Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 16. Februar 1912 76. Jahrgang Nr. 7 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneinents-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen oierteljähriich 3 M. Alle Zusendungen ftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin« Tltthsrllt Georg Hecht: Der neue Jude. Von Ludwig Geiger. — IJII(Juli* Die Woche. — Gottlieb Klein. — Die Judensrage aus dem Rassenkongreß. Von Leopold Kätscher. — Der jüdische Nationalismus. Von Elise Orzeszko. — Feuilleton: Ein Dilemma Von Ludwig Klausner-Davoc. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. ■ ■ * Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Oppeln, Köslin, Hamburg, München, Hoppstädten a. d. Nahs, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah nnd Fern. Georg tzrcht: Der neue Jude? Voll L u d w i g Geiger. äre ich empfindlich, so würde ich aus persönlichen Grüudeil mich gegen das Buch weudeu, da es mich an zwei Stelleil anfemdet. Einmal wird so getan, als wäre in der Alliance JsraMte gegen mich Sturm gelaufen worden, und dabei wird in bezug auf mich und Salomon Reinach (ich befinde mich also in guter Gesellschaft) von „bemitleidenswerter Unbedeutendheit" gesprochen. An einer anderen Stelle wird von meinem Buche „Die deutsche Literatur und die Juden" gesagt, es sei in ihm „von Goethe, Schiller, Herder, Rießer, nur nicht von der jüdischen Literatur die Rede", — eine Aeußerung, die bekundet, daß der Verfasser entweder' nicht lesen kann oder nicht imstande ist, das Gelesene zu verstehen. .Da ich aber Empfindlichkeit einem jungen Manne gegenüber nicht kenne, der mein Wirken im allgemeinen und mein Eintreten für das Judentum zu beurteilen nicht in der Lage ist, so versuche ich sein Buch objektiv zu beurteilen. Herr Hecht ist Zionist und sieht in dem Zionismus die einzige Rettung für das Judentum. In einem ersten Teile „Die Zeit" stellt sich der Verfasser auf den Boden des Darwinismus^), will von der Vereinigung des biblischen Schöpsungsberichts mit der Entwickelungslehre nichts wissen und sagt von der Bibel, „die Bibel war also den Juden das Glück im Leid, die Heimat in der Ferne, sie war ihnen stete Gegenwart und zuversichtliche Zukunft. Das war sie. Jetzt aber kann sie ihnen nur noch Vergangenheit sein, die Dankbarkeit und Andacht erweckt. Der Jude muß in einer neuen Kultur seine geistige Heimat finden, um in ihrem Sinne die alte Heimat dem alten Volke aufzubauen." Diese neue geistige Kultur sieht der Verfasser in der Lehre von Karl Marx und Wilhelm Ostwald und kommt zum Schluß, „die Judenheit bedarf einer Organisation, die derart beschaffen ist, daß sie mit dein möglichst größten Nutzeffekt ihre *) Georg Engel, Verlag, Leipzig 1911. -') Auf diesen Punkt hat schon G. Klein hingewiesen, vgl. A. Z. d. I. l 911, Nr. 38, S-. 451. , geistigen, körperlichen und wirtschaftlichen Kräfte züm Zwecke der Selbsterhaltung verwendet". In einem zweiten Abschnitte „Von den Religionen und der Religion" polemisiert der Verfasser gegen den alten Unsterblichkeitsglauben, spricht einer romantischen Verklärung des Judentums das Wort, obgleich er sich gegen das Wort Romantik sträubt und setzt auseinander, daß die Welt sich der sozialistischen Gesellschaftsordnung nähere. Der dritte Abschnitt „Zur Geschichte der jüdischen Einheitsbewegung" hebt mit dem Blutbad von Damaskus an, will lehren, daß daraus die Erkenntnis der jüdischen Einheit erwuchs, redet sehr lau von den Verdiensten Gabriel Rießers, dem er politisches Verständnis abspricht, sehr warm von den Anfängen der Alliance Jsraelite, deutet den Antisemitismus an, dem er aber im wesentlichen nur die Bedeutung zuerkennt, eine tiefe Kluft zwischen den westlichen und östlichen Juden geschaffen zu haben und stellt folgende Forderung aus, „daß ein zionistischer Kongreß es als seine oberste praktische Aufgabe hinstellt, die Judenheit zu organisieren, die bestehenden und die noch zu begründenden neuen Organisationen zu einer einzigen zusammenzuschweißen; daß die Jewish Colonisation Association die Aufgabe der jüdischen Kolonisation durchführt nach den Beschlüssen der Gesamtjudenheit; daß die Jewish Territorial Organisation, die Alliance Jsraelite Universelle und der Hilssverein der deutschen Juden sich zusammentun, die jüdische Wanderung zu regeln und die Hilfsaktionen durchzusühren." Aus dem vierten Abschnitt: „Der Stand der Judenheit" ist die halbe Anhänglichkeit an die Juden als Rasse und die ganze Ueberzeugung von den Juden als Nation hervorzuheben, wenn auch der Verfasser, wie er es überhaupt gern tut, manches von dem zurücknimmt, was er eben behauptet hat. Seine eigentliche Ansicht drückt er wohl am deutlichsten in den Worten aus „es liegt übrigens nichts an dem Worte, und man darf ein anderes wählen. Nur von dem Glauben mache man sich endlich frei, daß die Religion die Juden verbände; das ist eine von keinerlei Erkenntnis und Wissen getrübte Annahme ... Die Juden hatten niemals eine Einheitlichkeit der religiösen Auffassung ... In ihrer Religionsgeschichte begegnet man den merkwürdigsten Gegensätzen, und in unserer Zeit ist es lächerlich, den ganz persönlichsten religiösen Meinungen mit ihren tausendfältigen Unterschieden diese Bedeutung beizulegen. Die Religion der Juden hat in ihrer Kulturentwickelung eine große Rolle gespielt, sie ist ein Teil der jüdischen Kultur geworden, sie ist nie ihr einziger Inhalt gewesen; und sie hat heute keineswegs mchr eine allgemeine kulturelle Bedeutung." Was der fünfte Abschnitt „Soziale und kulturelle Fragen. Ein Gespräch." will, vermag ich nicht anzugeben, da mir dies Gespräch absolut unverständlich geblieben ist.