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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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feier erschienenen Militärärzte der Generalstabsarzt der Armee Professor Dr. v. Schjerning, an der Feier teil. /Der studentische Ausschuß der Kaiser-Wilhelm-Akademie erschien mit dem umflorten Banner der Akademie, ebenso mehrere studentische Vereinigungen mit ihren Fahnen. Die Trauerseier fand in der Friedhofshalle statt, wo der Sarg vor einem Lorbeerhain ausgebahrt stand.. Eine Fülle prachtvoller Kränze umgab ihn- Die Feier wurde eingeleitet durch Chorgesang, Rabbiner Dr. Rosenthal hielt die Trauerrede, dann würdigten Geheimrat Dr. Landau, Geheimer Oberregierungsrat. und Vortragender Rat im Reichsschatzamt Professor Dr. v. Buchka, Dr. S ch m i d t k u n z und Dr. W v l s die Verdienste des Verblichenen um die medizinische Wissenschaft und Geschichte. Unter Chorgesang erfolgte die Uelersührung der Leiche zur Gruft und die Beisetzung mit akademischen Ehren. — Professor Julius Pagel war am 29. Mai 1851 zu Pollnow in Pommern als Sohn eines aus Rußland stammenden Kultusbeamten geboren, hatte in Berlin studiert und sich schon damals eng au den damaligen Lehrer der Geschichte der Medizin, August Hirsch, angeschlossen. Seine Doktorarbeit vom Jahre 1875 behandelte die „Geschichte der Göttinger medizinischen Schule im 18. Jahrhundert". Seine äußeren Verhältnisse gestatteten ihm zunächst nicht, sich der von ihm erstrebten akademischen Laufbahn zu widmen, 1876 ließ er sich im Norden Berlins als Arzt nieder. Aber alle freie Zeit widmete er biographisch-medizinischen Studien, infolge deren August Hirsch ihn Mitte der achtziger Jahre an Stelle von Wernich als Hanptmitarbeiter für sein großes biographisches Lexikon heranzog. Ein Lieblingsstudium Pagels war die kritisch-historische Erforschung der hervorragenden Anatomen und Chirurgen des Mittelalters. Julius Pagel war auch, wie nur wenige seiner Standesgenvssen, auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttums bewandert. Er befaßte sich viel, mit talmudischen Studien, verstand und schrieb ziemlich gut hebräisch und verfolgte mit großer Aufmerksamkeit die Entwickelung der modernen hebräischen Literatur. Er stand aus dem Boden des traditionellen Judentums, das für ihn nicht nur eine Wissenschaft, sondern, und in erster Reihe,, eine sprudelnde Heilsquelle zur Labung der Menschenseele war. Julius Pagel gehörte zu den wenigen, die von der gewöhnlichen Heerstraße des Lebens abweichen und ihre eigenen Wege gehen. Er. hat als vorzüglich gebildeter Jude gelebt, gefühlt und gewirkt, und ist auch als treuer und nicht nur als Jude der Abstammung und dem Namen nach gestorben. Ehre seinem Andenken. L2 Aus Oberschlesien, 2. Februar. Ein neuer Rabbinatsbezirk wird vom 1. April d. I. an in Rybnik O.-S. gebildet werden. Vorstand und Repräsentantenversammlung der dortigen Synagogengemeinde haben in ihrer letzten Sitzung den einstimmigen Beschluß gefaßt, ohne Ausschreibung der Stelle Herrn Rabbiner Dr. Brauns ch w e i g e r aus Kattowitz O.-S. zu berufen. Eine Deputation der Rybniker Shnagogengemeindevertretung hat dieser Tage persönlich. Herrn Dr. Br. das Amt angetragen, der voraussichtlich bereits zum I. April dorthin übersiedeln wird. A. L. Hamburg, 2. Februar. Auch Hamburg hatte seine Zentenarfeiern für Ludwig Philippson,.denn die Würdigung dieses bedeutenden I Mannes und seines rastlosen Arbeitens für unsere Vüterreligion ist! in den liberalen jüdischen Kreisen unvergessen. Schon am 30. Dezember 1911 bereitete das „Gemeinschaftsheim" einen schönen Festakt, > bei dem Herr Rektor Feiner, der jüngste, Biograph Philippfons, ein umfassendes Bild vom Leben und Wirken des Gefeierten gab. Vorder und nachher wurden von Philip.pson gedichtete Synagogenlieder gesungen. — Am 15. Januar veranstaltete der Gabriel-Rießer-Verein eine Feier. Gabriel Rießer stand in seinem politischen Streben für die Stellung und Emanzipation der Juden im Leben Philippsons sehr nahe; da war es gegeben, daß die nach ihm benannte Hamburger Vereinigung das Andenken Philippsons feierte. Herr Prediger Dr.Leimd ö r f e r hielt die Festrede und gab in hinreißender Form, in zündender Begeisterung ein Bild dessen, was Philippson war, was er schuf und was er der jetzigen Generation noch ist. Er nannte ihn den großen Erzieher der deutschen Judenheit, er schilderte, wie Philippson, wie kein zweiter seit Moses Mendelssohn, für die Gleichstellung im Staat und Gesellschaft gewirkt, für die Schaffung einer öffentlichen Meinung durch sein Organ, die „Allgemeine Zeitung des Judentums", und wie er in vielgelesenen Schriften der jüdischen Denkweise ein Gepräge des Höhen, Reinen und Logischen verliehen. Er berichtete von der neuzeitlichen Fortentwickelung durch das universelle Arbeiten Philippsons. Seinen Anregungen verdanken viele, noch jetzt segensreich wirkende Institutionen ihre Existenz, zum Beispiel der Deutschisraelitische Gemeindebund, die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, die auf dem von Philippson gegründeten und 18 Jahre persönlich geleiteten Institut zur Förderung der jüdischer^ Literaturfußt. — Reicher Beifall und wachsendes Interesse begleiteten den überaus interessanten Vortrag. A. Nürnberg, 2. Februar. Die Feier des Geburtstages Kaiser Wilhelms war diesmal für unsere israelitischen Mitbürger von besonderer Bedeutung, weil der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. Freudenthal, von seiten des Oberbürgermeisters. Herrn Geheimrat Dr. v. Schuh den ehrenvollen Auftrag erhielt, bei dem offiziellen Festmahle im althistorischen Rathaussaale die Festrede auf den Kaiser zu halten. Herr Tr. Freudenthal hat diese Aufgabe in geradezu meisterhafter Weise erfüllt und hat durch seine herrliche, von vaterländischer Begeisterung getragene Sprache lebhaften Beifall nnd hohe Anerkennung von allen anwesenden Vertretern der Behörden, des Magistrates und der Bürgerschaft gefunden. Der Redner zog, wie es in diesen Tagen nahelag, eine Parallele zwischen Kaiser Wilhelm und seinem großen Ahnherrn Friedrich II. Er schilderte, wie beide Herrscher von dem Ideal des modernen Rechtsstaates durchglüht waren, wie beide in treuer Pflichterfüllung in dem Monarchen „den ersten Diener des Staates" erblickten und fernerhin, wie beide Herrscher trotz hervorragender militärischer Neigungen in einem dauernden Frieden den Hort und das Heil der Völker erblickten. C. F. Frankfurt a. M., 31. Januar. Der I ü d i s ch e F r a u e n - b u n d betrachtet es als seine vornehmste Ausgabe, arbeitsuchenden Mädchen und Frauen durch seine Stellenvermittelungen Erlverbsmöglichkeiten zu schaffen. Die genaue Kenntnis der lokalen Verhältnisse, der Anforderungen, die an Berufsausbildung und Leistungen gestellt werden, ernwglichen es den Stellenvermittelungen, den Arbeitnehmern mit Rat zur Seite stehen. Das vorgesteckte Ziel --- Arbeitgeber und Arbeitnehmer ganz zu befriedigen — kann aber nur erreicht werden, wenn sich überall, wo Glaubensgenossen in Deutschland wohnen, Männer und Frauen finden, die bereit sind, Auskünfte zu erteilen, Erkundigungen einzuziehen und reisende Frauen und Mädchen mit Rat und Tat zu unterstützen. Es kommt häufig vor, daß Frauen und Mädchen in die großen Städte kommen ohne Kenntnis irgendeines Berufes, mit knappen Mitteln, ohne sich einwandsreies Logis gesichert zu haben, um dann ratlos und weltfremd Ausbeutern und Aübeuterinnen in die Hände zu fallen, die ihre Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit mißbrauchen. Dem könnte gesteuert werden, wenn überall, auch an den kleinsten Plätzen sich Männer und Frauen fänden, die bereit sind, mit den Stellenvermittelungen schriftlich in Verbindung zu treten, um die Arbeitsuchenden, bevor sie zu Hause ihre Angehörigen verlassen, vor allerlei Gefahren und Ungemach zu schützen. Unsere Bitte geht nun dahin, uns durch die Gemeindevorstände Männer und Frauen n a m h a f r zu machen, die das Amt von Ver tr a u en sp er sonen übernehmen, und an die man sich gegebenenfalls um Auskünfte wenden kann. Die Tätigkeit, die ein solches Amt erfordert, ist eine leichte, und der Aufwand von Zeit, der verlangt wird, geringfügig gegenüber dem großen sozialen Nutzen, der erzielt werden kann. Gewiß wenden wir uns nicht vergeblich an die Väter und Mütter, die Brüder und Schwestern, die ihren Glaubensgenossen stets gerne beistehen, wenn es sich um Betätigung des Gemeiusinnes, um ideelle Hilfeleistungen handelt. Die Unterzeichnete ist bereit, Anmeldungen von Vertrauenspersonen entgegenzunehmen und sämtlichen Stellenvermittelungen zu überweisen. Der Vorstand der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Jüdischen Frauenbundes. Die Vorsitzende: Frau Martha Schlesinger, Arndtstraße 49. Gesterretch-Nngsrn. K. Wien, T.Februar. Gegen die geplante Demolierung des alten Tempels in der Seitenstettengasse macht sich in — Künstlerkreisen eine gewisse Strömung geltend. In einer Zuschrift an die „Neue Freie Presse" wird darüber Klage geführt, „daß der alte Seitenstettentempel./Kn Juwel der Empirebaukunst, der neumodischen Demolierungsmanie zum Opfer fallen sollte. Dies grenze bereits an Vandalismus". Besagte Synagoge war das Meisterstück des Architekten Kornhäusel, des Erbauers der Weilburg im Helenentale. Mit Ausnahme des gleichfalls im Empirestil gehaltenen großen Redontensaales in der Hofburg gibt es kein Gebäude in Wien, das als gleichwertes anzusehen wäre. Die Synagoge ist in den Jahren 1825—1827erbaut und durch den seither verstorbenen Architekten Stiaßny getreu

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