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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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zu. sprechen, kann Rußland den Ternpel der Freiheit nicht ' betreten, „solange es die Juden auf ein bestimmtes Niederlassungsgebiet beschränkt". Beseitigt Rußland jedoch diese Schranke, beziehungsweise gewährt es den Juden Gleichberechtigung, so würde das der. tödlichste Schlag sein, der jemals gegen das Judentum als Nationalität geführt worden, denn bald würde „in jedem. Ghetto ein eifriger russischer, Patriotismus aufleben und die Assimilierung ihr Werk beginnen." Der Umstand, daß die Erhaltung des Judentums die Welt nichts angeht, erspart den ehrlichen Juden ein unwürdiges Appellieren an die Welt. Wie könnten sie sich auch an das Erbarmen wenden, solange sie selbst sich nicht-um die Lösung der Judenfrage bemüht haben? Ihre besten und stärksten Elemente sollten sie führen; die aber „werden von den höheren Berufen und von den. Vergnügungen des-Milieus in Anspruch genommen (selbst in Rußland können die Abtrünnigen, selbst in Rumänien die Reichen es sehr weit bringen), und die wenigen, die als Führer übrigbleiben, führen meist der Vernichtung entgegen." Man darf jedoch nicht einwenden, daß es unter solchen Umständen am einfachsten wäre, die Juden ihrem Schicksal zu überlassen, denn unter allen Beschränkungen und Bedrückungen leiden die'Armen, nicht die Reichen. Der Philosoph mag die Aufsaugung des Judentums ebenso wünschenswert finden wie die Wiedergeburt, aber in der Praxis sind es die Schwächsten, die die Lösung durch Auflösung am schwersten belastet. Und hierbei ist zu bedenken, daß, während die höheren Klassen des Judentums hinter den Klassen, die sie aufsaugen, zurückstehen, die große Ueberlegenheit seiner Massen über die Massen ihrer Umgebung, namentlich in Ruß- . land, deren Aufgehen in letztere zu. einer traurigen Entartung gestalten würde. Angesichts des Dilemmas (Entartung durch Auslösung und Auflösung durch Emanzipation) sieht Zangwill keinen anderen Ausweg als die Schaffung eines jüdischen Zufluchtslandes aus Grund örtlicher Selbständigkeit— ein Gebiet, das „im Lause der Jahrhunderte alles wahrhaft Jüdische an sich ziehen würde". Und wenn die Welt auch nicht die ethische Verpflichtung hat, die Schaffung eines solchen Landes in die Hand zu nehmen, so sollte es geschehen, damit sie die Judenfrage loswerde. Für die alte Welt wäre das ein großer politischer Segen, denn damit wäre manche friedensstörende Eifersüchtelei beseitigt, und die neue könnte durch das Aufblühen einer bedeutenden Kolonie ebenfalls nur gewinnen. Professor Louis Großmann aus Chicago protestierte lebhpft gegen die antisemitische Ansicht, die Juden stünden niedrig; im Gegenteil, sie stehen so hoch wie irgendein hochstehendes Volk. Er lehne es ab, über die schlimme Lage der Juden in manchen Staaten Klage zu führen. Er wolle sich darauf beschränken, zu betonen, daß das Judentum das Menschheitsideal mehr im Auge habe als seine persönlichen Interessen. Wichtiger als seine privaten Kümmernisse sei ihm die Schmach, die dem Menschengeschlecht zugefügt werde durch den andauernden Haß, der so viele führende Männer des Abendlandes erfüllt. Die Juden werden sich nicht wieder, wie sie 1848 getan, demütigen, indem sie um eine verfassungsmäßige Formel betteln, die sich nachträglich ja doch' als eine leere Phrase erweisen würde. In den Vereinigten Staaten sind die Juden durchaus frei, und das gereiche ihnen nur zum Vorteil; aber auch die Amerikaner ziehen Nutzen aus der Verjüngung des prophetischen Geistes, der Israel noch immer beseele. Dieser Geist habe dem Rassenkongceß seinen Anreger und geistigen Führer gegeben: Professor. Dr. Felix. Adler. Der Jude Bloch sei der geistige .Urheber der Haager Friedenskonferenzen gewesen. Der Jude Lubin habe das internationale Landwirtschaftsinstitut geschaffen. Und so weiter. „Als Nachkommen von Sehern und Priestern machen die Juden Anspruch auf Kultur, Gedankenfreiheit, Handlungsfreiheit, Freiheit des sittlichen Einflusses; aber sie werden diesen Anspruch. nicht kämpfend durchsetzen, sondern durch Festhalten am Geiste der Wahrheit." Geistvoll und witzig war die Ansprache des Oberrabbiners der spanisch-portugiesischen Inden Englands, Dr. M. Gaster,' der — nebenbei bemerkt — auch als Folklorist hervorragt. Er betonte vor allem, die Bedeutung des Rassenkongresses liege in erster Reihe darin, daß er alle Völker zusammenbringen und die zwischen ihnen herrschenden Unterschiede, die sich im Laufe der Zeit durch Umgebung, Ueberlieferung, Religion, Sitten und Gebräuche herausgebildet haben, überbrücken wolle; er suche den heiligen Gral — „die heilige Seele, jenes göttliche Element im Menschen, jene einzige .Himmelsgabe, welche sämtlichen Menschengemeinsam ist." Ein Hauptruhm der jüdischen Tradition sei, daß sie nur einen-Mann erschaffen und von ihm die ganze Menschheit äbstammen läßt; daher sei eine Tagung, die die ganze Erde zu fortschrittlichen, kulturellen, freiheitlichen und ethischen Bestrebungen vereinigen möchte, gerade von den Juden besonders freudig zu begrüßen. In der -alten Götterlehre finden wir die Sage, daß, nachdem Gott eine Welt voll Licht und Liebe geschaffen hatte, der böse Geist sich neidisch in den Himmel schlich und etwas von dem schönen Glanz stahl, um es auf der Erde umherzustreuen. Um die Wiedervereinigung der göttlichen Funken zu verhüten, vermischte er sie mit dem von ihm erzeugten Lehm. „Diese Funken sind die Menschenseele, die sich bemüht, aus dem Lehm herauszudringen, um sich mit den anderen zur Flamme der göttlichen. Liebe zu vereinigen." Der Kongreß sei ein Versuch, mit Hilfe dieser Flamme die Menschheit zu verbünden. Zu denjenigen Funken, die noch immer in der Welt umherirren, gehöre das Volk Israel, dessen Verhältnis zur übrigen Menschheit an das des Radiums zu den anderen Elementen erinnert: „Klein an Umfang, aber mit gewaltigen Möglichkeiten ausgestattet; leuchtend, glänzend, strahlend, zuweilen reizend, viel öfter aber heilend und reinigend." Wenn das Judentum nun die Gesamtheit der Nationen radioaktiv beeinflusse, so hege es dennoch den Wunsch, daß sein Radiumgehalt nicht wie der der Pechblende erst durch Zerstampfen und Zerstäuben beträchtlicher Erbmassen erlangt werde. „Wir würden es vorziehen, einen großen Sammelpunkt zu haben, wo wir unsere Lebenskräfte ungehindert entfalten und ein für die Welt sehenswertes Zentrum jüdischen Lebens schaffen könnten. Wieviel größer würde der Nutzen sein, den die Gesamtheit aus der sittlichen und geistigen Tätigkeit der Juden ziehen könnte, wäre der jüdische Genius in der Lage, sich frei zu entfalten. Der Wiener Zionist Dr. Ignaz Zollschau sagte, daß die Juden zu den wenigen Völkern gehören, die durch eine besonders lange Vergangenheit ein weit größeres Geisteskapital angehäuft haben als die meisten anderen Nationen, und daß dieses, wenn gut verwaltet, dereinst nicht nur ihnen selbst, sondern auch der ganzen Menschheit noch hohe Zinsen abwerfen könne. Leider hemmen die Politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie vielfach, namentlich im Osten, leben, gar sehr ihre freie Entwickelung, während sie in den günstigeren Verhältnissen des Westens von Mischheirat und allmählicher Abnahme des Rassentriebes bedroht sindi Zur Verhütung des Unterganges sei die Ansiedelung in Palästina unter ottomanischer Oberhoheit unerläßlich. Da es im Interesse der Gesamtheit liege, daß eine so hochentwickelte Völkerschaft erhalten bleibe, sollte der Kongreß die Juden m ihren Bemühungen um die Erreichung dieses Zieles moralisch unterstützen. „Ueberdies könnte kein anderes Volk die Kluft; zwischen Ost und West so gut Überdrücken wie diese an das 1 Leben und die Anschauungen des Westens gewöhnten Orien- talen, die beide Teile zu verstehen vermögen."

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