Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 der jüngen Generation ein geimpft. Es war darin eine gewisse Dosis eines instinktiven oder überlegten Anklammerns an den' breiten Mantel eines starken Mannes, der ebenso gut beschützen wie Hiebe versetzen konnte, auf den Gipfel erheben oder in einen Abgrund schleudern konnte; es stak darin auch etwas davon, was bei den Emporkömmlingen .aller Stämme als eine Befähigung zu den sozialen Höhen und für einen sogenannten guten Ton gehalten wird, aber Positiv war darin auch viel, ganz aufrichtiges Sentiment, dessen Naivität bei solch einer überlegten, vernünftigen Nation Staunen erweckte. Wenn dieser Moment nicht wie eine Seifenblase unter dem Hauch, einerseits der Gesetzgebung und anderseits der Holigans geborsten wäre, wäre die Assimilation rasch allgemein und selbst mit einem Purpur heißer Liebe durchsetzt entstanden. So ist es. Ich wage das positiv zu behaupten. . Wir betrachteten diese Erscheinung abseits schweigend, aber mit großer Aufmerksamkeit und mit solchen Empfindungen, wie sie sie bei. uns erwecken mußte; wir wissen also sehr wohl, wie es war. Wir hörten auch, wie die Uhr die Zeit das Ende der goldenen Aera schlug. Die Seifenblase barst, der arkadische Traum zerstob und das, was zurückblieb, kann und braucht man nicht aufzuzählen, denn wir alle wissen davon, und die Juden selbst wissen es am besten. Was Wunder also, daß nach dem Erwachen aus dem arkadischen Traum, nach dem Verschwinden der Regenbogenfarben der Seifenblase, die Juden, auf die Kleider ihrer Kinder blickend, in der Sprache, in welcher zu reden sie gelernt und an welche sie sich schon gewöhnt hatten, sich selbst fragten: Wer, was sind wir? Denn die knapp anliegenden Kleider der Kinder und der Klang der noch so korrekt gesprochenen Worte bilden nicht das Wesen der Nationalität. Um sich als einen integrierenden Teil irgendeiner Nationalität zu fühlen, muß man sie lieben. Konnten sie in der gefaßten Liebe ausharren? Und wie gerufen entstanden in diesem Moment im Westen Männer wie: Herzl, Nordau, Zangwill, und schleuderten auf alle fünf Weltteile die Parole: Zionismus und dann Zionismus und Territorialismus. Zion! Jerusalem.! Palästina! Die Synagogengebete und die uralten Bücher Israels haben diese heiligen Worte häufig erwähnt. Aber das war bisher nur wie eine Art poetischer Abstraktion, die in Ausnahmsmomenten der Sammlung oder des Leidens rührt, aber in derProsa und dem Gewimmel des Alltags in dem Gedächtnis und dem Herzen kaum einen blassen und entfernten Reflex zurücklassend. Obwohl dieser blasse, ferne Widerschein Zions und Jerusalems überhaupt noch bei den Allerjüngsten, bei denjenigen, die die Schwelle des zivilisierenden Gebäudes der Edomiten bereits überschritten hatten, noch vorhanden war, kann man füglich bezweifeln. Besonders kann mandies bezweifeln angesichts der ungewöhnlichen Leichtigkeitmit welcher die Juden bei einer Berührung mit der modernen Zivilisation sich von den traditionellen Abstraktionen und Idealen lossagen. Aber jetzt. . . Jetzt wurde der Zionismus eine natürliche und nahezu unerläßliche Mündung für die Bedrängnisse und Hoffnungen eines enttäuschten und erstaunten Volkes. Wie denn? Wir haben Liebe entgegengebracht und man hat uns zurückgestoßen. Wir erwarteten schön Josuas Abgesandte, die uns aus dem verheißenen Laude fabelhaft saftige Weintrauben bringen sollten. Und sie kamen, aber mit Händen voll-Artikeln, Ausnahmegesetzen und anderen, noch peinlicherern Sachen! Und wie es gewöhnlich zü sein Pstegt, bäumte sich unter den Streichen der Beschimpfung und' des Unrechts die Psyche des Stammes und sprach: Ich will allein selbst sein und werde allein selbst bleiben. Und wie es zu geschehen pflegt, wenn jemand auf ein Feuer in der wahnsinnigen Absicht, es zu löschen, stark bläst, entbrannten in den Adern die Flammen der alten Traditionen und die Flamme des jedem Individuum angeborenen Lebenswillens und die Flamme des gleichfalls angeborenen Gefühls der Selbstwürde und Selbstliebe mit einer vorher unbekannten Kraft. Der jüdische Nationalismus war geboren. Er war unter der jüdischen Bevölkerung geboren, die über den Raum des ganzen Reiches zerstreut durch die Gesetzgebung in den Provinzen, die an das ehemalige autochthone Polen grenzen, ghettoartig eingeschlossen sind. Bald auch, wie dies infolge der nahen Nachbarschaft und aus verschiedenen anderen Ursachen geschehen mußte, drang er ins ehemalige Polenreich, mit seiner ganzen Last stürzte er auf die schon ohnehin von verschiedenen Seiten gekreuzten assimilatorischen Bemühungen, erhob den Jargon zu einer nationalen Sprache, schuf ein Jargontheater, eine Jargonpresse und begann auf verschiedene Weise eine chinesische Mauer aufzuführen, die sie von der polnischen Bevölkerung zu trennen hat und deren Höhe alle bisherigen Mauern zu überragen droht. Das ist die Geschichte der Tatsache, die vor unserenÄugen aus der Unterlage der Geschehnisse emporgewachsen ist. Und jetzt: was soll man von diesem Faktum denken? Wie ihm gegenüber sich benehmen und handeln? Es fällt schwer Antworten zu finden, doch ist es Pflicht und eine unumgängliche Notwendigkeit, sie zu suchen. Zunächst die Tatsache, daß die Juden, die unser Land bewohnen, sich als selbständige Nationalität fühlen, und die zum Zwecke der Stärkung und Befestigung dieses Gefühls unternommenen Bemühungen stellen die polnische Bewohnerschaft vor ein prinzipielles Dilemma, das sehr schwer zu lösen ist. Es stehen hier zwei Wahrheiten gleichmäßig nicht bestreitbar und auseinanderlaufend gegenüber. Von einer Seite ist es eine Wahrheit, die sogar zu den wichtigsten im Leben der Menschheit gehört, daß, wenn etwas für eine Menschengruppe immer sich als eine von anderen abgesonderte Nationalität fühlt und sich als solche geriert, dieses Gefühl von allen anderen nationalen Gruppen respektiert werden muß. daß niemand in der Welt das Recht hat, dem Perser zu befehlen, er solle ein Grieche werden, oder umgekehrt, und daß jeder Versuch solch eines Befehls oder Zwanges 1. resultatlos ist und im Gegenteil entgegengesetzte Folgen zeitigt. 2 antiethisch und antihumanitär, denn er führt für die Menschen allerhand Qual und- Verluste herbei, 3. hat für denjenigen, der solch einen Befehl erteilt und solch einen Zwang aüsübt, eine frühere oder spätere, aber eine unvermeidliche Sühne der Geschichte zur Folge. Diese historischen Sühnen sind übrigens eine sehr einfache und erklärliche Sache. Wer irgend jemandem Gewalt zufügt, wer über irgendeinen Leib mit den Füßen tritt und . irgend jemandes Seele wie Ton zwischen den Fingern knetet, um daraus ein erträumtes Idol zu formen, der begeht etwas sehr Böses, und dieses Böse, seinen eigenen Leib und Seele durchdringend, macht ihn geneigt in die körperlichen und seelischen Krankheiten, die zu physischen und psychischen Abgründen führen, zu verfallen. Von diesem nach meiner Ansicht, einzig wahren Punkte diese Sachlage betrachtend, gibt es für Nationen und Staaten keine bessere Sache als Gerechtigkeit, und Ehrlichkeit, obwohl es scheinbar und momentan anders erscheinen könnte. Es ist dies eine Wahrheit, die in der Gegenwart, wie am grausamsten in der Praxis vergewaltigt,, in der Theorie zu den ganz elementaren zu gehören beginnt. Und es ist dies eine Wahrheit, die in der Praxis ober Theorie