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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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kongreß 1910 und sogar im internationalen Frauenkongreß für Stimmrecht der Frauen im Jahre 1911. #■ Der vorstehenden Skizze, die ich im wesentlichen (freilich mit einzelnen Abkürzungen und Zusätzen) einer Abhandlung des Hauptpastors Fries in Stockholm, des ersten protestantischen Geistlichen Schwedens entnommen habe — der Artikel war bei Kleins 50. Geburtstag 1902 geschrieben — habe ich wenig hinzuzusügen. Die Leser der Allgemeinen Zeitung des Judentums kennen aus zahlreichen Artikeln Kleins wissenschaftlichen und religiösen Standpunkt. Unter den jetzt lebenden Rabbinern ist er einer der gelehrtesten und einer der mutigsten. Seine Gelehrsamkeit hat er durch tiefgründige Werke bewiesen, zahlreiche Abhandlungen sind teils in jüdischen, teils in christlichen Zeitschriften erschienen, sie können ebensowenig wie die zahllosen Artikel in Zeitungen, die besonders gedruckten Vorträge und Predigten hier im einzelnen ausgeführt werden. Von seinen bedeutenden Büchern seien nur genannt: Vater unser, Stockholm 1905, (schwedisch); Der älteste christliche Katechismus Berlin 1909 (Adolf Harnack gewidmet); Ist Jesus eine historische Persönlichkeit (schwedisch) Stockholm 1910, (deutsch) Freiburg 1910. Er bekundet in diesen Arbeiten in erfreulichster Weise wissenschaftliche Unerschrockenheit, die mitunter vor gewagten Hypothesen nicht zurückschreckt und den Mut des Fehlens zeigt, der einem wahrhaften Gelehrten anstcht. Er ist ausgestattet mit einem reichen wissenschaftlichen Rüstzeug und hat insbesondere aus Grund der Forschungen Abraham Geigers, aber diese Arbeiten vertiefend und ausdehnend, in einer selbst von Andersgläubigen und Gegnern höchst anerkannten Weise die Zusammenhänge von Judentum und Christentum und die Abhängigkeit des letzteren von dem ersteren nachgewiesen. Er ist zugleich einer der mutigsten unter seinen Amtsgenossen. Er hat ohne Scheu die Konsequenzen seiner Ueberzeugung gezogen. Denken und leben ist bei ihm eins. Allen Angriffen zum Trotz, nur der inneren Stimme folgend, hat er die Vorschriften, die er anderen gab, zuerst selbst befolgt. Er ist ein Reformer im schönsten Sinne des Wortes, der, ohne den Zusammenhang mit der Tradition außer acht zu lassen, das Judentum mit den Anforderungen des modernen Lebens zu vereinen bemüht ist. Er steht fest auf dem Boden des Prophetismus und tritt mit warmer Begeisterung für die Aufgaben der jüdischen Religion in der Zukunft ein. Es fei gestattet, mit einem persönlichen Gedenkwort zu schließen. Seit dem Jahre 1872, seit 40 Jahren, darf ich Klein zu meinen persönlichen Freunden zählen. So lange er in Berlin lebte, war er mir ein treuer Weggenosse, seitdem er mit einer mir von Jugend auf befreundeten Frau verbunden ist, hat sich das enge Band nur fester und inniger geknüpft. Vermag ich auch nicht in allen Einzelheiten als Fachgenosse seinen Untersuchungen zu folgen, so bin ich doch imstande, seine Gelehrsamkeit, seine logischen Schlüsse, seinen Feuereifer, seinen hohen Idealismus aufs wärmste anzuerkennen. Ich freue mich des Menschen und seiner Tüchtigkeit. Wenn das Wort richtig ist, daß man erst in schwierigen Situationen den Freund erkennt, so darf ich dies Wort auf ihn anwenden. Wir haben uns erprobt, ich habe ihn stets treu gefunden. Möge auch fernerhin fein unermüdliches, erfolgreiches Wirken die besten Früchte für unsere Gemeinschaft tragen, möge es ihm vergönnt sein, sich frischer Arbeitskraft noch lange zu erfreuen und ungebeugten Mutes vorwärtszustreben. erfreuen und ungebeugten Mutes vorwärtszustreben. Bit Iudknkrsge auf dem Mllenlroirgreh. Ein objektives Referat von Leopold Kätscher (London). (Fortsetzung und Schluß.) Uud wenn der Jude in seiner seltsamen Polarität mit. dem zähesten Festhalten all seiner Vergangenheit das denkbar bereitwilligste Aufgeben derselben verbindet, so beweist er damit wahrscheinlich „die verhältnismäßige Oberflächlichkeit aller menschlichen Unterschiede". Wären die Völker, unter denen er lebt, grundverschieden, so könnte er sich ihnen wohl kaum so leicht anpassen. Der alte Glaube an eine abgrundtiefe Kluft zwischen den Rassen und Nationen hat sich überlebt, und jedes einzelne Volk ist ein Gemisch von Rassen. Die Juden sind zwar wesentlich „weiß", aber sie entbehren auch nicht eines gelben, braunen oder schwarzen Anstrichs; hierher gehören die indischen Bni-Jsrael, die abessinischen Falascha, die Judengemeinde von Kai-Fang-Fu in China, die Judeos in Loango, die schwarzen Israeliten von Kotschin, Fernando Po, Jamaika und Surinam, die Daggatun und andere kriegerische Nomaden in den Wüsten Nordasrikas. Nur weil der Jude ein „Durchschnittsmaß der Menschheit" darstellt, war er imstande, all ihre Verkörperungen mitzumachen und sich in jeder Umgebung daheim zu fühlen. „Er ist der Pfadfinder, durch den die richtige Nassentheorie erfahrungsmäßig dargetan wurde." Zangwill erklärt das Bestreben Theodor Herzls, diesem „Strandgut der Weltgeschichte" eine politische Organisation an einem einzigen Orte zu geben, für weit schwieriger als die zwölf Taten des Herkules. Selbstverständlich legt er als Führer der „Jtä" die Undurchführbarkeit der politischen Ziele des Zionismus dar, insbesondere auch soweit Palästina in Betracht kommt. Bezüglich seiner eigenen Bewegung („Territorial") erwähnt er, daß sie noch immer ein wirklich erreichbares Gebiet sucht und augenblicklich mit der Regierung von West-Australien unterhandelt; doch sei eine baldige Verwirklichung seiner Absichten nicht zu erwarten. Sicher aber sei, daß das jüdische Volk dadurch, daß es angesichts der römischen Legionen den Kanrpf um die Politische Selbständigkeit aufgab, um sich spiritueller Vereinsamung und wirtschaftlicher Symbiose hinzugeben, das Geheimnis der Unsterblichkeit und der ewigen Beweglichkeit entdeckte. „In der Diaspora wird der Antisemitismus stets der Schatten des Semitismus sein", denn „das Gesetz der Abneigung gegen das Ungleiche wird ewig bestehen". Während nun das Ungleiche in der Regel ziemlich entfernt ist, wird es von den Juden in jedes Milieu hineingebracht, so daß sie eine Grenze zu verteidigen haben, die die ganze Welt umfaßt. Selbst an den verhältnismäßig friedlichsten Punkten des Kriegsschauplatzes hören die Reibungen und Spannungen nie auf und tragen zur Isolierung bei. Immerhin aber dürfte, trotz aller Ausmerzung durch Verfolgungen und aller Verschmelzung durch Brüderlichkeit, dauernd ein Kern übrigbleiben, der die Fortpflanzung „dieses ewigen Typus", ermöglicht. „Aber welch betrübende Unsterblichkeit!" Die Welt habe nicht die Pflicht, das Judentum als Volk oder als Religionsgemeinde zu erhalten; auch hätte eine künstliche Erhaltung keinen Wert. Seine Rettung müsse von innen heraus kommen. Die Welt sei bloß verpflichtet, ihre mühsam errungenen ethischen Ideale zu erhalten, die großenteils unter jüdischem Einfluß entstanden sind. Die Kultur sei nicht berufen, die Juden zu retten, wohl aber müsse sie sich selbst retten, während sie durch deren jetzige Behandlung sich selber der Vernichtung überljefere. Rußland zum Beispiel vergeude durch die geographische und industrielle Eindämmung der jüdischen. Tätigkeit angesichts seiner ungeheuren Bauernbevölkerung eines seiner wertvollsten volkswirtschaftlichen Aktiva. Um,mit dem bekannten „Kadetten"führer Roditschew

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