Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der sechste Abschnitt „Die letzten Geschehnisse" wird dazu: verwendet, darzulegen,; daß der Einheitsgedanke die Juden retten kann. .. ' - . Der zweite Teil ist überschrieben: „Die Persönlichkeit". Hier wird begeistert über Theodor Herzl, nicht minder enthusiastisch über Nordau geredet. Daran schließt sich ein Abschnitt „Die schöpferische Kritik", der ausführlich über K. Marx, F. Lassalle, M. Heß, kürzer über viele andere Schriftsteller wie Birnbaum,. Zollschan handelt. ' Die folgenden Abschnitte: „Die deutsche Judenliteratur", „Die jüdische Kunst und Wissenschaft" sind von unglaublicher Dürftigkeit und legen nur ein bedauerliches Zeugnis von der trostlosen Unkenntnis des Verfassers ab. Endlich in einem dritten Teil': „Die Forderung" stellt der Verfasser seine Thesen auf. Es sind sechs, die folgendermaßen lauten: ,,a) die Judensrage ist eine Landfrage, Ziel der Bewegung: Palästina; b) die Judenfrage ist die Frage der Wanderung, Ziel: die Länder niedrigeren wirtschaftlichen Druckes; c) die Judenfrage ist eine Kulturfrage- - Ziel: die jüdische Kultur; d) die Judenfrage ist die Frage der Abwehr, Ziel:' die soziale und wirtschaftliche Gleichstellung der Juden in allen Ländern; e) die Judenfrage ist eine soziale Frage,. Ziel: die wirtschaftliche Organisation der Juden; f) die Judenfrage ist eine Geldfrage, Ziel: das gemeinsame jüdische Finanzinftitut." Fast alles in diesen Thesen ist grundfalsch. Die letzte ist geradezu verbrecherisch und beweist, daß diese Anschauung die schlimmsten Gefahren für unsere Gesamtheit bietet. Mit einer Geldfrage hat die Judenfrage überhaupt nicht das allermindeste zu tun. Von einer Anfiedlung in Palästina kann überhaupt für vernünftig Denkende gar keine Rede sein; von einer speziellen jüdischen Kultur, wenn es sich nicht dabei um eine Aufklärung über das Wesen des Judentums handelt, von dem der Verfasser keine Spur des Verständnisses besitzt, kann absolut keine Rede sein. Für uns Juden gibt es außer dieser Erkenntnis des Wesens des Judentums nur eine Kulturfrage, das ist die Kultur des Landes, in dessen Boden wir wurzeln. Das einzige, ^worin'wir allenfalls mit dem Verfassergleiche Wege einschlagen können, ist das, daß die Jüdenfrage eine Abwehrfrage ist. Das Buch ist unklar, ungeordnet, unreif. Das einzige, was klar daraus hervorgeht, ist, daß der Verfasser und' mit ihm viele andere Zionisten, mit dem Judentum als Lehre, als Religion gebrochen hat, und daß' er ein überzeugter Sozialist ist. Das sollten sich zunächst unsere Orthodoxen merken, die, um den bösen Liberalen entgegenzutreten, mit den Zionisten liebäugeln und mit ihnen, die doch eigentlich ihre aller- . schlimmsten Feinde sind, gelegentlich Hand in Hand gehen. Wir liberalen deutschen Juden, die wir uns aus den Anwürfen des jugendlichen Verfassers und seiner Parteigänger herzlich wenig machen, stehen in allem, und'jedem auf völlig entgegengesetztem Standpunkt. Wir leugnen, daß die Juden eine besondere Rasse sind, und es bleibt uns unbegreiflich, daß der Verfasser und seine Genossen diese abgetane Theorie noch ernst nehmen. Wir' leugnen, daß die Juden eine Nation sind. Das zu sein haben sie aufgehört, seitdem sie aus Palästina entfernt' und in alle Länder zerstreut sind. Die Juden sind ganz allein eine Glaubensgemeinschaft und wollen nichts anderes sein. Wir leugnen, daß das Heil der Juden in der allgemeinen Auswanderung besteht. Wir betrachten es allerdings als die Aufgabe der Zukunft, diejenigen östlichen Juden, die in ihrer Heimat unglücklich sind, nach anderen Ländern, nur nicht nach Palästina, zu geleiten, den Juden in den westlichen Ländern dagegen volle staatsbürgerliche Freiheit und uneingeschränktes gemeinsames Wirken mit ihren andersgläubigen Genossen zu ermöglichen. Die Mochr. Berlin, 13. Februar-1912. je Erregung über die Wahlen ist zu Ende. Die merkwürdigen Vorgänge der der Präsidentenwahl im Reichstag haben für unsere Leser kein spezielles Interesse. Nur insoweit haben wir.uns damit zu befassen, als Zentrum, aus dem Herr Spahn zum Präsidenten gewählt, worden ist, wenn er auch die eben angenommene Stelle wieder niederzulegen geneigt ist, und Konservative, die vielleicht zur Stellung des ersten Präsidenten berufen werden, sich zum Judentum stellen. Darüber enthält die „Freist Ztg? folgende bemerkenswerte Auslassung: Im September 1910 brachte die „Kreuz-Zeitung" einen Artikel, in dem es hieß: „Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß sich der antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt." Diese Ausführungen erregten damals ziemliches Aussehen und Optimisten glaubten wirklich, daß die Konservativen drauf und dran seien, ihr Tivoli- Programm zu revidieren und das Bekenntnis zum Antisemitismus wenigstens offiziell zu beseitigen. Aber es war nur. ein lichter Augenblick, in dem die „Kreuz-Zeitung" eine so vernünftige Ansicht äußerte. Gar bald suchte sie, von der „Deutschen Tageszeitung" wegen ihres rollenwidrigen Seitensprunges hart ungefähren, dem oben mitgeteilten Satze eine — im Sinne der Antisemiten — Harm-' lose Deutung zu geben. Und wie die Stellungnahme der ^„Kreuz- Zeitung" in den letzten Tagen zeigt, hat sie damals recht daran getan, sich zu. korrigieren. Denn genau so, wie wir es in einem Leitartikel im Oktober 1910 voraussagten; ist es.gekommen: Die konservative Partei ist und bleibt unter dem Drucke des Bundes der Landwirte agrarisch, sie bleibt auch antisemitisch. Ja, neuerdings hat sie diesen Charakter noch in ganz besonderem Maße und ohne die sonst übliche Verhüllung zur Schau gestellt. Es ist überhaupt eine kuriose Erscheinung, daß bei den blauschwarzen Parteien sich die Wut über den Ausgang der Neichstagswahlen mit Vorliebe in heftigen Ausfällen auf das Judentum entlädt. Daß die Nichts-als-Antisemiten das tun, ist ja verständlich, daß die Konservativen ihnen darin folgten, ist nach ihrer ganzen Haltung in der Judensrage auch nicht zu verwundern; ausfallend aber ist es immerhin,'daß auch die maßgebenden Organe des Zentrums sich jetzt offen zum Antifemitismus bekennen und daß beispielsweise die „Germania" sich in Redewendungen ergeht, um die sie sogar die „Staatsbürger- Zeitung" beneiden könnte. Woher d,iese Rückfälle in den krassesten Antifemitismus? .Sie lassen sich gar nicht anders erklären als dadurch, daß den Publizisten der Konservativen und des Zentrums in ihrer maßlosen Enttäuschung - über die bei den Haupt- und Stichwahlen fehlgeschlagenen Erwartungen auch der letzte Rest von Ueberlegung abhanden gekommen ist. Ueber bedeutende journalistische Kapazitäten mit weitern Blick und unbefangenem Urteil verfügen die blauschwarzen Brüder ohnehin nicht. Immerhin erhalten ihre Redakteure doch Informationen von ihren Parteileitungen und könnten danach über die Zusammenhänge einigermaßen orientiert sein. Sie könnten wissen, daß das Judentum an sich mit dem Verlauf der Wahlen gar nichts und der einzelne jüdische Politiker damit rächt mehr, zu tun hat als seine christlichen Kollegen von derselben Partei. Wenn trotzdem die Redakteure der konservativen und klerikalen Organe wie eine Horde." wildgewordener Rhinozerosse alles niedertrampeln, was ihnen in den Weg kommt, so ersehen wir daraus mit Vergnügen, daß es mit ihrer Fassung und ihrem Latein zu Ende ist, und daß'sie, um nur die verhaßter: Liberalen recht zn kränken, die längst veralteten Schimpfworte aus dem Lexikon der Ahlwardt und Pückler wieder aufwärmen. Die Liberalen fühlen sich aber, das glauben wir versichern zu können, durch solche Beweise sinnloser Wut gar nicht gekränkt, und.die. Juden, so vermuten wir, auch nicht. Es bleibt, weiter nichts übrig, als eine böse Blamage von Leuten, die man als leidlich vernünftig und gebildet eingeschätzt hatte, von denen man aber jetzt sieht, daß sie . im Grunde ihres Herzens und ihres Intellekts völlig wesensgleich mir Brnhä und Konsorten sind.