahrheit, vielleicht wird ein goldenes Zeitalter anbrechen, in welchem zwei nächste Ellbogen nicht bei jeder Annäherung sich gegenseitig um jeden Brocken Brot oder Happen Fleisch blutig stoßen werden; aber heute ist es . noch so, heute leitet noch jeder Müller das Wasser nach seiner Mühle, selbst wenn es zusammen mit dem Blute oder der Leiche des benachbarten Müllers herbeiflösse. Eine Organisierung der Juden auf polnischem Boden in eine abgesonderte Nationalität, in eine Nationalität, die für die polnischen Kämpfe, Bestrebungen und Wünsche, für die polnische Idee und Kultur gleichgültig ist — stellt für die polnische Gesellschaft eine ernste und bedenkliche Gefahr dar, und um wievielmal noch ernster und bedenklicher, wenn man neben dem Namen dieser Nationalität statt des Ausdruckes gleichgültig — den Ausdruck: feindlich setzen müßte. So ist das prinzipielle Dilemma beschaffen, das der Lauf der Zeit und der Begebenheiten in eine Szhlla und Charhbdis vor unseren Augen errichtet hat. Unlängst haben diese Felsen noch nicht existiert, und mit Mühe durch die Meerenge hindurchschwimmend, konnten wir wähnen, daß wir früher oder später, aber sicher aufs Meer der Vereinigung und des Friedens gelangen werden. Heute, ehe wir in das mehr als vorher bedeutend verengte, bedeutend stürmischere Gewässer der Meerenge hinausschwimmen, müssen wir vor allem sehr, sehr aufmerksam die zu ihren beiden Seiten hinaufragenden Felsen betrachten. (Fortsetzung folgt.) Lin Dilemma. (Nach einer wahren Begebenheit erzählt.) Von Ludwig K l a u s n e r - D a v o c. VII. ber Silberstein wußte ganz genau, das er nicht werde schlafen können wegen der alten und noch mehr wegen der neuesten Sorge, die ihm so unerwartet seine Tochter bereitet hatte. Er dachte hin und her und kam nur zu dem einen Resultat, daß er seiner Frau von Natalie nichts sagen dürfe. Das würde ihr mehr Kummer machen wie der Wafsensund, wie es ja ihm mehr Kummer verursachte, nur daß er als Mann mehr Verständnis für derartige Eskapaden eines jungen Mädchens hatte, während Rebekka, die eine altjüdische Erziehung als Tochter eines Rabbiners genossen hatte, keine Ahnung von Rendezvous und dergleichen hatte und sicher ganz geknickt wäre, wenn sie erführe, was geschehen war. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken zu konzentrieren. Dachte er an Stasius Infamie, dann fiel ihm die Tochter ein. Was hier zu tun sei, darüber konnte er auch zu keinem «Entschluß kommen. Oft genug war er nahe daran, Rebekka zu wecken und ihr möglichst schonend alles zu erzählen. War er ja nicht gewohnt, ein Geheimnis vor ihr zu haben. Aber er hezwang sich, weil er sich zu lebhaft ihren Schmerz vorstellen konnte, und den wollte er ihr vorläufig ersparen. Vielleicht war die Sache harmloser, als es den Anschein hatte. Rebekka schien zu schlafen. Ob sie aber wirklich schlief? Tat er ja aus Rücksicht aus sie auch nur, als ob er schliefe, vielleicht machte sie es ebenso. Leise fragte er: „Schläfst du?" „Wie kann ich schlafen?" .> „Schlafe nur!" „Du schläfst doch auch nicht." „Ich werde mich jetzt umdrehen und schlafen." Geräuschvoll drehte er sich um und dachte nach, was werden solle. „Schläfst duVL fragte nach einer Weile leise Rebekka. . . „Warum schläfst du nicht? Schlaf nur ruhig ein. Es wird schon alles mit Gottes Hilfe werden." Pause während welcher Silberstein genau so wie vorher grübelte, und jetzt an Stasiu, bald wieder an Natalie dachte. Mit einem Male setzte er sich auf und ries frohlockend: „Rebekka, du kannst wirklich schlafen. Wie hat dein Vater, Friede sei mit ihm, gesagt, wenn ihm etwas Unangenehmes passierte? „Auch das ist zum Guten." Ich sage dir, so wahr ich lebe, es ist zum Guten, daß Stasiu die Sachen aus unsere Scheune gebracht hat." „Wieso?" „Frag nicht erst, glaub es mir, es ist, ich schwöre es dir, ganz gewiß zum Guten. Mehr kann ich dir nicht sagen. Und nun schlaf!" „Wenn du so gewiß bist- und sogar schwörst, bin ich schon ruhig, und jetzt werde ich wirklich schlafen können." Und in der Tat hörte Silberstein bald an den regelmäßigen Atemzügen, daß Rebekka eingeschlasen war. Eine Weile dachte er nochmals alles durch, dann schlief auch er ein. Denn er war zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Wafsensund verhüten würde, was er für ein größeres Unglück hielt. In guter Stimmung begrüßte Silberstein seine Frau, die immer früher aufstand als er, am Frühstückstisch. Rebekka hielt es für überflüssig, ihn noch besonders nach dem Stande der Dinge zu fragen. Sein ganzes Wesen beruhigte sie, und sie wußte ja, daß er ihr schon alles von selbst sagen würde, sobald es an der Zeit. Natalie.erschien nicht bei Tisch. Aus die Frage, ob sie schon ausgestanden sei, antwortete Rebekka, Natalie fühlte sich nicht wohl und sähe auch wirklich sehr angegriffen aus. „Sie hat doch nicht über etwas geklagt?" „Das nicht, aber sie sieht sehr niedergeschlagen aus." „Ich werde zu ihr gehen und sehen, was.mit ihr ist." Silbersteitt beeilte sich weiter nicht mit dem Frühstück, ging aber, als er damit fertig war, alsbald in Natalies Zimmer. „Du siehst etwas angegriffen aus," sagte Silberstein nach : einem freundlichen Morgengruß, „du hast, wie ich vorausgesagt, schlecht oder gar überhaupt nicht geschlafen. Jetzt setz' : dich hin, mein Kind, und nun wollen wir ernsthaft reden.". Er nahm ihre leicht zitternde Hand in die sernige, streichelte sie zärtlich und sagte: „Wie konntest du nur?" Sie. ließ den Vater nicht ausreden, sondern sagte, indem Tränen hervorbrachen: „Ich habe ihn lieb, Vater, und er hat mich lieb." .

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