Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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- 76 •-—^- - - Kiew, 10. Februar. Die Mordaffäre Justschinski zieht nach den Enthüllungen des Korrespondenten Brasul Bruschkowski immer weitere Kreise. Jetzt ist auch die ehemalige Geliebte des mutmaßlichen Mörders Misle, die als Hauptzeugin gegen ihn auftrat, als Beteiligte am Morde bloßgestellt. Eine gewisse Frau Malitzkaja, die zur Mordzeit unterhalb der Tscheberjakowa wohnte, hörte durch die dünne Zimmerdecke am Tage des Verbrechens ein sehr verdächtiges Geräusch mehrerer geschäftig hin und her gehender Personen und das erschütternde Schreien eines Kindes. Es wurde weiter sestgestellt, daß in der Wohnung der Tscheberjakowa nach dem Mordtage blutgetränkte Lappen gefunden wurden, die man in die Müllgrube warf und mit Sand bedeckte. Außer den durch die ersten Enthüllungen bloßgestellten Personen sind.jetzt noch zwei Männer namens Münze'e» lewsky und Ladischew dringend des Mordes verdächtig. Gottlieb Mein. Zum 60. Geburtstag. ottlieb Klein ist in Homouna in Ungarn-am 18. Februar 1852 geboren. Nachdem er in seiner Vaterstadt die Talmudschule und die gewöhnliche Volksschule durchgemacht hatte, verließ der wissensdurstige Knabe das altspruchsloser Elternhaus, das auch in ökonomische Beziehung den Sohn fernerhin nicht mehr unterstützte. Mit einer ganz ungewöhnlicheil Kraft gestaltete er sich'unter den schwersten Eiltbehrungen sein ferneres Leben. Zunächst genoß er in Eisellstadt eure Zeitlang den Unterricht Hildesheimers, kaul danil nach einer mituilter abenteuerlichen Fußwanderung, bei der er mit allerlei Not und Mühsal zu kämpfen hatte, nach Mainz, 1868—1870, lnld studierte in Heidelberg. 1871. Durch sein " offenes, liebenswürdiges Wesen gewann er sich überall Gönner und Freunde und hatte das Glück, diese Jugendbeziehungen zu Lebensverbüldungen zu festigen. Die Hauptgrruldlage zu seinem reichen Wissen und die Stärkung in der schon während seiner Jugend gewonnenen freisinnigell Ueberzeugnng legte er in Berlin, wo er 1870—1874 Semitica und Philosophie bei berühmten Lehrern, wie Abraham Geiger, Dillmanll, Schräder, Zeller und Steinthal hörte, von denen namentlich der an erster Stelle und die an den beiden letzten Stellen Genannten den größten Einfluß aus den jungen Gelehrten gewannen. Erst 23 Jahre alt, erhielt er die philosophische Doktorwürde. 1877 wurde Klein Rabbiner in Schüttenhofen in Böhmen, 1879 in Elbing und kam 1883 nach Stockholm, wo er nunmehr seit fast 30 Jahren mit dem größten Erfolg, mit außerordentlichem Einfluß aus seine Glaubensgenossen und Andersgläubige wirkt. - Er verstand es bald, sich an seine neue Heimat und an die bisher fremde Sprache zu gewöhnen, und beherrscht die letztere vollständig. Berufungen an andere Rabbinate, zum Beispiel ' nach Saaz und Danzig, lehnte er ab. Als Rabbiner wirkte er durch seine Predigten und durch Religionsunterricht, begnügte sich aber nicht mit dieser anstrengenden Tätigkeit, sondern veröffentlichte viele gelehrte Arbeiten und zeichnete sich besonders durch Vorlesungen aus, die er vor einem wissenschaftlichen Publikum hielt. Unter diesen sind besonders die Reden, die er auf dem Orientalistenkongreß in Stockholm 1889 (über das Buch Judith), aus dem religionsgeschichtlichen Kongreß ebendaselbst 1897 (über Moral und Religion) und auf dem gleichen Kongreß 1900 (über Effäer und Christentum) hielt, von hervorragender Bedeutung. Nicht weniger der Vortrag aus dem Orientalistenkongreß in Hamburg 1908 (über Daniel und die Apokalypse des Johannes). Seine Rede bei dem Bankett des religionswissenschastlichen Kongresses 1900 aus dem Eiffelturm in Paris ist durch ihren Geist und durch ihre Wärme eine solche, die von denen, die die Freude hatten, sie mit anzuhören, nie vergessen . " werden wird. Er trat mit dem nun verstorbenen König Oskar von * Schweden, der eine besondere Neigung zu philosophischen und religiösen Spekulationen besaß, in eine sehr enge Verbindung. Als Ausdruck der gnädigen Gesinnung des Königs erhielt Klein den Wasa-Orden, später den Nordstern-Orden, Medaillen, eine herrliche Bibel mit Inschrift des Königs, dessen Photographie mit seiner Unterschrift und manche Bücher aus seiner Bibliothek. Im Jahre 1897 empfing er Titel und Würde eines Professors. . Seit dem Jahre 1879 ist Klein mit Toni Levy, der Tochter des bedeutenden Orientalisten M. A. Levy in Breslau, in glücklicher Ehe verheiratet und erfreut sich einer Reihe blühender Kinder und Enkel. Gottlieb Klein, eine ernste und wahrhaft religiöse Persönlichkeit, umfaßt mit tiefster Ueberzeugnng die Religion, in der er geboren und erzogen ist. Er ist deren bedeutendster Vertreter in Schweden, aber er sieht die Zukunft dar Religion nicht in einer sklavischen Bewahrung der alten Vorschriften, sondern will sie vor einer Versteinerung bewahren. Klein nimmt den orthodoxen Anschauungen gegenüber ungefähr dieselbe Stellung ein, die die Anhänger des Neuprotestantismus in der christlichen Kirche beu sogenannten alt - orthodoxen Lehranschauungen gegenüber . wahren. Diese Ähnlichkeit, die nicht nur formeller Naiur ist, sondern ein tief reelles s Gepräge enthält, hat Klein in sehrnahe Beziehungen zu verschiedenen Vertretern der Staatskirche gebracht die ebenso wie er von lebhaftem wissenschaftlichen Interesse für die Religionsforschung erfüllt sind. Welchen Einfluß de rege Gedankenaustausch mit ihnen auf ihn geübt hat, wage ich nicht zu erörtern, dagegen will ich für meine eigene Person durch diese Zeilen öffentlich meine eigene große Dankbarkeit bezeugen für viele wissenschaftliche Anregung, die ich von ihm erhalten habe, besonders in der Richtung, daß, wenn man die Genesis des Christentums historisch recht verstehen will, man nicht unterlassen darf, die Entwickelung des. rabbinischen Schrifttums zur Zeit Jesu zu studieren.; Der jüdischen Gemeinde in Stockholm sind wir also zu Dank verpflichtet, daß sie uns einen solchen Rabbiner zugesührt hat,- und es gereicht zugleich dieser Gemeinde zur Ehre, daß nichts vermocht hat, Professor Klein von seinem neuen Vaterlande und seinem Wirken in der Hauptstadt dieses Reiches zu entziehen. Klein nimmt im geistigen Leben Stockholms eine ganz außergewöhnliche, hochbedeutende Stellung ein, sein Name muß überall bei öffentlichen Gelegenheiten, wie Kongreffen usw. als der eines Komiteemitgliedes stehen, so beim Friedensj)rofessör Dr. G. Rlein Rabbiner geb. 18. Februar 1852.