Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. In der „Frauen-Nundschau" finden wir einen trefflichen Artikel von Henriette Fürth: Z i o n i s m u s o d er Deutschtum, der, da er unseren oft vorgetragenen Anschauungen entspricht, auch unseren Lesern mitgeteilt zu werden verdient. Er lautet: In Nr. 21 der Frauen-Nundschau, Jahrgang 12, befindet sich, ein kleiner Artikel über „Die Stellung der Frau im sozialen und politischer Leben der Juden". Die sachgemäße Behandlung dieser Frage wäre ebenso interessant wie dankenswert. Sie wird aber in dem vorliegenden Aussatz überhaupt nicht versucht. Zionistische Propaganda auf der'einen und in logischer Folge eine bewußte Abkehr vom Deutschtum auf der anderen Seite, das ist mehr als bedenklich und darf nicht unwidersprochen bleiben, damit man nicht in diesen einzelpersönlichen Auslassungen ein allgemeines Echo jüdischen Wollens und Empfindens erblicke. Wir wollen den Zionismus nicht schelten. Das heißt jenen Zionismus, der den unglücklichen und gehetzten, den im schlimmsten Sinne heimatlosen Juden des östlichen Europa eine Freistatt schaffen, eine Heimstätte geben will. Aber wir lehnen es ab/ wenn da gesagt wird. daß die in Basel zum Zionistentag Versammelten nicht Engländer. Franzosen, Deutsche oder Amerikaner, sondern Juden waren. Aber meinetwegen. Mag es für jene gelten. Wer sich selbst außerhalb des Vaterlandes stellt, hat das Vaterland verwirkt. Wir andern aber protestieren. Protestieren auch dagegen, daß da der Wunsch ausgesprochen wird, eine besondere Judensprache zu schaffen, das Hebräische, das im Orient wieder Umgangssprache geworden sei, in dieser Eigenschaft aus deutschen Boden zu überpflanzen. Wir sind Deutsche. Wollen Deutsche sein und bleiben. Man versagt uns heute noch einen Teil unserer Bürgerrechte. Wir teilen dies Schicksal mit andern sogenannten Vaterlandsfeinden. So wollen wir gleich ihnen um unser Recht kämpfen und nicht eher ruhen, bis wir nicht nur äe furo, sondern cto facto gleichberechtigt sind. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nichts anderes als Deutsche sein. Denn wir sind ja nicht etwa nur darum Deutsche, weil wir in Deutschland wohnen. Wir sind Deutsche, weil uns die deutsche Erde hervorgebracht hat. Weil wir deutsche Lust atmen. Weil das Brot, das wir essen, aus deutschen! Boden wuchs, das Wasser, das wir trinken, aus deutschen Quellgründen sprudelte. Und sind Deutsche, weil wir Deutsch reden und denken und fühlen, weil das Brot unseres Geistes und Gemütes und weil alles, was uns das Teuerste ist, gleichfalls deutschem Boden entsproß. Auch für uns ward gesungen: „Was ich bin und was ich habe, dank ich dir, mein-Baterland!" Das wollen und das werden wir uns nicht nehmen lassen. Nicht von den Antisemiten und auch nicht von den Zionisten. Mögen doch jene, die sich,vaterlandslos fühlen, immerhin nach Palästina gehen. Aber sie sollen es auch endlich einmal nicht nur sagen, sondern auch tun und uns andere " von dem immer wiederkehrenden Borwurf befreien, daß wir ja gar nicht Deutsche sein, daß wir einen Fremdkörper, einen Staat im Staate bilden wollen. „ ' . . Wir sind Deutsche. Deutsche jüdischen Glaubens oder mindestens jüdischer Abstammung. Ebenso wie es Deutsche mit wendischem, sla- N'ischem, keltischem und romanischem Einschlag gibt. Der reine Germane-dürfte in Deutschland ungefähr ebenso selten sein, wie der reine Semit. Auch gibt es eine Fülle germanischer Völkerschaften, die ganz und gar keine Deutschen sind. Nicht nur da oben im Norden. Nicht nur in Angelsachsen. Die Flutwelle der Völkerwanderung hat bekanntlich das Germanentum bis hinunter ins südliche Italien,und über die Phrenäenhalbinsel hinüber ins nördliche Afrika gespült. Als Deutsche aber begreifen wir heute die gleichsprachige Volksgemeinschaft, die, ans räumlich abgegrenztem Gebiet eingesessen, die tellurische, atmosphärische und damit die wirtschaftliche und geistige Einwirkung und Entwicklung von Jahrhunderten zu einer Einheit zusammengeschweitzt hat. Dahinein gehören wir Deutsche jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung, ganz genau so wie die Katholiken, Protestanten, Sekten und Freidenker. Genau so wie die ehemaligen Slawen, Kelten oder Romanen, oder etwa die Refugies des alten Fritz.. Aus diesem Zusauunenhang könnten wir uns nicht lösen, selbst wenn wir es wollten. Aber in diesem Zusammenhang haben wir auch die sogenannte Assimilation gar nicht nötig. Wir brauchen uns nicht anzugleichen und wrr brauchen nicht unterzugeheu. .Das was uns sichtbarer durch die Kultgemeinschaft heraushebt, ist in seinem Minusbestandteilen ein Ueberrest und. ein Rückschlag auf den Druck und die Unfreiheit von vielen Jahrhunderten. Dasj was uns etwa auszeichnet, mögen wir. ruhig bewahren. Es lvird in seinen Ausstrahlungen unser gesamtes deutsches Volk'bereichern. Ja, wir dürfen ruhig sagen, es hat unser Volk bereichert. Jüdischer Fleiß und jüdische Tüchtigkeit, das „jüdische Herz", d. h. die jüdische Hilfsbereitschaft und Hingebungsfähigkeit an das Allgemeine, haben an ihrem Teil'Deutschlands Größe' schaffen Helsen. Nicht ausgesondert, sondern im Rahmen und im Dienst des Ganzen. So se?s geendet. Mögen die Zionisten den entrechteten Juden des europäischen Ostens eine autonome Heimstatt' erobern. Wir wollen ihnen dabei Helsen. Und mögen alle Juden, denen danach zu Sinn-ist, sich weiter in die Schätze und unvergänglichen Offenbarungen hebräischen Schrifttums vertiefen. Wir können das'nur begrüßen, und zwar nicht nur vom jüdischen Standpunkt aus) sondern im Interesse der allgemeinen kulturellen Entwicklung und Kulturpflege. Alles das soll und darf uns aber nicht vergessen unachen, daß wir ein Vaterland haben, dem lvir in Treue dienen und das wir ganz für uns und für unsere Kindererobern wollen. Erobern nicht als Herrscher, sondern als Würger, als Gleiche unter Gleichen. Wir haben berichtet, daß in Leipzig eine Dozentur für Wissenschaft des Judentums begründet worden ist, und daß zum 11. März der preußischen Regierung Mittel dargeboten werden sollen, eine Professur an einer preußischen Universität zu begründen. Jetzt wird gemeldet: ' Die ungarische Regierung tragt sich schon lange mit dem Gedanken, an der Pester Universität einen Lehrstuhl für Talmud und talmudische Literatur zu errichten. .Die. Verhandlungen stießen ursprünglich in den Kreisen des hohen Klerus auf Widerspruch. Nun sind diese Verhandlungen so weit gediehen, daß die Vereinbarung getroffen wurde, anstatt einer Lehrkanzlei zwei solche für Talmud zu schaffen, sind zwar eine in der katholisch-theologischen Fakultät und die zweite in der philosophischen Fakultät. Die maßgebenden Kreise haben sich auch bereits auf die Personen der für diese Disziplin zu berufenden Gelehrten geeinigt. Demnach wurde für die talnmdische Lehrkanzel in der katholisch-theologischen Fakultät der Jesuitenpater Professor Leopold Huber, gegenwärtig Lehrer am erzbischöflichen theologischen- Seminar in Kolocsa, und. für die philosophische Fakultät der Professor für Talmud am Pester Räbbinerseminar, Dr. Ludwig Blau, in Aussicht genommen. : Beide Lehrkanzeln sollen zu Beginn des nächsten Schuljahres inauguriert werden. . Auch in Griechenland regt -sichs unter den Jüden: Aus Athen wird der „N. I. K." gemeldet: Im nächsten. Frühjahr findet hier .ein Kongreß der jüdischen .Gemeinden Griechenlands statt. Die Zahl der Juden des Königreichs wrrd auf etwa 8000 Seelen geschätzt; die bedeutendsten Gemeinden sind die in Trikala, Korfu, Larissa, Volo und Athen. Eine jüdische Schule gibt es bloß in Larissa. Dieselbe wird von der Regierung subventioniert. Obwohl die Juden Griechenlands in ihren Reihen eine ansehnliche Zahl wohlhabender Personen zählen, ist doch infolge des allgemeinen Jndifserentismus allem Jüdischen gegenüber im ganzen Lande kaum eine nennenswerte jüdische. Institution vorhanden. So z. B. gibt cs selbst in Athen keine einzige jüdische Schule. Wohl hat der Präsident der jüdischen Gemeinde Athens, Herr Constantinides, vor Jahren 600 Pfund für die Errichtung einer Synagoge samt Schule gespendet, doch konnte man den Bau bis heute nicht in Angriff nehmen, angeblich, weil das Zentralkonsistorium, auf dessen Namen die Gebäude eingetragen werden müßten, seit vielen Jahren aufgelöst ist, ohne daß eine Neuwahl vorgenommen wird.— Aus dem gleichen Grunde ist es unmöglich, die Gemeindemitglieder zu besteuern, da eine solche Besteuerung der Genehmigung, des Parlaments auf Grund einer Eingabe des Konsistoriums, bedürfte. Diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, ist eben der geplante Gemeindekongreß, berufen, für den sich im ganzen Lande — auch unter den.Nichtjuden. — lebhaftes Interesse kundgibt. , ■ In Verfolg früherer Mitteilungen bringen wir aus Rußland folgendes Telegramm, das dem Hilfsverein der deutschen Juden, zugegangen ist: