Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Schlußwort - des Hauptredners, - Zangwill, sei nur sehr weniges hervorgehoben. Er erwähnte, daß er tags vorher von einem hervorragenden russischen Juden einen Brief erhalten habe, in dem es hieß, daß in Rußland die Juden außerhalb des Gesetzes stehen und nur infolge der Gutmütigkeit des russischen Volks nicht totgeschlagen werden; der Schreiber fügte die bange Frage hinzu: „Was wird aus uns werden, da doch Europa nur dann christlich und menschenfreundlich ist, wenn die Türken, und die Albanier in Betracht kommen, Rußland aber gewähren-lassen?" Dabei leiste die „Times" sich den Ausspruch, daß an den albanischen Blutbädern die Juden schuld seien! „Der Jude wird verbrannt,, was immer er auch tue. So zum Beispiel wird er, weil er ein Anhänger des Jungtürkentums ist, für alles Unrecht des letzteren verantwortlich gemacht . . . Gewalttätigkeiten würdendas jüdische Volk noch zweitausend Jahre lang als eine ewige Quelle von Reibungen aufrechterhalten? Der jüdische Mstjonslismus. Von Elise Orzeszko. (Aus deren literarischem Nachlaß/) I. er hauptsächlichste und zur Entwirrung schwierigste Knoten in der bei uns komplizierten jüdischen Angelegenheit ist meiner Ansicht nach die in letzter Zeit unter den Juden entstandene nationalistische Strömung. Auch vorher bildeten die Juden inmitten der polnischen Gesellschaft eine Menschengruppe, die in vielen Beziehungen abgesondert war, aber nichts bürgte dafür, daß diese Absonderung eine ewigwährende ist oder werden wird. Die Unterschiede, die aus der Verschiedenheit der Rasse stammen, konnten ebenso durch die nivellierenden Einftüsse der Zivilisation, wie durch ein gemeinschaftliches Zusammenleben aus einem Boden, in einem Klima, unter gemeinsamen Einflüssen der physischen und moralischen Ernährung beträchtlich verringert werden. Von einer Dauer der sprachlichen Differenzen konnte keine Rede sein, denn wer hätte vor gar nicht vielen Jahren nur voraussetzen können, daß der Jargon die Ehre erlangen werde, zur Würde einer Natio.nalsprache erhoben zu werden. Es hatte den Anschein, als sei er uns im Munde von Leuten, die durch unglückliche historische Umstände einst. ihre nationale Sprache verloren, nur deren provisorischer Vertreter, und daß es nur ein wenig der Aufklärung bedürfe, damit die ausgebildete, reiche und schöne Spräche der umgebenden Bevölkerung ihn verdränge. Und wie die aus der Abstammung sich ergebenden Verschiedenheiten sich verringern, wie im Laufe der Zeit die Verschiedenheit der Sprache verschwinden wird, so kann die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses, wie männiglich bekannt,.kein Hindernis einer Gemeinsamkeit und Eintracht in bürgerlicher Betätigung sein. So wähnten vor nicht vielen Jahren die aufgeklärtesten Geister von beiden Seiten, die, am sozialen Körper eine Wunde gewahrend, an der Möglichkeit ihrer Verheilung nicht zweifelten, und daher entstand auf beiden Seiten die Idee einer Assimilation oder solch einer Verähnlichung der kleineren Menschengruppe zur größeren, die ein gemeinsames Zusammenleben und Arbeiten in Frieden und Eintracht begünstigen würde: Die Idee einer Assimilierüng der Juden war nicht, wie manche jetzt behaupten, eine Utopie, noch waren deren Bekenner und Wirkende Utopisten. Die Weltgeschichte kennt Beispiele solch einer Verschmelzung der Minderheit mit der Mehrheit, solch ein Aüfpfropfen anders gearteter Pflänzlinge ans h Uebertragung von S. Horowitz. Bäume, die bei entsprechender gärtnerischer Behandlung nicht nur dem Baume nicht schaden, sondern im Gegenteil durch Lieferung frischer Säfte zu seinem Wüchse und seiner Stärke beitragen. . Aber nicht alles auf der Welt geschieht, was geschehen könnte,, wenn über die menschlichen Wege nicht böse Wirbelwinde dahinfahren, die sie in Abwege verwandeln. Die Idee einer Assimilation, nicht zu denjenigen gehörend, die sich nicht verwirklichen lassenwar zu realisieren. Sie der Verwirklichung zusühren konnte nur eine ungehindert sich entwickelnde Evolution der öffentlichen Meinung, der gesellschaftlichen Angewöhnungen, der Gesetzgebung und der Erziehung, besonders der öffentlichen Erziehung. Ich lasse die öffentliche Meinung und die Angewöhnungen, beiseite, die irren oder zaudern, sich weigern konnten, hier und da einen Schaden oder Verzögerung in der Arbeit herbeiführen konnten, aber an und für sich hinsichtlich des Assimilierungswerkes nichts Feindseliges oder Schädigendes hatten, unberücksichtigt . .. Diese waren in gar keinen Händen der beiden Parteien, und diese haben die Achse der Assimilation verkrümmt, sie an ihrer Basis selbst' erschüttert. Auf welche Weise, oder richtiger auf welche verschiedenartige, mächtige Weise sie das vollbracht, ist hier kein Raum, eingehend angeführt zu werden, und gibt es auf beiden wenigstens einen mehr oderwenigeraufgeklärtenMenschen, der nicht selbst von dieser Art der Behinderung wüßte und nach einem Augenblick des Nachdenkens sie nicht aufzählen könnte! Genug, daß die Idee der Assimilation, erschüttert und geschwächt durch das Wirken des Schulsystems und Ausnahmgesetze, durch unter ihre Räder geschleuderte Steine, durch allerhand Beschimpfungen mit der eben im selben Zeitraum entstandenen eine — eines jüdischen Nationalismus zusammentras.' Unter welchen Einflüssen die das russische Reich bewohnenden Juden mehr als je sich als eine von allen anderen abgesonderte Nation fühlten und wünschten, für immer eine solche zu bleiben, muß das erst erzählt werden? Das kam ihnen zunächst von diesem Triebe zu einer Absonderung und Sammlung zu exklusiven Nationen aller ethnographischen Gruppen, der in letzter Zeit zu einem der mächtigsten Impulse im europäischen Organismus wurde; es kam aus dem Westen von den Mitbrüdern, die den Ruhm Zions und die ewige Zugehörigkeit zu diesem uralten Vaterlande der jüdischen Nation verkündeten; es kam vor allem aus dem Osten von der überaus schlechten Aufnahme, mit welcher sich der russische Staat in ihr eifriges Streben, sich in eine, sprachliche, gesellschaftliche und Gefühlseinheit mit der in diesem Reiche herrschenden Nationalität zu verschmelzen, fand. Dieses letztere bezieht sich nicht aus die Russisch-Polen bewohnenden Juden, aber in anderen Provinzen; .wer nicht mit eigenen Augen diesem Prozeß zugeschaut, vermag sich nicht vorzustellen, was für einen interessanten und traurigen Anblick er darbot. Es war dies von einer Seite ein ungewöhnlich enthusiastisches Hinströmen der Juden zur Assimilation mit dem herrschenden Element, und von der anderen eine ebenso strenge Zurückweisung, mit welcher das herrschende Element darauf reagierte. Wenn jemand Beweise verlangen sollte, daß eine Verschmelzung der Juden mit den Nationen, in deren Mitte sie wohnen möglich sei, so fände er sie in diesem Hinströmen. Es war dies ein auffallendes, allgemeines und eine Zeitlang ein gefühlvoll aufrichtiges, bis ins einzelne vollständiges Streben. Personennamen, die Sprache, Gebräuche und Sitten, selbst charakteristische Kleinigkeiten in der Kleidung und dem Benehmen, der Körperhaltung und der Betonung der Stimmen, wurden möglichst nachdrücklich akzeptiert, verbreitet.